Der Tunnel-Hamlet

Hamlet im maroden Fußgängertunnel, inmitten des Hamburger Freihafens. Wer hätte das gedacht? Der Urheber der Worte ist bekannt: William Shakespeare. Aber wer die Zeile so sorgsam in schöner Schreibschrift auf die dreckige Wand mit Kohlestift malte, ist (noch) ein Rätsel.

Harald Haack – Shakespeare lässt seinen Hamlet sagen: „The time is out of joint…“ Deutsch: „Die Zeit ist aus den Fugen…“ Seltsam, wie gut diese Aussage in unsere Gegenwart passt. Bislang aber gab es den „Hamlet“ nur auf der Bühne.

    „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
    Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
    Des wütenden Geschicks erdulden oder,
    Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
    Durch Widerstand sie enden?
    Sterben – schlafen – Nichts weiter!“

Das sind die wohl bekanntesten Worte (3. Aufzug, 1. Szene) aus dem Stück „Tragödie Hamlet, Prinz von Dänemark“ von William Shakespeare, in dem er in einem Monolog Hamlets existenzielles Erkennen ausdrückt und jede Menge Identifikationsmöglichkeiten nicht nur für Leser und Zuschauer des elisabethanischen Zeitalter bietet, in dem Shakespeare lebte, sondern auch heutzutage noch; besonders dann, wenn es um Unterdrückung und Ausrottung geht.

Kein Wunder, dass Ernst Lubitsch 1942 die Spielfilm-Komödie „Sein oder Nichtsein – Heil Hamlet!“ inszenierte.

Wikipedia: „Der Film spielt in Warschau, 1939. Die polnischen Schauspieler eines Theaters proben eine antifaschistische Komödie, kurz bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht. Da die polnische Regierung nicht in Konflikt mit dem Hitlerregime geraten möchte, wird das Stück vom Spielplan abgesetzt. Stattdessen spielt das Ensemble Hamlet mit Joseph Tura in der Titelrolle. Während des Hamlet-Monologes Sein oder Nichtsein hat die Ehefrau des Hauptdarstellers Maria Tura in ihrer Garderobe ein Rendezvous mit dem jungen Fliegerleutnant Stanislaw Sobinski. Zum Entsetzen des Schauspielers Tura steht der junge Offizier während des Monologes aus dem Zuschauerraum auf und geht hinaus, was Tura natürlich als Respektlosigkeit gegenüber der Schauspielkunst ansieht. Während einer der Aufführungen bricht der Zweite Weltkrieg aus und Warschau wird bombardiert.“

„Hamlet“ bildet in der bitterbösen Filmkomödie nicht nur die Rahmenhandlung, versinnbildlicht wird auf komische Weise der Zustand Polens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die polnischen Protagonisten werden jeder für sich zu einem Hamlet. Hamlet, wie er einst am Fäulniszustand seines Landes litt, innerlich zerrissen, grübelnd und suizidgefährdet. Doch sie wachsen über diesen Hamlet hinaus und meistern mit Pfiffigkeit brenzliche Situationen. Und überhaupt wurde Shakespeares Hamlet zu einer Identifikationsfigur der krisengeschüttelten Staaten des modernen Europa.

In der frühen Nachkriegszeit wurde Gustav Gründgens in Hamburg mit seinen Hamlet-Inszenierungen berühmt. Zuletzt gab es den Hamlet im Thalia-Theater in der Spielzeit 07/08 von Michael Thalheimer inszeniert. Nun steht eine neue Premiere an: Am 26. September 2009 auf der Bühne des Malersaales vom Schauspielhaus.

Und Hamlet auch im Tunnel; einem nahezu unbekannten Hamburger Fußgängertunnel neben dem Veddeler Damm am Niedernfelder Ufer. Oben die rostigen Eisenbahnschienen, unten stilles Verrotten der Wände.

Zuletzt nutzte ich diesen Tunnel vor einigen Jahren und machte auch Fotos. Graffiti gab es reichlich, doch noch kein „Hamlet“.

Die Schrift wurde sorgfältig auf einer zuvor angebrachten Bleistiftlinie mit Kohle geschrieben. Da die Kohle nicht mit Fixativ geschützt wurde, bleibt sie am Finger hängen, wenn man über sie streicht. Abgeplatzte Putzstellen schien dem unbekannten Schriftkünstler nicht sonderlich gestört zu haben. Er malte darüber hinweg, in die Tiefe der Schadstellen hinein.

Doch dieser Hamlet wird die Zeit nicht überdauern. Sein Ende ist besiegelt. Am vergangenem Wochenende entfernten Bauarbeiter eine Hälfte des Deckels vom Tunnel, um einen neuen Deckel anzubringen. Dann wird der gesamte alte, marode Putz abgeschlagen und erneuert, womit sämtliche Graffiti, auch „Hamlet“, vernichtet werden. Doch nicht nur der Tunnel wird saniert, auch die alten Eisenbahnbrücken sollen gegen neue Stahlkonstruktionen ausgetauscht werden.

Interessant, was das Schauspielhaus zur bevorstehenden Inszenierung schreibt:

»Hamlet« ist ein spannender Spionagethriller. Die Wände in Helsingör haben Augen.

Im Tunnel gab es dank Hamlet eine Umkehr: Augen, darunter das Objektiv meiner digitalen Kamera, blickten auf die Wand.

War es ein Mitarbeiter des Schauspielhauses, der im Fußgängertunnel das Zitat anbrachte? Sie könne es „nach Rücksprache mit der Dramaturgie tatsächlich ausschließen, dass die Wandmalerei aus unserem Hause stammt“, schreibt mir die Pressesprecherin des Schauspielhauses, Maret Schütz, und verweist in einer nachfolgenden E-Mail auf die Thalheimer-Inszenierung des Thalia-Theaters. Aber dort will es auch keiner gewesen sein. Und selbst bei der Hamburger Kulturbehörde zeigte man sich erstaunt über den „Tunnel-Hamlet“.

    »Die Zeit ist aus den Fugen.
    Fluch und Scham,
    Dass ich zur Welt,
    sie einzurenken, kam.«

Die vom Schauspielhaus favorisierte Übersetzung und nachstehend die im Tunnel verwendete Übersetzung:

    »Die Zeit ist aus den Fugen.
    Schmach und Gram,
    Dass ich zur Welt,
    sie einzurenken, kam.«

(Hamlet, 1. Aufzug, 5. Szene)


Das Shakespeare-Zitat im Fußgängertunnel am Veddeler Damm/Niedernfelder Ufer. Blick zum Eingang auf der Südseite des Tunnels.


Bauarbeiter untersuchen die alte Tunneldecke. Laut HPA wurde der Tunnel 1908 gebaut und 1964 umfangreich erneuert und verstärkt.


Kommentar der Arbeiter zum Hamlet-Zitat: „Solche Art von Graffiti darf sein.“
© Foto: Harald Haack / newsbattery.eu


Der südliche Eingang zum Fußgängertunnel und eine der maroden Eisenbahnbrücken, die bis 2010 erneuert werden sollen.
© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu


© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu


Der „Hamlet im Tunnel“ in ganzer Länge, das Panorama aus technischen Gründen hier um 90° zum Hochformat gedreht. Die Bildbreite entspricht in etwa 2/3 der Wandhöhe des Tunnels.
© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu





Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de