Archiv der Kategorie 'Literatur'

Sein Kampf

Dieser Scheisskerl ist nicht totzukriegen. Er soll sich am 30. April 1945 in Berlin eine Kugel in den Kopf geschossen haben. Doch was hat er da schon treffen können? Ein Gehirn kann es nicht gewesen sein. Denn wer ein Gehirn hat, schafft seinen Schulabschluss, macht eine Berufsausbildung und hat soziale Bindungen. Er aber hatte nichts von dem, und dennoch entfaltete er eine enorme Macht. Wie es dazu kam, soll, so heißt es in seiner „Programmschrift“, die er im Knast mühsam aufs Papier kritzelte, Buchstaben für Buchstabe, angekündigt und erklärt haben. Doch das Buch ist sehr wahrscheinlich ein Plagiat, abgeschrieben aus dem Werk eines US-amerikanischen Autors, mutmaßlich falsch übersetzt und mit hirnlosem und antisemitischem Gefasel ergänzt. Das böse Plagiat ist in Deutschland unter Verschluss. Nun aber will ein britischer Verleger Auszüge aus dieses Abschrift an deutsche Kioske bringen. Newsbattery jedoch ist nicht nur schneller, sondern auch innovativer und publiziert einen Auszug des Originals.

Bei der Erforschung der Neigungen und Triebe, der prima mobilia der Menschenseele, haben Psychologen stets einen Hang übergangen, der, obwohl er sichtbar und deutlich als, ursprüngliches, nur auf sich selbst zurückzuführendes Gefühl vorhanden ist, auch von den Moralisten, ihren Vorgängern, übersehen wurde. Wir alle haben ihn, durch die törichte Anmaßung unseres Verstandes unaufmerksam gemacht, nie beachtet, ja selbst der Möglichkeitsgedanke ist uns nie gekommen, weil wir das Bedürfnis nicht fühlten, die Tatsache jener Neigung, jenes Hanges festzustellen.

Was soll ich noch hinzufügen? Heute trage ich Ketten und bin hier! Morgen bin ich fessellos, doch wie?

Den vollständigen Originaltext in deutscher Übersetzung finden Sie in „Der Geist des Bösen“ von Edgar Allan Poe.


Fotos, die seine Hackfresse zeigen, müllen das Internet voll.
Teil einer Übersicht aus Google

Baustelle Elbphilharmonie in Flammen

Die im Bau befindliche Elbphilharmonie ist seit Jahren Streitobjekt zwischen der Stadt, dem Baukonzern Hochtief, den Generalplanern und den Parteien in der Bürgerschaft. Nachdem nun die Hamburger Morgenpost als April-Scherz vom Verkauf der Namensrechte an eine arabische Fluggesellschaft berichtete, brennt das umstrittene Gebäude. Der Hamburger Senat bereitet sich jetzt offenbar auf eine Verschiebung der für Mai 2012 vorgesehenen Eröffnung der Elbphilharmonie vor. Bewohnern der im Luftzug befindlichen Stadtteile wird geraten Fenster und Türen zu schließen. Es besteht aber mutmaßlich keine Gefahr für Leib und Leben.


© Webcam: elbwetter.de


Aktualisierung von 13.13 Uhr


Es müssen wohl alle bereits installierten Glasscheiben ausgetauscht werden. Sie haben offensichtlich Luft gezogen und scheinen an den Rändern vom Rauchgas beschlagen zu sein.
© Foto: Harald Haack

Meldung vom 2. April 2010:
Beschwerdestelle des Senats für Geschädigte der Elbphilharmonie

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Der Tunnel-Hamlet

Hamlet im maroden Fußgängertunnel, inmitten des Hamburger Freihafens. Wer hätte das gedacht? Der Urheber der Worte ist bekannt: William Shakespeare. Aber wer die Zeile so sorgsam in schöner Schreibschrift auf die dreckige Wand mit Kohlestift malte, ist (noch) ein Rätsel.

Harald Haack – Shakespeare lässt seinen Hamlet sagen: „The time is out of joint…“ Deutsch: „Die Zeit ist aus den Fugen…“ Seltsam, wie gut diese Aussage in unsere Gegenwart passt. Bislang aber gab es den „Hamlet“ nur auf der Bühne.

    „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
    Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
    Des wütenden Geschicks erdulden oder,
    Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
    Durch Widerstand sie enden?
    Sterben – schlafen – Nichts weiter!“

Das sind die wohl bekanntesten Worte (3. Aufzug, 1. Szene) aus dem Stück „Tragödie Hamlet, Prinz von Dänemark“ von William Shakespeare, in dem er in einem Monolog Hamlets existenzielles Erkennen ausdrückt und jede Menge Identifikationsmöglichkeiten nicht nur für Leser und Zuschauer des elisabethanischen Zeitalter bietet, in dem Shakespeare lebte, sondern auch heutzutage noch; besonders dann, wenn es um Unterdrückung und Ausrottung geht.

Kein Wunder, dass Ernst Lubitsch 1942 die Spielfilm-Komödie „Sein oder Nichtsein – Heil Hamlet!“ inszenierte.

Wikipedia: „Der Film spielt in Warschau, 1939. Die polnischen Schauspieler eines Theaters proben eine antifaschistische Komödie, kurz bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht. Da die polnische Regierung nicht in Konflikt mit dem Hitlerregime geraten möchte, wird das Stück vom Spielplan abgesetzt. Stattdessen spielt das Ensemble Hamlet mit Joseph Tura in der Titelrolle. Während des Hamlet-Monologes Sein oder Nichtsein hat die Ehefrau des Hauptdarstellers Maria Tura in ihrer Garderobe ein Rendezvous mit dem jungen Fliegerleutnant Stanislaw Sobinski. Zum Entsetzen des Schauspielers Tura steht der junge Offizier während des Monologes aus dem Zuschauerraum auf und geht hinaus, was Tura natürlich als Respektlosigkeit gegenüber der Schauspielkunst ansieht. Während einer der Aufführungen bricht der Zweite Weltkrieg aus und Warschau wird bombardiert.“

„Hamlet“ bildet in der bitterbösen Filmkomödie nicht nur die Rahmenhandlung, versinnbildlicht wird auf komische Weise der Zustand Polens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die polnischen Protagonisten werden jeder für sich zu einem Hamlet. Hamlet, wie er einst am Fäulniszustand seines Landes litt, innerlich zerrissen, grübelnd und suizidgefährdet. Doch sie wachsen über diesen Hamlet hinaus und meistern mit Pfiffigkeit brenzliche Situationen. Und überhaupt wurde Shakespeares Hamlet zu einer Identifikationsfigur der krisengeschüttelten Staaten des modernen Europa.

In der frühen Nachkriegszeit wurde Gustav Gründgens in Hamburg mit seinen Hamlet-Inszenierungen berühmt. Zuletzt gab es den Hamlet im Thalia-Theater in der Spielzeit 07/08 von Michael Thalheimer inszeniert. Nun steht eine neue Premiere an: Am 26. September 2009 auf der Bühne des Malersaales vom Schauspielhaus.

Und Hamlet auch im Tunnel; einem nahezu unbekannten Hamburger Fußgängertunnel neben dem Veddeler Damm am Niedernfelder Ufer. Oben die rostigen Eisenbahnschienen, unten stilles Verrotten der Wände.

Zuletzt nutzte ich diesen Tunnel vor einigen Jahren und machte auch Fotos. Graffiti gab es reichlich, doch noch kein „Hamlet“.

Die Schrift wurde sorgfältig auf einer zuvor angebrachten Bleistiftlinie mit Kohle geschrieben. Da die Kohle nicht mit Fixativ geschützt wurde, bleibt sie am Finger hängen, wenn man über sie streicht. Abgeplatzte Putzstellen schien dem unbekannten Schriftkünstler nicht sonderlich gestört zu haben. Er malte darüber hinweg, in die Tiefe der Schadstellen hinein.

Doch dieser Hamlet wird die Zeit nicht überdauern. Sein Ende ist besiegelt. Am vergangenem Wochenende entfernten Bauarbeiter eine Hälfte des Deckels vom Tunnel, um einen neuen Deckel anzubringen. Dann wird der gesamte alte, marode Putz abgeschlagen und erneuert, womit sämtliche Graffiti, auch „Hamlet“, vernichtet werden. Doch nicht nur der Tunnel wird saniert, auch die alten Eisenbahnbrücken sollen gegen neue Stahlkonstruktionen ausgetauscht werden.

Interessant, was das Schauspielhaus zur bevorstehenden Inszenierung schreibt:

»Hamlet« ist ein spannender Spionagethriller. Die Wände in Helsingör haben Augen.

Im Tunnel gab es dank Hamlet eine Umkehr: Augen, darunter das Objektiv meiner digitalen Kamera, blickten auf die Wand.

War es ein Mitarbeiter des Schauspielhauses, der im Fußgängertunnel das Zitat anbrachte? Sie könne es „nach Rücksprache mit der Dramaturgie tatsächlich ausschließen, dass die Wandmalerei aus unserem Hause stammt“, schreibt mir die Pressesprecherin des Schauspielhauses, Maret Schütz, und verweist in einer nachfolgenden E-Mail auf die Thalheimer-Inszenierung des Thalia-Theaters. Aber dort will es auch keiner gewesen sein. Und selbst bei der Hamburger Kulturbehörde zeigte man sich erstaunt über den „Tunnel-Hamlet“.

    »Die Zeit ist aus den Fugen.
    Fluch und Scham,
    Dass ich zur Welt,
    sie einzurenken, kam.«

Die vom Schauspielhaus favorisierte Übersetzung und nachstehend die im Tunnel verwendete Übersetzung:

    »Die Zeit ist aus den Fugen.
    Schmach und Gram,
    Dass ich zur Welt,
    sie einzurenken, kam.«

(Hamlet, 1. Aufzug, 5. Szene)


Das Shakespeare-Zitat im Fußgängertunnel am Veddeler Damm/Niedernfelder Ufer. Blick zum Eingang auf der Südseite des Tunnels.


Bauarbeiter untersuchen die alte Tunneldecke. Laut HPA wurde der Tunnel 1908 gebaut und 1964 umfangreich erneuert und verstärkt.


Kommentar der Arbeiter zum Hamlet-Zitat: „Solche Art von Graffiti darf sein.“
© Foto: Harald Haack / newsbattery.eu


Der südliche Eingang zum Fußgängertunnel und eine der maroden Eisenbahnbrücken, die bis 2010 erneuert werden sollen.
© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu


© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu


Der „Hamlet im Tunnel“ in ganzer Länge, das Panorama aus technischen Gründen hier um 90° zum Hochformat gedreht. Die Bildbreite entspricht in etwa 2/3 der Wandhöhe des Tunnels.
© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu

Wie ein Schleier, die Atmosphäre einer Tragödie

In den Bildern des Buches „Wir waren hier“ von Tadeusz Rolke trifft man auf einen Künstler und einen Meister seines Faches. Die Arbeiten von Tadeusz Rolke sind unter vielen anderen wieder zu erkennen, haben sie doch Besonderheiten, die nur seiner Art der Fotografie zueigen sind: Jeder Schatten und jede Form auf diesen Bildern zeigen uns eine geistige Dimension.

Feliks Tych – Diese Auswahl gibt nicht nur einen Eindruck von dem außergewöhnlichen Werk Tadeusz Rolkes. Sie zeigt uns vielmehr den Fotografen als moralisch sensiblen Zeugen der Geschichte – der Geschichte einer Gemeinschaft, die Mitte des 20. Jahrhunderts fast vollständig aus Polen verschwunden ist: des polnischen Judentums.

Auf den Fotografien von Tadeusz Rolke sieht man weder eine Mordszene, noch die Mörder, noch ihr Handwerkszeug. Sie zeigen nur die materiellen Spuren dieses Rückfalls in die Barbarei: Ruinen von Synagogen, von Gebetshäusern und Sitzen berühmter Zaddikim in Polen und in der Ukraine. Es sind keine romantischen Ruinen. Auf jedem dieser Bilder zeigt sich wie ein Schleier die Atmosphäre einer Tragödie, zeigt sich das historische Drama des Mordes an den Juden.

Tadeusz Rolkes Fotos berichten von den zivilisatorischen Folgen des Holocaust. Mit der Machtübergabe an Hitler zeigte sich, dass ein großer Teil der Bevölkerung in einem der kulturell und ökonomisch höchst entwickelten Länder sich Schritt für Schritt von einer rassistischen Obsession auf den Weg des Völkermords drängen ließ; eines Mordes, der im Namen des deutschen Staates an einer ganzen Bevölkerungsgruppe begangen werden sollte, die über ein irrationales Rassenkriterium zunächst aus dem eigenen Volk selektiert wurde. Der Novemberpogrom 1938 war der Vorbote. Nicht ganze drei Jahre später gab es bereits den Plan für eine industrielle Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung in Europa – vom Greis bis zum Säugling. Dieser Plan wurde von 1941 bis 1945 fast perfekt verwirklicht, und damit hätte Adolf Hitler im Grunde genommen das einzige Ziel seines Krieges erreicht, der in allen anderen Bereichen verloren ging und der von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung bis zuletzt unterstützt wurde. Als Mittäter oder Täter waren dabei nicht nur hunderttausende Deutsche und Österreicher hinzugezogen worden, sondern auch weite Teile anderer Völker in Europa: Ukrainer, Litauer, Letten, Ungarn, Rumänen, Slowaken, Kroaten und – allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß – auch ein Teil meiner eigenen polnischen Landsleute.

Wenn man mit nur einem Wort beschreiben sollte, was die Bilder von Tadeusz Rolke – in einer fast philosophischen Dimension – zeigen, dann wäre das: Abwesenheit. Die Bilder zeigen nicht eine Gegenwart des Menschen, sie zeigen in der Abwesenheit einen Riss, eine Lücke.

Häuser sind der Verwitterung ausgesetzt; das gehört zum natürlichen Lauf der Dinge, wenn Sonne und Wind und Wandel ihr Werk tun. Dieser Verfall mag auch vom Menschen herrühren; aber besonders schnell verfallen Häuser, wenn die Menschen verschwunden sind, die in ihnen wohnten, wenn niemand mehr da ist, der sich um das Haus kümmert. Und in Polen und in der Ukraine gibt es nur wenige, die sich um die materiellen Spuren der Anwesenheit von Juden kümmern.

In Polen und der Ukraine lebten vor dem Holocaust mehr als fünf Millionen Juden. Allein die polnische Judenheit zählte vor dem deutschen Überfall im September 1939 etwa dreieinhalb Millionen Menschen. Nirgendwo sonst in Europa lebten so viele jüdische Menschen, nur in den USA gab es mehr. Heute zählen alle jüdischen Gemeinden in Polen zusammen genommen knapp sechstausend Mitglieder.

Im Vorkriegspolen macht die jüdische Bevölkerung zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus und rund 40 Prozent der Stadtbevölkerung. Das waren sehr oft orthodoxe Juden, die noch traditionelle Tracht trugen und in aller Regel jiddisch sprachen, und es waren auch vollständig assimilierte Juden, die sich im täglichen Leben untereinander wie auch mit anderen auf Polnisch verständigten. Unter ihnen gab es gläubige Juden und solche, die der jüdischen Religion ferner standen. Es waren Arme und Reiche, in ganz Polen bekannte Dichter, Schriftsteller und Künstler, aber auch einfache Lastenträger, Schuster, Schneider, Ladenbesitzer und Straßenhändler.

Tadeusz Rolke gehört zu einer Generation, die sich noch an eine polnische Landschaft mit Juden erinnern kann. Er kann sich noch erinnern, wie polnische Städte und Kleinstädte vor dem Krieg aussahen, als die Juden ein organischer Bestandteil des dortigen Lebens waren. Das ist vielleicht ein Grund, warum er in der Lage ist, seine Motive geradezu perfekt auszuwählen.

Der Holocaust kostete drei Millionen polnischer Juden und Jüdinnen das Leben. Etwa ein Drittel davon hatte in den Gebieten gelebt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst an die Sowjetunion gefallen waren und später zur Ukraine, zu Weißrussland und zu Litauen kamen.

Die weitaus meisten polnischen Juden wurden in den vier Vernichtungslagern Kulmhof, Sobibór, Bełżec und Treblinka vergast, die die SS im besetzten Polen hatte bauen lassen, ausschließlich um die Juden sofort zu ermorden – mitunter waren auch Sinti und Roma die Opfer. Daneben gab es noch zwei Lager, die die Funktionen von KZ und industrieller Mordeinrichtung miteinander verbanden: Auschwitz-Birkenau, die größte Todesfabrik im Dritten Reich und Majdanek bei Lublin.

Die wenigen polnischen Juden und Jüdinnen – es waren etwa neun Prozent –, die den Holocaust in einem Versteck, in Konzentrations- lagern, in Zwangsarbeitslagern oder bei den Partisanen überlebt hatten, verließen Polen in den ersten vier Jahren nach Kriegsende; größtenteils weil sie sich nicht sicher fühlten, insbesondere nach der mörderischen Pogromwelle und den Meuchelmorden in den Jahren 1945 und 1946.

So legen die Fotos von Tadeusz Rolke Zeugnis ab von der größten Tragödie, die Polen widerfahren ist: vom Verschwinden der polnischen Juden, vom Mord an einer ganzen Nation. Aber man sieht keine Menschen auf diesen Bildern, obwohl doch Menschen das Wichtigste ihrer Botschaft sind. Man sieht nur Häuser oder das, was von ihnen bleibt und manchmal den Schatten eines Menschen. Obwohl die Menschen auf den Bildern das wichtigste sind. Man sieht Gebäude oder das, was von ihnen geblieben ist. Und doch handeln sie von Menschen.

Diese Bilder haben eine dokumentarische Qualität – aber für mich ist etwas anderes noch wichtiger: Der fast poetische Zug dieser Fotos bringt uns dazu, eher über den Holocaust nachzudenken als der drastische Augenblick am Tatort zur Tatzeit, so wie er auf einem historischen Foto festgehalten wird. Möglicherweise ist das so, weil die Bilder nicht allein von der Shoa selbst sprechen, sondern auch von denen, die nach dem Krieg in der Gegend lebten, in der diese Bilder aufgenommen wurden, und davon, wie sie sich den Juden und der Shoa gegenüber verhielten. Kurz gesagt: sie sprechen auch vom Vergessen. Sie sprechen vom Nicht-Gedenken, vom Nicht-Erinnern. Davon, dass etwas nicht in Erinnerung bleibt, das um der ganzen Menschheit willen nicht vergessen werden dürfte.

Der Holocaust bedeutet nicht allein, dass Menschen vernichtet wurden – auch die materiellen und symbolischen Spuren ihrer Anwesenheit wurden vernichtet. Die weitaus meisten Synagogen wurden abgerissen oder anders zerstört. Die örtliche Bevölkerung eignete sich – schon bereits während des Krieges – nunmehr verwaiste jüdische Grabsteine an, um sie nach deutschem Vorbild als Baumaterial zu verwenden oder mit ihnen Höfe und Plätze zu pflastern. Auch die kommunistischen Behörden etwas später kümmerten sich selten um Synagogen und Friedhöfe. Einige Synagogen wurden noch nach 1970 abgetragen. Erst in letzter Zeit melden sich Bauern und manchmal auch Pfarrer und bringen Mazzewen, Grabsteine, mit denen zuvor der Hof des Pfarrhauses oder der Sakristei gepflastert war.

So ist Tadeusz Rolke – ohne selbst einen jüdischen Hintergrund zu haben – durch seine künstlerische Arbeit zum Wächter des Gedenkens an die ermordeten Juden geworden. Es ist ein Gedenken im Medium der Fotografie, der Kunst. Aber diese Fotografie hat gleichzeitig eben doch auch eine unerhört wichtige dokumentarische Dimension. Sie lehrt Geschichte und das auf einem höchst sensiblen Feld: es geht hier um die zivilisatorischen Folgen des Holocaust.

Diese Fotos gelten nicht Tagesereignissen, sie beziehen sich nicht so sehr auf einen konkreten Ort oder eine konkrete Zeit. Vielmehr zeigen sie langfristig wirkende, dauerhafte Folgeerscheinungen einer existentiellen und zivilisatorischen Katastrophe. Aber nicht die Natur bewirkte diese Katastrophe, sondern der Mensch und nicht nur an dem Ort, an dem das einzelne Foto entstand, sie betrifft vielmehr weite Teile Ost- und Mitteleuropas und dadurch die gesamte europäische Kultur und Zivilisation. Sie zeigen eine Katastrophe, die zur Ausrottung einer ganzen Kultur samt ihrer Sprache geführt hat.

Metaphorisch spiegelt sich die Dimension dieser Katastrophe im Schicksal des Jiddischen wider. Bis zum Holocaust sprachen zehn Millionen Menschen Jiddisch, und es wurde – abgesehen von einigen Enklaven – innerhalb von drei Jahren vor den Augen einer Generation zu einer toten Sprache, wie das Latein. Das Schicksal des Jiddischen, das nach der klassischen Tradition im Wesentlichen auf einen west-mitteldeutschen Dialekt zurückgeht, wurde also von Menschen aus dem Land besiegelt, aus dem es stammte. Gerade in den Gegenden, in denen diese Fotos entstanden, war die jiddische Sprache das Verständigungsmittel der meisten dort lebenden Juden.

Anders als beim Lateinischen war das Verschwinden des Jiddischen als Massenverständigungsmittel – vor 1939 erschienen in Polen etwa 420 Zeitschriften auf Jiddisch – nicht das Ergebnis eines langsamen und schrittweise sich vollziehenden zivilisatorischen Wandels. Latein ist bekanntlich nicht ganz verschwunden; es war bis vor kurzem die liturgische Sprache der römisch-katholischen Kirche, vor allem aber leiten sich mindestens fünf große europäische Sprachen vom Lateinischen her. Nein, das Jiddische verschwand nicht in einem evolutionären Prozess – es erlosch innerhalb von zwei Jahren in Folge eines Völkermordes.

Die Fotos Tadeusz Rolkes zeigen Spuren in der Architektur und in der Landschaft, die von etwas Unwiederbringlichem zeugen. Es sind Spuren der materiellen und geistigen Anwesenheit von Menschen, die binnen kurzer Zeit ermordet wurden, zwischen dem Sommer 1941 und dem Sommer 1943, und die Mehrheit von ihnen sogar in einem noch kürzeren Zeitraum, zwischen dem Sommer 1941 und dem Herbst 1942.

Die Fotos entstanden vor allem in Zentral- und Südpolen sowie in einem Teil der Ukraine. Vor den Teilungen Polen, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die jüdische Kultur die für diesen Teil Europas charakteristischen Züge annahm, lagen diese Gebiete innerhalb der Grenzen von Polen-Litauen. Dann, nach den Teilungen, wurde ein Teil davon dem sogenannten Ansiedlungsrayon einverleibt, mit anderen Worten dem größten Ghetto der Welt, das der Staat der russischen Zaren eingerichtet hatte und das erst durch die russische Februarrevolution von 1917 abgeschafft wurde.

In der polnischen Adelsrepublik lebten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwa 80 Prozent aller Juden auf der damaligen Welt. Sie waren aus anderen Ländern Europas, vor allem aus Deutschland – Ashkenas – vor den Morden zur Zeit der ersten Kreuzzüge hierher geflüchtet. Ende des 13. Jahrhunderts waren die Juden aus England und am Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal vertrieben worden. Zur Zeit der Inquisition dehnten sich die Verfolgungen auf andere Länder Europas aus. In Polen genossen sie zwar keinen vollständigen Schutz vor Verfolgungen, aber sie wurden hier doch weniger belästigt als anderswo in Europa. Das änderte sich, als an der Ostgrenze des damaligen polnischen Staates 1648/49 der Aufstand des ukrainischen Hetmans Bohdan Chmielnicki ausbrach. Er hatte sich gegen die polnische Schlachta erhoben und ermordete bei dieser Gelegenheit Zehntausende der dort ansässigen Juden – sie hatten meist eine wirtschaftliche Mittlerrolle inne, deshalb sah er in ihnen „Verbündete“ des polnischen Adels, die entsprechend grausam behandelt wurden.

Vielleicht sind die ukrainischen und ostgalizischen Gebiete für den Fotografen Rolke aber vor allem deshalb von so großem Interesse, weil hier die großen jüdischen messianischen Bewegungen des 18. Jahrhunderts ihren Anfang und Ausgang nahmen. Sie führten zwar nicht zu einer Modernisierung des Judaismus im Sinne späterer Reformen in Westeuropa, für die der Name Moses Mendelssohn steht. Aber es entstanden in jedem Fall mehrere wichtige religiöse Strömungen im askenasischen Judentum.

In dieser Gegend formierten sich im 18. Jahrhundert die Bewegungen der jüdischen Häretiker, der Frankisten und der Sabbatisten. Und hier bildeten sich auch die meisten großen chassidischen Gemeinschaften, Gruppen frommer Juden um den Hof des einen oder anderen Zaddik. Ein Zaddik war eine Art Weiser, von dem man annahm, dass er engere Beziehungen zum Herrgott hatte als der Rest der Sterblichen. Die Bauten, die Tadeusz Rolke auf seinen Fotos – meist nur noch in Spuren – zeigt, waren oft Sitze solcher Zaddikim; mitunter auch die Synagogen der Städte, in denen sie Hof hielten – also Symbole einer jüdischen Präsenz, der der Holocaust ein Ende setzte.

Es ist also kein Zufall, dass Tadeusz Rolke diese Bauten zum Objekt seiner Fotografie machte. Denn sie symbolisieren das Ende einer Epoche in diesen Gebieten oder eigentlich das Ende einer Epoche überhaupt.

Sicherlich gibt es auch heute noch, besondere in Israel und in den USA Anhänger einzelner großer Zaddikim aus jenen polnischen und ukrainischen Gebieten. In den meisten Fällen entstanden diese Höfe der Zaddikim im 18. Jahrhundert oder der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am bekanntesten sind vielleicht die Anhänger des Rabbi von Lubawiscze, genauer ihrer Dynastie, der Schneursons, die die chassidische Chabad-Bewegung schufen. Bis heute gibt es auch noch Anhänger des Zaddiks von Bobowa, des Rabbis aus Bełz und des Rabbis aus Czortków, des Zaddik Eli Melech aus Leżajsk und des Zaddik aus Góra Kalwaria, den die Juden Ger nennen. Am Todestag oder am Geburtstag des Gründers einer solchen Dynastie oder des letzten Zaddik versammeln sich ihre Anhänger an den Gräbern um zu beten, und sehr oft sind es junge Leute, in deren Familien das religiöse Zugehörigkeitsgefühl weitergegeben wird.

Vielleicht gibt es eine schlichte Beschreibung dessen, was die Bilder von Tadeusz Rolke heute zeigen: Sie sind der Versuch, ein Vakuum zu zeigen, das von einer Millionen Menschen zählenden Bevölkerung polnischer Juden hinterlassen wurde.

Ich sehe in den Fotografien Tadeusz Rolkes aber mehr als die für Historiker und Wächter der Erinnerung an die Verbrechen des 20. Jahrhunderts so notwendige Dokumentation dessen, was beständig einem weiteren Verfall unterliegt (auch wenn es Beispiele von Bauten gibt, die kürzlich renoviert wurden, wie die auf den Bilder ebenfalls gezeigte Ruine der Synagoge von Rymanów). Diese Bilder haben in sich ein Erkenntnis förderndes Potential: sie zwingen uns heute stärker zum Nachdenken darüber, was der Holocaust war und welche tiefen Spuren er hinterlassen hat als manches historische Bild – auch bei den Bewohner der Gegenden, in denen einst Juden als Nachbarn lebten, mit ihrem Verhältnis zum jüdischen Erbe, das eben das Erbe ihrer toten Nachbarn ist. Diese Fotos bergen nämlich ein eigenes, emotionales Potential für die Ausformung einer Erinnerungskultur. Ich meine hier nicht so sehr die Erinnerung an den Holocaust überhaupt. Auf ihn kommen wir so oder so in unserer historischen Arbeit und im moralischen Diskurs immer wieder zurück. Informationen aber können verschiedene Wege nehmen: solche, die man aus Gründen der psychischen Hygiene versperren will, wenngleich man das nicht sollte – und eben solche, die wegen ihres eigenen ästhetischen Codes die Information durchlassen. Diese Fotografien haben ein solches Erkenntnis förderndes ästhetisches Potential.

Primo Levi hat von der moralischen Pflicht gesprochen, Zeugnis davon abzulegen, was passiert ist. Ich denke, genau das tut Tadeusz Rolke in der Sprache seiner Kunst.

Die Publikation dieses Textes (als Einleitung zu dem Buch „Wir waren hier“ unter dem Titel „Das Vakuum“ publiziert) und der Fotos erfolgt mit freundlicher Erlaubnis der edition.fotoTAPETA Berlin sowie des Fotografen Tadeusz Rolke, Warszawa.
© Copyright by edition.fotoTAPETA Berlin /Tadeusz Rolke

WIR WAREN HIER

Verschwindende Spuren einer verschwundenen Kultur
Fotos von Tadeusz Rolke

Essays von Simon Schama
Mit einer Einleitung von Feliks Tych
und Texten von Abraham Joshua Heschel
Klappenbroschur, 192 Seiten, 75 s/w-Fotos
ISBN 978-3-940524-01-0
Preis: 19,80 EUR

Herzige Wörtli – große Wirkung oder das Schweizer Diminutiv

Bern, die Hauptstadt der kleinen westlichen Alpenrepublik, beherbergt jetzt genau 128 345 Einwohnerinnen und Einwohner, melden die Statistiker in ihrem Kurzbericht vom Juli 2008. 27.255 Personen stammen aus dem Ausland. Dazu vermerkt der Bericht trocken: „Eine eindrückliche Entwicklung als Einwandererland hat Deutschland erlebt: Den 2.032 im Jahr 1997 ermittelten deutschen Staatsangehörigen stehen Ende 2007 5.304 gegenüber. Ihr Bestand – gemessen an der gesamten ausländischen Bevölkerung – hat sich somit von 8,1 auf 19,5 Prozent erhöht.“

Peter Maibach – Kommen die Deutschen wirklich, wie die Medien behaupten? Mit der Zuwanderung nach Bern wird sich Deutschland wohl kaum entvölkern. Aber diese Zahlenpurzelei bietet mir Gelegenheit, über groß und klein nachzudenken, natürlich in meiner bevorzugten Sparte, dem Schweizerdeutschen.

Putzige Wörtchen, „herzige Wörtli“ in der schweizerischen Alltagssprache, finden Deutschsprachige niedlich und verirren sich prompt im riskanten Labyrinth helvetischen Verkleinerungsfimmels.

Im Kauderwelsch, das Erwachsene auf Kinder anwenden, sind Verkleinerungsformen noch einigermaßen nachvollziehbar. Das Schweizerdeutsche geht da salopp vor: Ist etwas klein, wird die Silbe „– li“ an das Wort angehängt – aus den Händen werden Händli, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu waschen sind, genau so wie die Häärli, die Füessli und so weiter, einfach alles was ein Mutterherz beschwingt zur immer bereiten Seife greifen lässt.

Auch in der ersten Klasse bei Fräulein Bigler blieb vorderhand noch alles klein. Wir ABC-Schützen waren Kamerädli, saßen zu zweit an einem Pültli und lernten für das Leben, nicht für die Schule. Vorsicht: Ein Schueli ist nicht eine kleine Schule oder ein zu kurz geratener Schüler, sondern die umgangssprachliche Abkürzung für die Schultasche; oder Schulranzen. Ein Ranzen übrigens bezeichnet in der Deutschschweiz definitiv nichts anderes als einen dicken Bauch. Es ist politisch unkorrekt, Personen auf ihren Ranzen hin anzusprechen. Dicke Schweizerinnen und Schweizer sind „fest“. Das tönt netter und alle wissen, was gemeint ist. Hinten durch (oder wie man in Deutschland sagt: „hinten herum“) lässt sich natürlich prächtig lautmalerisch ablästern, was einer für einen „feissen Ranzen“ habe.

Aber wir wollten eigentlich bei den „herzigen Wörtli“ bleiben. Auch die machen mit dem Älterwerden Veränderungen durch. Seltsamerweise bestehen die Verkleinerungsformen nach Abschluss der Kindheit weiter: In der schweizerdeutschen Erwachsensprache erhalten manche Wörter im Diminutiv zusätzlich zur eigentlichen Bedeutung eine Wertung aufgepfropft.

Wenn ein Töff – so bezeichnen wir hierzulande Motorräder – zum Töffli wird, ist dies eine nachvollziehbare kleinere Fahrzeugkategorie. Das Autöli hingegen übernimmt bereits verschiedene Schattierungen, etwa als anerkennende Untertreibung für einen Luxusschlitten, wird zum geliebten schnuckeligen Vehikel oder ist ein Billigfahrzeug oder ein Spielzeugauto.

Bedeutungsverschiebungen treiben den hochdeutsch Sprechenden noch tiefer in die Gänge des Labyrinths. Wer Heftli sagt, spricht möglicherweise von einem kleinen Heft. In den meisten Fällen wird er eine Boulevard-Illustrierte meinen. Non olet, aber das Hüsli ist nicht ein bescheidenes Domizil, sondern die Toilette. Damit erklärt sich eigentlich der Ausdruck „aufs Hüsli gehen“ wie von selbst. In beruflichem Umfeld empfehle ich eher den Gang zur Toilette. Und wenn Sie helvetischen Wortspaßvögeln ein kleines Duell liefern wollen, fragen Sie nach der Keramikabteilung.

Das Sprachgefühl für das treffende Diminutiv wächst mit der Erfahrung. Wenn Sie nicht sicher sind, lassen Sie es lieber bleiben. Tabu für Ungeübte sich: Chefli, Froueli, Deppli, Schwyzerli – ich versichere Ihnen, falsch angehängte „-li’s“ tönen für empfindliche Schweizer Ohren scheußlich und können zu unerwünschten Risiken und ewiger gesellschaftlicher Ächtung führen.

Gewusst wie, sende ich allen 5.304 Deutschen in Bern und allen anderen ein liebes Grüessli.




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