Brennender Mann im Tunnel

Hamburg, gestern Abend gegen 20 Uhr: Ein mutmaßlich obdachloser Mann brennt lichterloh im Fußgängertunnel unter der Eisenbahntrasse neben der Lombardsbrücke.

Harald Haack
- Zwei Radfahrer sind offenbar als Erste bei dem Mann, versuchen die Flammen zu ersticken. Zwei Joggerinnen kommen hinzu, rennen los, um Hilfe zu alarmieren. Sie haben kein Handy dabei. Nur wenige Minuten später schallen die Sirenen von Feuerwehr und Polizei über die Binnen-Alster und die Retter kümmern sich um den Verletzten, der vor Schmerzen laut stöhnt, einem Grunzen nahe.

Ich stand auf der Kenneybrücke an der Außenalster, hatte auf meinem Weg zum Atlantik-Hotel, wo ich die rote Weltkugel auf dem Dach des Hotels fotografieren wollte, mit einem Teleobjektiv ein Foto vom nächtlich beleuchteten Rathaus gemacht und wollte gerade weiter gehen, als ich hinter mir zwei aufgeregte Frauenstimmen hörte: „Hallo! Halt!“ riefen sie. „Bitte! Das ist ein Notfall! Im Tunnel brennt ein Mann. Haben Sie ein Handy, um Hilfe zu holen?“

Diese beiden jungen Frauen schienen es ernst zu meinen. Ich griff eiligst zu meinem Handy und wählte die Notrufnummer 110. Dem Polizisten in der Notrufzentrale nannte ich meinen Namen und meinen Standort und dass im Tunnel ein Mann brenne. Das Handy gab ich der einen Frau, damit sie die Einzelheiten mitteilen konnte. Sie erfuhr, dass es bereits eine Meldung gebe und dass Rettungskräfte unterwegs seien. Danach erkundigte ich mich bei den Frauen, wo genau der brennende Mann denn sei. Rennen konnte ich mit meinem schweren Stativ und der Kamera mit dem langen Teleobjektiv nicht. Ich ging die Treppe an der Westseite der Kennedybrücke hinunter zu Alster, dann unterquerte ich die Brücke. Das Martinshorn der Feuerwehr ertönte.

Ich hatte es so verstanden, dass der Mann unter dieser Brücke sei. Da war aber niemand. Nun gut, sie hatten schließlich auch vom Tunnel gesprochen; und der war drüben bei der Lombardsbrücke. Also eilte ich weiter.


Mein erstes Foto vom Tatort. Noch vor dem Ändern der Kamera-Einstellungen; von „Bull“ mit niedriger-ISO-Empfindlichkeit und kleiner Blende für die Architekturaufnahmen zu höherer ISO mit kürzerer Belichtungszeit für „Action“-Fotos. Links unten am Boden: Ein qualmendes Häuflein. Und…


…Situation unmittelbar nach dem Eintreffen der Rettungssanitäter. Die beiden mutmaßlichen Ersthelfer, jeweils links und rechts, die Polizisten, die Joggerinen und dahinter die Rettungssanitäter und Feuerwehrmänner.
© Foto: Harald Haack


Der Tatort (rotes X).
© Google Maps

Als ich am Tunnel ankam, sah ich noch, wie etwas auf dem Boden am anderen Ende des Tunnels qualmte. Und mit einem Mal waren Männer in Feuerwehruniformen dort. Auch eine Polizistin und ein Polizist und dann gleich weißgekleidete Rettungssanitäter. So blieb ich stehen und machte für alle Fälle ein paar Fotos aller Anwesenden. Der Polizist sprach in sein Funkgerät und ging in meine Richtung. Als er näherkam, fragte ich ihn: „Wollen Sie zu mir?“ „Nein“, antworte er, „ich versuche mich hier zu verständigen.“

Offensichtlich wurde der Funk in dem Tunnel unter der Eisenbahntrasse, wo gerade Güterzugverkehr herrschte, erheblich gestört.

Als er zurück in den Tunnel ging, folgte ich ihm und teilte ihm mit, dass der andere Notruf von meinem Handy gekommen sei, als ich gerade auf der Kennedybrücke stand. „Haben Sie einen Ausweis dabei?“ wollte er von mir wissen. „Geht auch der Presseausweis?“ Den hatte ich griffbereit in der Tasche. Er nickte.

Um das Brandopfer herum herrschte ein lautes Durcheinandergerede. Einer der Retter, der sich gerade über einen Arzneimittelkoffer beugte, mutmaßlich der Notarzt, motzte, die Anwesenden mögen doch bitte abseits gehen und: „Damit wir hier in Ruhe unsere Arbeit verrichten können.“


Die Rußspuren an der Wand zeugen von den Flammen. Gegen 22 Uhr: Brandermittler bei der Spurensicherung.
© Foto: Harald Haack

Die Polizistin sprach mit den beiden mutmaßlichen Ersthelfern, der Polizist mit den beiden Joggerin und mit mir. Die Personalien wurden notiert. Einer der beiden Männer wirkte nervös und aggressiv. Als ihm der Polizist mitteilte, er müsse noch bleiben, weil er mit ihm noch ausführlicher sprechen müsse da er nach dessen Äußerungen als Erster am Tatort gewesen sei und auch er müsse noch seinen Namen nennen, antwortete der, dann wolle er aber auch den Namen des Polizisten erfahren. Mich attackierte der Mann plötzlich mit der Frage, was ich denn beruflich mache. Ich sagte es ihm: „Journalist. Und ich war gerade zufällig hier in der Nähe. Drüben auf der Kennedybrücke.“

Hat dieser Mann einen Schock und ist deshalb so aufgedreht?

Der Polizist sprach mit den beiden Frauen. Sie schilderten ihm noch einmal den Sachverhalt aus ihrer Sicht und wie sie mich wegen des Handys angesprochen hatten.

Von hinten aus dem Tunnel höre ich einen Mann tief und laut stöhnen. Ein anderer Mann sagt: „Ich gebe Ihnen gleich was gegen Ihre Schmerzen.“

Dann bemerkte der Polizist, dass ich immer noch neben ihm stand: „Danke. Sie können jetzt gehen“, sagte er zu mir. Und ich ging, um meine Fotos von der roten Weltkugel auf dem Dach des Atlantik-Hotels zu machen.

Auf dem Rückweg zu meinem Wagen, kam mir in den Sinn noch einmal zum Tunnel zu schauen. Ein Flatterband der Polizei versperrte nicht nur den Zutritt, sondern auch den Einblick. Wollte ich nicht auch noch Fotos vom Alsterpanorama machen? Ich schleppte meine Ausrüstung außen herum zur anderen Seite des Tunnels. Eine Horde jugendlicher Randalierer, euphorisch und angetörnt, fiel mir auf, als ich den Weg zur Binnenalter hinunter ging. Als ich in die Nähe des Tunnels kam, roch es dort noch nach verbranntem Paraffin. Oder waren es die Dünste verbrannter Plastiktüten? Und während ich meine Fotos von der schicken Alster-Skyline machte, trafen die Spezialisten der Kripo ein.

Wie der Mann in dem Tunnel in Brand geraten war, darüber habe ich noch keine Kenntnisse. Seitens der Polizei-Presse gibt es jetzt in der Nacht noch keine offizielle Mitteilung. Keine Angaben über sein Alter, seine Herkunft, seine Identität. Noch nicht.

Aber nach dem was ich habe sehen können, hatte er sich offenbar in dem Tunnel mit seiner ganzen Habe niedergelassen.

Lausig kalt war es direkt an der Alster. Jetzt sind es 3° C in Hamburg; Tendenz fallend. Im Tunnel war es wohl etwas wärmer, aber sehr zugig. War der Mann beim Hantieren mit Feuer, vielleicht beim Erwärmen einer Speise, unvorsichtig gewesen und hatte versehentlich Feuer gefangen? Oder wurde er Opfer eines Angriffs bislang Unbekannter?

Und vor allem: Wie schwer sind seine Verletzungen? Wird er überleben?

Aktualisierung vom 31. Oktober 2009 – 11.20 Uhr

Wie ich vom Lagedienst der Hamburger Polizeipressestelle erfuhr, handelt es sich bei dem Brandopfer um einen 40jährigen Obdachlosen. Zeugen berichteten, sie hätten ihn öfter in dem Tunnel gesehen und er soll stets eine brennende Kerze neben sich gehabt haben. Offensichtlich handelt es sich um einen Unglücksfall. Der Mann erlitt großflächige Verbrennungen auf dem Oberkörper. Mit seinem Ableben müsse angesichts des Schweregrades seiner Verbrennungen wohl gerechnet werden, sagte ein Sprecher des Polizei-Lagedienstes.





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