Polanski mit Preis nach Zürich gelockt

Wegen einer mutmaßlichen „Vögelei“ mit einer damals noch Minderjährigen droht dem aus Polen stammenden, aber in Paris geborenen 76-jährigen Filmregisseur Roman Polanski in den USA immer noch Knast. Deshalb mied er sämtliche Dreharbeiten für seine Spielfilme auf US-amerikanischem Boden. Doch nun lockte ihn eine Preisverleihung in die Falle. Aber nicht in den USA, sondern in der Schweiz, und die Falle war schon Tage zuvor von der US-Justiz arrangiert worden.

Gila Akkers - In Zürich wurde Polanski am Samstag bei seiner Einreise in die Schweiz wegen des Haftbefahls aus dem Jahr 1978 verhaftet und sitzt nun in Polizeigewahrsam. Mit der Verleihung des „Goldenen Auges“ für sein Regie-Lebenswerk hatte er sich nach Zürich zum Filmfestival locken lassen. Ob die Festivalleitung tatsächlich über Polanskis Verhaftung bestürzt war, mag bezweifelt werden, denn sie zog ihre Show planmäßig durch; fast so, als wäre nichts passiert. Die Ehrung für Polanski wurde „auf einen unbestimmten Zeitpunkt“ verschoben.

Der Geschlechtsverkehr, den Polanski mit der inzwischen 45-Jährigen mutmaßlich hatte, gilt in den USA automatisch als Vergewaltigungsfall. Kurz vor seiner Flucht hatte Polanski sich seinerzeit schuldig bekannt, in der Villa des Schauspielers Jack Nicholson die damals 13-Jährige mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht und verführt zu haben. Obwohl das angebliche Vergewaltigungsopfer, Samantha Geimer, die mit ihrem Mann und drei Kindern auf auf Hawaii lebt, eine Einstellung des Verfahrens wünsche, will die US-Staatsanwaltschaft den Fall nicht zu den Akten legen, bevor der vor 31 Jahren vor einer Verurteilung nach Frankreich geflohene Regisseur in die USA zurückkehrt und sich dem Gericht stellt. Staatsanwalt David Walgren sagte in Los Angeles, Polanski habe kein Recht auf eine Anhörung in Abwesenheit. Die Frau, die die Einstellung des Verfahrens bei einer Anhörung kommenden Mittwoch fordern wollte, sollte nicht in Abwesenheit Polanskis gehört werden. Doch selbst wenn das Verfahren eingestellt wird, so droht Polanski noch eine Bestrafung wegen Mißachtung des Gerichts und diese Strafe könnte in den USA weitaus drastischer ausfallen als eine Bestrafung wegen Vergewaltigung.

Die 45-Jährige hatte sich mehrfach in der Öffentlichkeit geäußert, sie wünsche sich die Einstellung des Verfahrens, weil sie unter der Vehemenz, mit der die Staatsanwaltschaft Polanski weltweit verfolge, litte. Damit habe die Staatsanwaltschaft die mutmaßliche Vergewaltigung für sie zu einem lebenslänglichen Trauma forciert. Es ist, als würde sie als Opfer dafür bestraft werden.

Ob sein bislang letzter Film „The Ghost“, für den er statt auf der US-Ferieninsel Martha’s Vineyard auf den deutschen Nordsee-Inseln Sylt und Pellworm drehte, wie vorgesehen in die Kinos kommt, dürfte jetzt die Frage sein. Vorlage für den Kino-Thriller ist der gleichnamige Roman von Autor Robert Harris um einen Ghostwriter, der nach dem Tod seines Vorgängers über das Leben des ehemaligen britischen Premierministers schreiben soll.

Polanski lebte in Frankreich und hat einen französischen Pass. Aus Frankreich drohte ihm keine Abschiebung, und selbst im Euro-Land Deutschland, das mit den USA ein Auslieferungsabkommen haben soll, ließ man ihn unbehelligt. Doch die Schweiz ist kein Staat des europäischen Staaten-Bundes.

Polanski soll bisher mehrere Male in die Schweiz gereist sein, ohne dass die Justiz sich um ihn kümmerte; man habe nicht gewusst, wo er jeweils steckte, sagte der Sprecher des Schweizer Justizministeriums, Guido Balmer. Durch die zuvor groß angekündigte Preisverleihung will man jedoch genau gewusst haben, wann und wo er einreist. Ob die Preisverleihung nur ein Vorwand war, um ihn ergreifen zu können, verriet Balmer offensichtlich nicht.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wünsche eine „schnelle Lösung der Lage“, soll Kulturminister Frédéric Mitterrand dem Rundfunk gesagt haben. Er erinnerte daran, dass Polanski französischer Staatsbürger sei. Ohne sich in das Justizverfahren einmischen zu wollen, bedauere er „diese neue Prüfung für jemanden, der bereits so viel durchlebt“ habe.

Doch nicht nur in Frankreich reagierte man empört auf Polanskis Verhaftung. Der Schweizer Verband der Regisseure hält das Vorgehen der Schweizer Justiz nicht nur für eine „groteske Justizposse, sondern auch für einen ungeheuren Kulturskandal. Es sei eine „Ohrfeige ins Gesicht aller Kulturschaffenden in der Schweiz“ behauptet der Schweizer Verband Filmregie und Drehbuch. Einig sind sich die Schweizer Filmschaffenden, dass mit der Verhaftung von Polanski die Schweizer Justiz der Schweiz einen schweren Schaden zugefügt hat.

Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, will der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski die US-Behörden um Gnade für den in der Schweiz verhafteten Roman Polanski bitten. Er erwäge derzeit ein Ersuchen, damit der US-Präsident die Möglichkeit überprüfe, von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen, sagte Sikorski. Das würde den Fall „ein für allemal“ abschließen. Sikorski betonte, Polen habe „das größte Recht, die Stimme zu ergreifen“, weil die ursprüngliche Staatsbürgerschaft immer am wichtigsten sei. Der aus Polen stammende Regisseur hatte erst Mitte der 1970er Jahre den französischen Pass angenommen. Auch Präsident Lech Kaczynski deutete an, er wolle mit der US-Seite sprechen. Er werde wahrscheinlich in nächster Zeit eine Gelegenheit zum Meinungsaustausch haben, sagte Kaczynski. Solche Fälle seien aber „verdammt schwierig“. Polnische Filmemacher unterstützten derweilen mit Schreiben an Kaczynski und Sikorski deren Gnadenersuch für Polanski.





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