Archiv für Mai 2012

Sprach-Schwachsinn: Stromautobahn

Kaum hatte Fernsehjournalist Hans Jessen (ARD Berlin) in der 12-Uhr-Tagesschau zum Ausbau der Stromnetze in Deutschland den Vergleich mit einer Straße gewagt, die auch erweitert werden müsse, wenn der Schwerlastverkehr auf ihr zunähme, folgte die dpa mit einer Meldung, die sie unter der Überschrift „Lange Stromautobahnen aus dem Norden in den Süden geplant“ veröffentlichte. Die Stromautobahn war damit für die kommerziellen Medien „erfunden“.

Roland von Bremen – Nein, Autos werden auf dieser „Stromautobahn“ niemals fahren können. Zwar gab es schon mehrfach Überlegungen Straßen und Autobahnen mit Induktionsleitungen für Elektroautos auszustatten, über die sie kontaktlos mit Strom versorgt werden – ähnlich wie Omnibusse und Straßenbahnen, nur mit dem Unterschied, dass die Leitungen für jene Verkehrsmittel sich nicht im Boden befinden, sondern hoch über die Straße gespannt und nicht kontaktlos sind –, doch davon ist jetzt keineswegs die Rede. Es geht lediglich um den Ausbau der Hochspannungsleitungen über Land, damit der mit Windenergieanlagen erzeugte Strom bundesweit verteilt werden kann. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU) soll gesagt haben, so zitiert ihn die dpa: „Unser Ziel ist es, acht bis zehn Prozent des Stromverbrauchs in ganz Deutschland durch Erneuerbare Energien aus Schleswig-Holstein zu decken.“

Die dpa hängte dran: „Insgesamt 3800 Kilometer an neuen Stromautobahnen werden gebraucht, um den Atomausstieg bis 2022 zu schaffen. Zudem sollen 4400 Kilometer im bestehenden Höchstspannungsnetz so optimiert werden, dass sie fit werden für die schwankende Ökostromeinspeisung. Das geht aus dem Plan hervor, den die vier Übertragungsnetzbetreiber am Mittwoch in Berlin vorstellten. Es werden Kosten von 20 Milliarden Euro veranschlagt. Dabei sind neben kürzeren Abschnitten vier große, über mehrere hundert Kilometer laufende Stromautobahnen geplant, die von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ausgehend quer durch Deutschland Richtung Bayern und Baden-Württemberg verlaufen. Bis 10. Juli haben die Bürger Gelegenheit, Stellungnahmen zum Netzentwicklungsplan abzugeben (www.netzentwicklungsplan.de).“

Die 50Hertz Transmission GmbH, die Amprion GmbH, die TenneT TSO GmbH und die Transnet BW GmbH hatten zuvor schon auf ihrer gemeinsamen Webseite netzentwicklungsplan.de die Übertragungsnetze als „Stromautobahnen“ der Republik bezeichnet, doch hier noch in Anführungszeichen gesetzt; für Distanzierungen also üblich. Die dpa (und die meisten deren Kunden) wie auch die ARD-Tagesschau (Überschrift: „Vier Stromautobahnen für eine Energiewende“) verzichteten auf diese wichtige Nuance und traten damit voll ins „Fettnäpfchen“.

Das kommt davon, wenn Journalisten Nachrichten aufbauschen wollen und beim Abschreiben ihr Gehirn abschalten. So kommt der Handel mit Elektroautos nun wirklich nicht in Schwung.

Übrigens: Die Kosten für den Ausbau der Stromnetze sollen auf die Bürger abgewälzt werden; auch ohne Ramsauers geplante Autobahnmaut.




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