Nach über 100 Jahren: Leuchtturm „Mielstack“ erhält Probezeit

Leuchtfeuer säumen die Unterelbe. „Eigentlich braucht man die nicht mehr im GPS-Zeitalter, aber…“, sagt Elbfischer Lothar Buckow, aber wenn die USA das GPS ausschalten oder wieder mit Ungenauigkeitsfilter belegen, wie zur Zeit des Kalten Krieges, dann fehlt da was Wichtiges am Strom, das die Schiffe sicher in den Hamburger Hafen leitet. Und ausgerechnet der Leuchtturm „Mielstack“, in dem Buckow geboren wurde, soll nun sein Lampenhaus verlieren.

Harald Haack – Jeder Leuchtturm ein Stück Sicherheit für die Schifffahrt. Für Lothar Buckow aber ist es mehr als nur das. Er ist der Elbfischer. Sein Elternhaus ist der Leuchtturm „Mielstack“ in Jork-Lühe. Sein Vater war der letzte Leuchtturmwärter dort, und Lothar Buckow wurde darin geboren.


Seit über hundert Jahren Wahrzeichen von Jork-Lühe an der Unterelbe: Der Leuchtturm „Mielstack“.


Martime Wegweiser nicht nur bei Nacht, sondern auch bei Tag: Das Oberfeuer „Somfletherwisch“ im Hintergrund und das Unterfeuer „Mielstack“.


Altländer Idylle mit dem Leuchtturm „Somfletherwisch“.


Wie die Leuchttürme gehören auch die Schafe auf den Deichen zur maritimen Landschaft von Jork.

Dieser Leuchtturm ist wie die meisten Leuchttürme einzigartig, aber nicht Rotweiß gestrichen, sondern nur weiß. Es ist ein Wohnhaus mit einem Turm, ein von roten Backsteinen flankierter Putzbau, und der Turm hat oben drauf das Lampenhaus mit der Leuchte, die Tag und Nacht mit ihrem Licht den Lotsen und Kapitänen der Schiffe den Weg markiert. Längst ist das Ensemble aus Haus und Turm, 1905 in Betrieb genommen, denkmalgeschützt. Aber…


Die Listen für die Aktion „Rettet das Leuchtfeuer“ liegen unter anderem beim Elbfischer in Wisch, bei Bäcker Lange und bei Vollmer in Steinkirchen und bei „Betucht & Beschickt“ in Horneburg.

Das Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg (WSA) will den Turm köpfen und ihn stilllegen, weil es gut hundert Meter stromabwärts einen neuen, modernen Turm bauen will.

Elbfischer Buckow scheltet: „Die berufen sich auf ein Gutachten, doch es gibt da kein Gutachten!“ Von einem Lotsen habe er sich dies sagen lassen. Irgend jemand soll da mal was von einem neuen Leuchtturm gefaselt haben, vielleicht war es nur ein Scherz, und schon wird da daraus ein Bauvorhaben. Am Schlimmsten ist es für ihn, dass nicht allein das Licht des Leuchtturmes erlöschen soll, sondern dass das Lampenhaus heruntergerissen werden soll.

Beim WSA hält man dies für zwingend notwendig, aus Sicherheitsgründen, damit nicht eines Tages die beiden Türme verwechselt werden und ein Schiff auf den Deich zusteuert. Hat das WSA gemäß dieser Aussage für über hundert Jahre verantwortungslos gehandelt? Denn dieser kleine Leuchtturm gleich hinter dem Deich ist nicht allein. Überragt wird er in der Höhe vom Oberfeuer Somfletherwisch, ein stählerner Turm, der 750 Meter entfernt steht. Beide Leuchtfeuer arbeiten gewissermaßen zusammen. Erst wenn beide in Deckung sind, müssen Schiff ihren Kurs über die Elbe stromaufwärts darauf abstimmen.

Bisher hatte das WSA nur verschwommen von „Sicherheitsgründen“ gesprochen, weshalb noch in diesem Herbst das Lampernhaus des kleinen Leuchtturms abgerissen werden sollte. Aber nun, nach einem von Fischer Buckow organisierten Protest, kommt das WSA mit der Behauptung, die heutigen Kapitänsbrücken der Schiffe seien höher als noch vor hundert Jahren. Der Blickwinkel von den Schiffen zu den Leuchttürmen sei damit ein anderer und die Sicht auf Ober- und Unterfeuer passe nicht zu den modernen Gegebenheiten. Eine genaue Bestimmung der Fahrrinne könne so nicht gemacht werden. Deshalb müsse ein neuer Leuchtturm her. Beim WSA befürchtet man, ortsunkundige Kapitäne könnten sich mit ihren Schiffe verirren, wenn sie in Jork-Lühe drei Leuchttürme erblicken. Wegen der Verwechslungsgefahr könnte es zu Havarien kommen. Deshalb könne man nicht allein das Licht des Leuchtturmes ausschalten, man müsse das Lampenhaus abnehmen.

Ohne blinkende Lampe aber würde der kleine Leuchtturm mit seinem Lampenhaus von weitem nur wie der Turm einer kleinen Kirche aussehen.

Elbfischer Buckow grinst breit, als ich ihn frage, ob denn auch Kirchtürme die Kapitäne verwirren: „Noch nie ist hier ein Schiff auf dem Deich gelandet.“

Sicherheit hin, Sicherheit her: Das denkmalgeschützte Gebäude ist über die Jahrzehnte zu einem Wahrzeichen von der kleinen Elbgemeinde Jork geworden. Ohne Lampenhaus sei der Leuchtturm wie Paris ohne Eifelturm, glaubt Lothar Buckow. Jork, das sind nicht nur die Äpfel an den Bäumen der Plantagen der Altländer Obstbauern. Jork, das sind auch die Menschen und ihre nordischen Häuser mit den liebevoll gepflegten Gärten direkt am großen Strom, gleich hinterm Deich, auf dem Schafe friedlich grasen.

Beim WSA lenkte man inzwischen großspurig ein: Man gebe dem Leuchtturm „Mielstack“ nun eine Probezeit von sechs Monaten, soll WSA-Amtsleiter Wittmüß gesagt haben. Wenn in dieser Zeit kein Schiff an den Deich oder an die dem Deich vorgelagerte Elbinsel Neßsand kracht, wenn kein Kapitän sich irritiert fühlt, dann dürfe der kleine Leuchtturm seinen Kopf, das Lampenhaus, behalten.


Elbfischer Buckow kämpft um den Erhalt des Leuchtturmes „Mielstack“.


Sein Revier ist die Elbe bei der Insel Neßsand, wie schon Generationen vor ihm seit 1648.


„Alles in Butter auf‘m Kutter?“ Der „stationäre“ Kutter von Elbfischer Buckow vor der Insel Neßsand. Das Schiff bleibt Tag und Nacht auf seiner Position. Um zu ihm zu kommen, nutzt der Fischer ein kleines Boot mit Außenbordmotor.

© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu





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