Haiti – Miese Ausbeutung durch Katastrophen-Paparazzi

Moderne Zeiten: Das Erdbeben von Haiti ist zur medialen Unterhaltung geworden. Schon wenige Augenblicke nach der ersten Meldung über die Katastrophe gab es eine Hatz auf erste Fotos, und die ersten Bilder, die übers Internet publiziert wurden, waren beeindruckend und klassisch auf den Umsatz versprechenden Punkt gebracht. Kaum allgemeine Ansichten von zerstörten Gebäuden, sondern einzelne Menschen im Brennpunkt des Interesses. Eine junge Frau mit verquollenen Augen und eingestaubt als sei sie eine „Untote“ und gerade aus einem Grab geholt worden. Letzteres mag zutreffen angesichts Tausender von Toten unter den Trümmern eingestürzte Häuser. Aber was hier so nach bestem Fotojournalismus aussieht, könnte auch als Beispiel für miese Ausbeutung herhalten, den Raub der Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten.

Harald Haack - Einer der Unterschiede zwischen Haiti und Deutschland ist der, dass die Menschen auf Haiti zu arm sind, um sich juristisch gegen die Vermarktung ihres Leids zu wehren. Bildbeispiele zeigt boston.com.

Zweifellos zynisch wirkt die Bildzuschrift eines Fotos (2) der New Yorker Fotografin Tequila Minsky, das zwei ältere Frauen und ein Kind zeigt, am rechten Bildrand ein Mann mit ausgestreckten Armen: „People seek safety in the aftermath of a severe earthquake on rue Capois in Port-Au-Prince, Haiti on January 12th, 2010. – Menschen suchen Sicherheit nach der Folge eines schweren Erdbebens in der Rue Capois in Port-au-Prince, Haiti am 12. Januar 2010.“ Beide Frauen wollten offensichtlich nicht fotografiert werden und zeigen die typische Abwehrhaltung. Doch die Fotografin drückte nicht nur gnadenlos auf den Auslöser ihrer Kamera, sondern reichte es zur Veröffentlichung weiter, ungeachtet der Tatsache, dass sie keineswegs Prominente vor der Kamera hatte, die wegen ihrer Prominenz im Interesse der Öffentlichkeit stehen, sondern arme Erdbebenopfer.

Macht eine solche Naturkatastrophe Opfer automatisch zu Prominenten, die es sich angeblich gefallen lassen müssen so schamlos abgelichtet und in der Welt herum gereicht zu werden?

Es scheint generell ein Problem zwischen Arm und Reich zu sein, ob sich Menschen gegen eine ungewollte Darstellung, die sie in misslicher Lage und Zustand zeigt, wehren; und je prominenter das reiche Opfer desto höher sicherlich der Streitwert.

Diese Differenz dürfte zwischen Haiti und den USA noch krasser ausfallen angesichts der zu astronomischen Schadenersatzforderungen neigenden US-Justiz. Wäre ein Hollywood-Star unter den Opfern einer Naturkatastrophe und hätte der im Chaos der Rettungsaktionen nicht seine Bildfreigabe gegeben und wäre das Bild veröffentlicht worden, könnte mit einer Millionen-Klage gerechnet werden.

Die Frage, die dann zu klären wäre, selbst in den USA, ist, ob für die Darstellung das öffentliche Interesse überwiegt und Persönlichkeitsrechte zurück gesteckt werden müssen. Doch sollte man sich hierbei nicht auch fragen, ob das öffentliche Interesse in unserer Zeit nicht längst einen Unterhaltungswert hat wie die blutrünstigen Gladiatorenkämpfe sie im alten Rom hatten und ob dieser Aspekt nicht bald ein ethisches Umdenken von Fotografen, Agenturen und Redaktionen bedarf?

Das Presserecht und besonders die Pressefreiheit ist weltweit brüchig. Das sollte nicht kaputt gemacht werden durch den Eifer, stets preiswürdige und Konto füllende Fotos zu produzieren und abzuliefern. Weniger ist auch hier mehr.

Und wenn Massenmedien wie die New York Times, Auftraggeber der Fotografin Tequila Minsky, machmal den Mißbrauch der Menschenrechte beklagen, dann sollten sie, und andere Redaktionen sich an die eigene Nase fassen und sich vergewissern, ob sie es nicht selbst sind, die sie mißachten. Die Menschenrechte sind ein Gut, das nicht von der Pressefreiheit mißachtet und mißbraucht werden darf, denn die Pressefreiheit ist nur ein Teil von ihnen. Schießt Euch nicht selbst in die Beine!





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