Archiv für September 2009

Tödliche Propaganda

Erst jetzt wurde bekannt, dass Ende Juni in Afghanistan ein Kind starb nachdem es von einem Propagandapaket der britischen Royal Air Force getroffen und verletzt wurde.

Harald Haack – Nach einem Bericht der „Times“ habe man das Paket mit Flyern des britischen Verteidigungsminsiteriums, die Teil einer „öffentlichen Informationskampagne“ sein sollten, über der südafghanischen Provinz Helmand von einem Flugzeug abgeworfen. Angeblich habe sich dabei nicht der Fallschirm geöffnet. Das Kind, ein Mädchen, erlag trotz medizinischer Behandlung wenig später seinen schweren Verletzungen. Wie schwerwiegend der Inhalt der Flyer ist, verriet das Ministerium nicht. Der Sprecher nannte jedenfalls das Unglück als „schwer bedauerlich“. Nicht bewiesen ist, dass das Paket wirklich an einem Fallschirm befestigt war.

Eigentlich segeln Flyer, deutsch: Faltblätter, der Schwerkraft folgend nach unten, weshalb sie auch „Flugblätter“ genannt werden. Der Abwurf gleich als ganzes Paket wurde deshalb stets als sinnlos betrachtet. Immerhin hätte man Zivilisten treffen und töten können, was die Wirkung der Propaganda negiert hätte. Dies aber wird nun wohl so gewesen sein.

Ein Grund mehr weshalb man dem Militär nicht zivile Bereiche, wie zum Beispiel den Paketdienst, überlassen darf.

Schweizer Kulturskandal: Protest aus Deutschland

Henning Molfenter, Geschäftsführer der Studio Babelsberg Motion Pictures und Koproduzent der Roman-Polanski-Filme „Der Pianist“ und „The Ghost“, protestiert gegen die Verhaftung von Roman Polanski in Zürich. Er könne unmöglich als Jury Mitglied für das Zürich Film Festival begutachten, während der Starregisseur in der gleichen Stadt im Gefängnis sitze.

Harald Haack - Am Samstag war Polanski war in der Schweiz verhaftet und auf der Basis eines US-Haftbefehls in provisorische Auslieferungshaft genommen worden. Hintergrund ist ein seit den 70er Jahren anhängiges Verfahren wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen.

Der Vorstand der Studio Babelsberg AG, Christoph Fisser, fordert die sofortige Freilassung von Polanski. In Potsdam sei man entsetzt, dass eine öffentliche Kulturveranstaltung für eine Polizeiaktion dieser Art ausgenutzt werde, sagte er. Es müsse schnellstmöglich eine Lösung gefunden werden.

In der Schweiz äußerten sich Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Kulturminister Pascal Couchepin zur „Affäre Polanski“, es habe seitens der USA keinen Druck gegeben. Doch wie 20-Minuten-Online schreibt, sind der Festnahme von Roman Polanski in Zürich genaue Informationen der US-Justizbehörden vorausgegangen: „Die Polizei von Los Angeles und eine für Flüchtige zuständige Task Force der US-Bundespolizei U.S. Marshals hätten in der vergangenen Woche Informationen zusammengestellt, dass Polanski von Frankreich über Wien zum Filmfestival in die Schweiz reise, so U.S.-Marshals-Sprecher Jeff Carter. Der provisorische Haftbefehl wegen den Vergewaltigungsvorwürfen aus dem Jahre 1977 sei am vergangenen Donnerstag ausgestellt worden.“

In Bern versuchten Widmer-Schlumpf und Couchepin vor den Medien die Verhaftung von Polanski von der politischen Ebene herunter zu schieben. Sie erklärten, es ginge nicht um eine politische Frage. Und Couchepin fügte hinzu, es sei eine rechtliche Frage und keine Kulturfrage. Widmer-Schlumpf sagte nach der Pressekonferenz: „Wir finden in der Schweiz, dass das Recht durchgesetzt werden soll.“ Die Verhaftung Polanskis sei rechtsstaatlich der einzig mögliche Weg dazu gewesen. Es habe ein internationaler Haftbefehl vorgelegen, der nun umgesetzt wurde.

Ob die sture Schweizer Bürokratie sich weiterhin beste Schulnoten von US-Seite einhandelt und Polanski tatsächlich an die USA ausliefern kann, soll nach Angaben des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements funktionieren, wenn das Auslieferungsverfahren rechtskräftig abgeschlossen sei. Sowohl der Auslieferungshaftbefehl als auch ein allfälliger Auslieferungsentscheid könnten beim Bundesstrafgericht angefochten werden. Und da kämen dann wieder Politiker wie der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und seine polnischer Kollege Lech Kaczynski ins Spiel. Werden sie sich abweisen lassen mit der Behauptung, Polanskis Verhaftung und drohende Auslieferung sei keine politische Frage?

Derweilen scheint die deutsche Regierung noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie bereit wäre, sich für eine Freilassung von Roman Polanski einzusetzen. Kanzlerin Merkel hat schließlich keine „Affäre Polanski“.

Des Grinsemannes neoliberaler Gruß

Nach dem Ausgang der Bundestagswahl präsentierte sich Guido Westerwelle als strahlender Sieger. Etliche Fotos zeigen ihn allerdings in bedenklicher Pose, nämlich mit erhobenen, gestrecktem rechten Arm und gespreizten Fingern.

Fari Sär
– Die Stellung der Finger macht den Unterschied: Verboten und strafbar gemäß §86a und §130 StGB ist der so genannte Hitlergruß. Dabei wurde der rechte Arm mit flacher Hand auf Augenhöhe schräg nach oben gestreckt. Er war Ausdruck des Personenkultes um Adolf Hitler. Nach der deutschen Kapitulation wandelte sich der Gruß als Pseudokritik ab und wurde begleitet mit den Worten: „So hoch steht der Dreck.“

Seitens der nachfolgenden Nazi-Generation gab es diverse Versuche den Hitler-Gruß bzw. „Deutschen Gruß“, wie Nazis ihn nennen, beizubehalten. Der so genannte „Kühnengruß“, benannt nach Michael Kühnen, einem Anführer der deutschen Nazibewegung, ist eine Abwandlung des verbotenen Hitlergrußes und wird in Deutschland von den Strafgerichten als dem Hitlergruß zum Verwechseln ähnlich im Sinne von § 86a Absatz 2 Satz 2 des StGB angesehen. Es handelt sich dabei um ein nach dem deutschen Strafgesetzbuch strafbares Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Der Kühnengruß soll „Widerstand“ demonstrieren, denn dabei wird der rechte Arm gestreckt und Daumen, Zeige und Mittelfinger werden abgespreizt, was ein „W“ = Widerstand symbolsieren soll.

Noch nicht verboten ist die neue Variante des Hitlergrußes, der neoliberale Gruß von Guido Westerwelle. Er zeigte ihn gestern Abend erstmals in Berlin. Dabei wird der rechte Arm mit gespreizter Hand auf Augenhöhe schräg nach oben gestreckt. Doch er nahm zum Ausdruck seiner Freude über den errungenen Wahlsieg alsbald auch den linken Arm hoch.

Sollte dies als Entwarnung verstanden werden? Wandelt Westerwelle nicht auf rechten Pfaden?

Wie SPIEGEL-Online berichtet, aber äußerte er sich auf die englisch gestellte Frage eines britischen Reporters, wohl zur Freude der ultrarechten „Kameraden“ in NPD und DVU, man sei hier in Deutschland, wo Deutsch gesprochen werde.

Oskar Lafontaine (DIE LINKE) allerdings ließ den linken Arm unten. Er konnte wohl nicht anders. Ulkig dazu der besorgte Blick von Gysi. Leider wurde nicht übermittelt was er ihm zuraunte:

Polanski mit Preis nach Zürich gelockt

Wegen einer mutmaßlichen „Vögelei“ mit einer damals noch Minderjährigen droht dem aus Polen stammenden, aber in Paris geborenen 76-jährigen Filmregisseur Roman Polanski in den USA immer noch Knast. Deshalb mied er sämtliche Dreharbeiten für seine Spielfilme auf US-amerikanischem Boden. Doch nun lockte ihn eine Preisverleihung in die Falle. Aber nicht in den USA, sondern in der Schweiz, und die Falle war schon Tage zuvor von der US-Justiz arrangiert worden.

Gila Akkers - In Zürich wurde Polanski am Samstag bei seiner Einreise in die Schweiz wegen des Haftbefahls aus dem Jahr 1978 verhaftet und sitzt nun in Polizeigewahrsam. Mit der Verleihung des „Goldenen Auges“ für sein Regie-Lebenswerk hatte er sich nach Zürich zum Filmfestival locken lassen. Ob die Festivalleitung tatsächlich über Polanskis Verhaftung bestürzt war, mag bezweifelt werden, denn sie zog ihre Show planmäßig durch; fast so, als wäre nichts passiert. Die Ehrung für Polanski wurde „auf einen unbestimmten Zeitpunkt“ verschoben.

Der Geschlechtsverkehr, den Polanski mit der inzwischen 45-Jährigen mutmaßlich hatte, gilt in den USA automatisch als Vergewaltigungsfall. Kurz vor seiner Flucht hatte Polanski sich seinerzeit schuldig bekannt, in der Villa des Schauspielers Jack Nicholson die damals 13-Jährige mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht und verführt zu haben. Obwohl das angebliche Vergewaltigungsopfer, Samantha Geimer, die mit ihrem Mann und drei Kindern auf auf Hawaii lebt, eine Einstellung des Verfahrens wünsche, will die US-Staatsanwaltschaft den Fall nicht zu den Akten legen, bevor der vor 31 Jahren vor einer Verurteilung nach Frankreich geflohene Regisseur in die USA zurückkehrt und sich dem Gericht stellt. Staatsanwalt David Walgren sagte in Los Angeles, Polanski habe kein Recht auf eine Anhörung in Abwesenheit. Die Frau, die die Einstellung des Verfahrens bei einer Anhörung kommenden Mittwoch fordern wollte, sollte nicht in Abwesenheit Polanskis gehört werden. Doch selbst wenn das Verfahren eingestellt wird, so droht Polanski noch eine Bestrafung wegen Mißachtung des Gerichts und diese Strafe könnte in den USA weitaus drastischer ausfallen als eine Bestrafung wegen Vergewaltigung.

Die 45-Jährige hatte sich mehrfach in der Öffentlichkeit geäußert, sie wünsche sich die Einstellung des Verfahrens, weil sie unter der Vehemenz, mit der die Staatsanwaltschaft Polanski weltweit verfolge, litte. Damit habe die Staatsanwaltschaft die mutmaßliche Vergewaltigung für sie zu einem lebenslänglichen Trauma forciert. Es ist, als würde sie als Opfer dafür bestraft werden.

Ob sein bislang letzter Film „The Ghost“, für den er statt auf der US-Ferieninsel Martha’s Vineyard auf den deutschen Nordsee-Inseln Sylt und Pellworm drehte, wie vorgesehen in die Kinos kommt, dürfte jetzt die Frage sein. Vorlage für den Kino-Thriller ist der gleichnamige Roman von Autor Robert Harris um einen Ghostwriter, der nach dem Tod seines Vorgängers über das Leben des ehemaligen britischen Premierministers schreiben soll.

Polanski lebte in Frankreich und hat einen französischen Pass. Aus Frankreich drohte ihm keine Abschiebung, und selbst im Euro-Land Deutschland, das mit den USA ein Auslieferungsabkommen haben soll, ließ man ihn unbehelligt. Doch die Schweiz ist kein Staat des europäischen Staaten-Bundes.

Polanski soll bisher mehrere Male in die Schweiz gereist sein, ohne dass die Justiz sich um ihn kümmerte; man habe nicht gewusst, wo er jeweils steckte, sagte der Sprecher des Schweizer Justizministeriums, Guido Balmer. Durch die zuvor groß angekündigte Preisverleihung will man jedoch genau gewusst haben, wann und wo er einreist. Ob die Preisverleihung nur ein Vorwand war, um ihn ergreifen zu können, verriet Balmer offensichtlich nicht.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wünsche eine „schnelle Lösung der Lage“, soll Kulturminister Frédéric Mitterrand dem Rundfunk gesagt haben. Er erinnerte daran, dass Polanski französischer Staatsbürger sei. Ohne sich in das Justizverfahren einmischen zu wollen, bedauere er „diese neue Prüfung für jemanden, der bereits so viel durchlebt“ habe.

Doch nicht nur in Frankreich reagierte man empört auf Polanskis Verhaftung. Der Schweizer Verband der Regisseure hält das Vorgehen der Schweizer Justiz nicht nur für eine „groteske Justizposse, sondern auch für einen ungeheuren Kulturskandal. Es sei eine „Ohrfeige ins Gesicht aller Kulturschaffenden in der Schweiz“ behauptet der Schweizer Verband Filmregie und Drehbuch. Einig sind sich die Schweizer Filmschaffenden, dass mit der Verhaftung von Polanski die Schweizer Justiz der Schweiz einen schweren Schaden zugefügt hat.

Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, will der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski die US-Behörden um Gnade für den in der Schweiz verhafteten Roman Polanski bitten. Er erwäge derzeit ein Ersuchen, damit der US-Präsident die Möglichkeit überprüfe, von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen, sagte Sikorski. Das würde den Fall „ein für allemal“ abschließen. Sikorski betonte, Polen habe „das größte Recht, die Stimme zu ergreifen“, weil die ursprüngliche Staatsbürgerschaft immer am wichtigsten sei. Der aus Polen stammende Regisseur hatte erst Mitte der 1970er Jahre den französischen Pass angenommen. Auch Präsident Lech Kaczynski deutete an, er wolle mit der US-Seite sprechen. Er werde wahrscheinlich in nächster Zeit eine Gelegenheit zum Meinungsaustausch haben, sagte Kaczynski. Solche Fälle seien aber „verdammt schwierig“. Polnische Filmemacher unterstützten derweilen mit Schreiben an Kaczynski und Sikorski deren Gnadenersuch für Polanski.

Der Tunnel-Hamlet

Hamlet im maroden Fußgängertunnel, inmitten des Hamburger Freihafens. Wer hätte das gedacht? Der Urheber der Worte ist bekannt: William Shakespeare. Aber wer die Zeile so sorgsam in schöner Schreibschrift auf die dreckige Wand mit Kohlestift malte, ist (noch) ein Rätsel.

Harald Haack – Shakespeare lässt seinen Hamlet sagen: „The time is out of joint…“ Deutsch: „Die Zeit ist aus den Fugen…“ Seltsam, wie gut diese Aussage in unsere Gegenwart passt. Bislang aber gab es den „Hamlet“ nur auf der Bühne.

    „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
    Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
    Des wütenden Geschicks erdulden oder,
    Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
    Durch Widerstand sie enden?
    Sterben – schlafen – Nichts weiter!“

Das sind die wohl bekanntesten Worte (3. Aufzug, 1. Szene) aus dem Stück „Tragödie Hamlet, Prinz von Dänemark“ von William Shakespeare, in dem er in einem Monolog Hamlets existenzielles Erkennen ausdrückt und jede Menge Identifikationsmöglichkeiten nicht nur für Leser und Zuschauer des elisabethanischen Zeitalter bietet, in dem Shakespeare lebte, sondern auch heutzutage noch; besonders dann, wenn es um Unterdrückung und Ausrottung geht.

Kein Wunder, dass Ernst Lubitsch 1942 die Spielfilm-Komödie „Sein oder Nichtsein – Heil Hamlet!“ inszenierte.

Wikipedia: „Der Film spielt in Warschau, 1939. Die polnischen Schauspieler eines Theaters proben eine antifaschistische Komödie, kurz bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht. Da die polnische Regierung nicht in Konflikt mit dem Hitlerregime geraten möchte, wird das Stück vom Spielplan abgesetzt. Stattdessen spielt das Ensemble Hamlet mit Joseph Tura in der Titelrolle. Während des Hamlet-Monologes Sein oder Nichtsein hat die Ehefrau des Hauptdarstellers Maria Tura in ihrer Garderobe ein Rendezvous mit dem jungen Fliegerleutnant Stanislaw Sobinski. Zum Entsetzen des Schauspielers Tura steht der junge Offizier während des Monologes aus dem Zuschauerraum auf und geht hinaus, was Tura natürlich als Respektlosigkeit gegenüber der Schauspielkunst ansieht. Während einer der Aufführungen bricht der Zweite Weltkrieg aus und Warschau wird bombardiert.“

„Hamlet“ bildet in der bitterbösen Filmkomödie nicht nur die Rahmenhandlung, versinnbildlicht wird auf komische Weise der Zustand Polens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die polnischen Protagonisten werden jeder für sich zu einem Hamlet. Hamlet, wie er einst am Fäulniszustand seines Landes litt, innerlich zerrissen, grübelnd und suizidgefährdet. Doch sie wachsen über diesen Hamlet hinaus und meistern mit Pfiffigkeit brenzliche Situationen. Und überhaupt wurde Shakespeares Hamlet zu einer Identifikationsfigur der krisengeschüttelten Staaten des modernen Europa.

In der frühen Nachkriegszeit wurde Gustav Gründgens in Hamburg mit seinen Hamlet-Inszenierungen berühmt. Zuletzt gab es den Hamlet im Thalia-Theater in der Spielzeit 07/08 von Michael Thalheimer inszeniert. Nun steht eine neue Premiere an: Am 26. September 2009 auf der Bühne des Malersaales vom Schauspielhaus.

Und Hamlet auch im Tunnel; einem nahezu unbekannten Hamburger Fußgängertunnel neben dem Veddeler Damm am Niedernfelder Ufer. Oben die rostigen Eisenbahnschienen, unten stilles Verrotten der Wände.

Zuletzt nutzte ich diesen Tunnel vor einigen Jahren und machte auch Fotos. Graffiti gab es reichlich, doch noch kein „Hamlet“.

Die Schrift wurde sorgfältig auf einer zuvor angebrachten Bleistiftlinie mit Kohle geschrieben. Da die Kohle nicht mit Fixativ geschützt wurde, bleibt sie am Finger hängen, wenn man über sie streicht. Abgeplatzte Putzstellen schien dem unbekannten Schriftkünstler nicht sonderlich gestört zu haben. Er malte darüber hinweg, in die Tiefe der Schadstellen hinein.

Doch dieser Hamlet wird die Zeit nicht überdauern. Sein Ende ist besiegelt. Am vergangenem Wochenende entfernten Bauarbeiter eine Hälfte des Deckels vom Tunnel, um einen neuen Deckel anzubringen. Dann wird der gesamte alte, marode Putz abgeschlagen und erneuert, womit sämtliche Graffiti, auch „Hamlet“, vernichtet werden. Doch nicht nur der Tunnel wird saniert, auch die alten Eisenbahnbrücken sollen gegen neue Stahlkonstruktionen ausgetauscht werden.

Interessant, was das Schauspielhaus zur bevorstehenden Inszenierung schreibt:

»Hamlet« ist ein spannender Spionagethriller. Die Wände in Helsingör haben Augen.

Im Tunnel gab es dank Hamlet eine Umkehr: Augen, darunter das Objektiv meiner digitalen Kamera, blickten auf die Wand.

War es ein Mitarbeiter des Schauspielhauses, der im Fußgängertunnel das Zitat anbrachte? Sie könne es „nach Rücksprache mit der Dramaturgie tatsächlich ausschließen, dass die Wandmalerei aus unserem Hause stammt“, schreibt mir die Pressesprecherin des Schauspielhauses, Maret Schütz, und verweist in einer nachfolgenden E-Mail auf die Thalheimer-Inszenierung des Thalia-Theaters. Aber dort will es auch keiner gewesen sein. Und selbst bei der Hamburger Kulturbehörde zeigte man sich erstaunt über den „Tunnel-Hamlet“.

    »Die Zeit ist aus den Fugen.
    Fluch und Scham,
    Dass ich zur Welt,
    sie einzurenken, kam.«

Die vom Schauspielhaus favorisierte Übersetzung und nachstehend die im Tunnel verwendete Übersetzung:

    »Die Zeit ist aus den Fugen.
    Schmach und Gram,
    Dass ich zur Welt,
    sie einzurenken, kam.«

(Hamlet, 1. Aufzug, 5. Szene)


Das Shakespeare-Zitat im Fußgängertunnel am Veddeler Damm/Niedernfelder Ufer. Blick zum Eingang auf der Südseite des Tunnels.


Bauarbeiter untersuchen die alte Tunneldecke. Laut HPA wurde der Tunnel 1908 gebaut und 1964 umfangreich erneuert und verstärkt.


Kommentar der Arbeiter zum Hamlet-Zitat: „Solche Art von Graffiti darf sein.“
© Foto: Harald Haack / newsbattery.eu


Der südliche Eingang zum Fußgängertunnel und eine der maroden Eisenbahnbrücken, die bis 2010 erneuert werden sollen.
© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu


© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu


Der „Hamlet im Tunnel“ in ganzer Länge, das Panorama aus technischen Gründen hier um 90° zum Hochformat gedreht. Die Bildbreite entspricht in etwa 2/3 der Wandhöhe des Tunnels.
© Fotos: Harald Haack / newsbattery.eu




Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de