Archiv für Februar 2011

Jasper Botters 1944-2010

Nachruf von Harald Haack

Jasper Botters ist tot. Er starb am 4. November 2010 in Hamburg unter bisher ungeklärten Umständen.

Geboren wurde er (angeblich) auf Sylt. Seine Eltern: Die Pellwormerin Grete Harmsen und der Hörnumer Fischer Hinnerk Paul Botters.

Ein Jahr nach seiner Geburt wussten sie noch keinen Namen für ihn. Kurz vor dem Ende des Kriegs aber passierte es: Auf einem Ausflug zur Vollversammlung der Nordsee-Fischer auf Helgoland gerieten sie in einen Bombenangriff. Während sie im Bunker hockten, wurde ihr Fischkutter im Bombenhagel getroffen und versank im Hafen.

Zuerst fanden sie inmitten der schrecklichen Trümmer eine Notunterkunft. Doch bald wurden sie bei Kriegsende wie alle Anderen zum Festland vertrieben.


Aus dem Fotoalbum von Jasper Botters: Klein Jasper.
© Foto: Collection Harald Haack


Im alten Helgoländer Bunker.
© Foto: Collection Harald Haack


Aus dem Fotoalbum von Jasper Botters: Hier will er mit seinen Eltern auf Helgoland gehaust haben. Historiker halten die Behauptung für falsch.
© Foto: Collection Harald Haack

Dort, in einer kleinen Cuxhavener Bücherei, fand seine Mutter eines Tages den Helgoland-Roman von Meta Schoeps, in dem die Autorin einen Helgoländer namens Jasper Botters erwähnt. So hatte der nun Verstorbene seinen Vornamen erhalten, so war er ohne sein Zutun in diese Rolle gesteckt worden.

Als Helgoland wieder frei war, folgten die Botters den Heimat-vertriebenen Insulanern zurück auf die Insel.

Der kleine Jasper half beim Wiederaufbau und markierte fleißig jeden angelandeten Baustein mit seinem Namen. So wissen viele Touristen, die Helgoland heutzutage besuchen und in den Häusern nächtigen, nicht, in welchen Schätzen sie vorübergehend wohnen. Doch jene Helgoländer, die den kleinen Jasper bei seinem Tun haben beobachten können, wissen es. Dies soll einer der Gründe mit sein, weshalb keine neuen Häuser auf der Insel gebaut werden. Obwohl die Häuser deutlich von dem bieder-langweiligen Stil der frühen Sechziger Jahre geprägt sind, will keiner sein Haus abreißen, um neu und schöner zu bauen. Schließlich verlöre jeder mit einem Abriss seinen Schatz, den Jasper Botters im Gemäuer, den vermeintlich guten Hausgeist. Und mit dem Bewusstsein alles sei seins, auch wenn es ihm nicht wirklich gehörte, wuchs er auf. Während die Kinder der Festlandsbewohner, sofern sie auf dem Land wohnten, Trecker fahren lernten, zählte Jasper Botters bald zu den geschicktesten Börteboot-Skippern Helgolands. Und eines Tages packte er sein Boot voll mit mehreren Kanistern Treibstoff. Er tuckerte nach Osten, dann nach Südosten und entdeckte die Elbe und Hamburg, wo er in St. Pauli an Land ging. Aber nun, nach seinem Tod, wächst sein Ruhm in historische Dimensionen. Eine ganze Stadt scheint voll mit seinen Spuren.


Aus dem Fotoalbum von Jasper Botters: Klein Jasper mit einem von ihm signierten Mauerstein. Historiker halten dieses Bild für eine Fälschung, weil er in jener Zeit nichts zu lachen hatte.
© Foto: Collection Harald Haack

Hinterlassen hat er uns Hinterbliebene eine Vielzahl von Farbfotografien, die aber allesamt Fälschungen sein sollen, weshalb er sie mit dem dafür empfohlenen Zeichen [M] markierte. Doch die Fälschungen sind kein Makel, zeigen sie doch – zeigt er uns – wie reich man sich fühlen kann, wenn man kreativ genug ist und seine Umwelt zu seinen Gunsten zu nutzen versteht, ohne dafür stehlen zu müssen oder ohne Geld dafür zu bezahlen. Jasper Botters macht damit Fälschungen, wie sie unter Journalisten verachtet werden, zur Kunst und seine Fotos zu Kunstobjekten. Er geht sogar weiter und breitet seinen noch nicht stattgefundenen Erfolg als Künstler als Fälschung vor unseren Augen aus. Und selbst das Ehrlichkeitszeichen [M] könnte gefälscht sein. Sicher kann man bei seinen Fotos nicht sein, denn einige scheinen gar nicht gefälscht bzw. verfälscht zu sein. Und schließlich beginnt jeder Bildtitel mit einem „Mein“. Alles seins!

Zuletzt lebte er in Hamburg-St.Pauli, wo er als Schläger bekannt war – als Schaumschläger. Er selbst aber hielt sich für einen berüchtigten Schuten-Schiffer, weil er nach Kneipenbesuchen häufig noch am Hafen vorbei wankte, um in eine leere Schute zu pinkeln. Jasper Botters war vielleicht eine maritime Legende, vielleicht aber auch nur eine Fälschung. Wer will das schon so genau wissen wollen? Immerhin halten viele ihn selbst für eine Fälschung.

In den Jahren vor seiner Geburt schreibt Meta Schoeps:
„Jasper Botters ging ins Pottchen*. Man konnte erschrecken, wenn man ihm jetzt in die Augen sah! Man konnte denken; was für ein gefährlicher Mensch das sein muss. Die über dem Nasenrücken zusammengewachsenen Brauen mochten dem Gesicht den finsteren Ausdruck verleihen. Aber es gab eine Zeit, dass die Mädchen glücklich waren, wenn seine Augen ihnen folgten, als diese Augen so froh und zärtlich blickten. Über ihrem zärtlichen Ausdruck vergaß man die drohende Wölbung. Blond waren Haar und Schnurbart und braun der Nacken, braun die starke Bruste, braun das Gesicht. Stark wie Taue waren seine Arme, und der Bestmann war er im Boot. Aber Pay Klaasen sagte, das nimmt kein gutes Ende mit ihm! „

*Im Roman „Schiff auf Strand. Ein Helgoländer Roman“ (© Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co.KG, Husum – ISBN 978-3-89876-431-5) ist das eine Kneipe, in der Rum ausgeschenkt wird.

[M] Jasper Botters
Eine kleine Auswahl von manipulierten [M] Botters-Fotos, die auch als Poster verfügbar sein könnten.




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