Der „arrogante“ Herr Thierse, der „erneut mal wieder öffentliche Beachtung haben“ wollte

„Duck and cover“, das war einmal eine Kampagne der USA, die 1951, im zweiten Jahr des Kalten Krieges, mit der die Bevölkerung vor den Folgen eines atomaren Angriffs geschützt werden sollte. „Jeder hat eine Chance“ hieß es 1961 in einer Broschüre zum selben Thema, die in Westdeutschland vom damaligen Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz herausgegeben wurde. „Duck and Cover“ könnte nun wieder gelten, ebenso „Jeder hat eine Chance“, denn Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat gewisse Vorstellungen vom vorbildlichen Verhalten eines Bundestagsvizepräsidenten und eines vorbildlichen Bürgers, und die scheinen eben in Richtung Kuschen vor dem (faschistoid wirkenden) Staat zu tendieren.

Gila Akkers - Der Herr Bundestagsvizepräsident Thierse (SPD) hatte es nämlich gewagt am 1. Mai 2010 in Berlin an einer Sitzblockade gegen eine Rechtsradikalen-Demo teilzunehmen und hatte, wohl aus seiner Sicht, damit Zivilcourage beweisen wollen. Was zuvor die Berliner Justiz ermöglicht hatte, eine Demonstration von Verfassungs- und Staatsfeinden unter dem Deckel „Demonstrationsrecht laut Grundgesetz“ zu gestatten, hatten etliche Gegendemonstranten nicht ohne weiteres durchgehen lassen wollen; jeder hat nämlich eine Chance, Staat und Verfassung zu schützen, auch wenn zum Schutz von Staatsfeinden ausgerechnet Polizisten eingesetzt werden.

Doch offensichtlich schubbelt sich der Herr Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) an der Zivilcourage unbescholtener Bürger wie dem Herrn Bundestagsvizepräsidenten Thierse (SPD) und wirft ihm nun Arroganz und Publicity-Neigung vor. Gegenüber der „Leipziger Volkszeitung“ (Dienstag-Ausgabe) ergänzte de Maizière, wie die Nachrichtenagentur dts berichtet: „Der Herr Thierse wollte, glaube ich, erneut mal wieder öffentliche Beachtung haben. Aber das auf Kosten der Polizei – das geht nicht.“ Das Recht sei aber für alle gleich, meinte der Bundesinnenminister. „Niemand steht über dem Gesetz, auch kein Bundestagsabgeordneter und erst recht kein Bundestagsvizepräsident. Im Gegenteil. Ein Bundestagsvizepräsident müsste sich vorbildlich verhalten.“ Vor weiteren Forderungen müsse man jetzt abwarten, was aus dem angelaufenen Prüfverfahren der Staatsanwaltschaft gegen den Sozialdemokraten werde. „Herr Thierse war bei früheren Rücktrittsforderungen ja auch dickfellig“, kritisierte de Maizière.

Wie andere Nazi-Gegner auch, hatte sich der Herr Bundestagsvizepräsident Thierse am Prenzlauer Berg auf die Straße gesetzt, bis die Polizei ihn wegführte. Damit hatte auch er Tausende von Rechtsextremen an ihrem Mai-Marsch gehindert. „Die Zivilgesellschaft hat gesiegt“, kommentierte SPIEGEL-Online die Blockade.

Aber das ginge so nicht, dass sich ein wehrloser Mann, wie der Herr Bundestagsvizepräsident Thierse auf „Kosten der Polizei“ auf die Straße setzt, weil er, wie der Herr Bundesinnenminister Thomas de Maizière glaubt, „wieder öffentliche Beachtung haben wollte“.

In ungefähr der Nähe des Schauplatzes des Herrn Bundestagsvizepräsidenten Thierse (SPD) saß, nein, lag ein anderer Mann auf der Straße. Er war offenbar kurz zuvor gestrauchelt. Er wurde nicht nur von Polizisten überrannt. Einer, ein vermummter Polizist, trat ihm vorsätzlich, so sieht es in einem Video aus, mit voller Wucht gegen den Kopf und kümmerte sich nicht weiter um sein Opfer. Nachdem bekannt geworden war, dass es bei YouTube ein Video der Tat gibt, teilte ein Sprecher der Berliner Polizei mit, man habe im Abgleich mit internen Aufnahmen der Polizei diesen Vorgang belegen können und sofort ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Gegen wen, ließ der Polizeisprecher mutmaßlich offen. Zwar soll sich inzwischen ein Polizeiobermeister seinem Vorgesetzten offenbart haben, gegen diesen Polizisten wird angeblich wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt ermittelt, aber unklar sei, wer das Opfer ist (und ob möglicherweise vorrangig gegen das Opfer ermittelt wird). Es habe sich noch niemand laut Polizei gemeldet, heisst es seitens der Berliner Polizei. Wie denn? Vielleicht befindet sich das Opfer unter den in Berlin rund 450 Festgenommenen des 1. Mai oder – im Koma.


Am 1. Mai 2010 in Berlin. Harter Tritt gegen den Kopf. Täter: Ein Berliner Polizeiobermeister. Das Opfer: Nicht der Herr Bundestagsvizepräsident Thierse (SPD)
© aus einem YouTube-Video





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