Waren die Entführer auf dem falschen „Dampfer“?

War der Überfall auf den Frachter „Arctic Sea“ eine Verwechslung? Handelten die mutmaßlichen acht Angreifer im Auftrag und hatten das Schiff mit einem ähnlich aussehenden Frachter ähnlichen Namens verwechselt?

Gila Akkers - Wie die russische Nachrichtenagentur RIA Novesti meldet, haben die Entführer des unter maltesischer Flagge fahrenden 4000-Tonnen-Schiffs „Arctic Sea“ laut russischem Verteidigungsministerium tatsächlich Lösegeld gefordert und andernfalls mit einer Sprengung des Schiffes gedroht. Ein Ministeriumssprecher habe mitgeteilt, dass die Matrosen des russischen Küstenschutzschiffes „Ladny“ bei der Durchsuchung der „Arctic Sea“ mehrere Beweise fanden: Ein Schnellschlauchboot; Ausrüstung, um an Bord zu klettern; und Sprengstoff. Gegenwärtig verhöre man die Seeleute und die acht mutmaßlichen Angreifer weiter. Wann die Besatzung des Frachters nach Russland zurückkehrt, sagte der Sprecher nicht.

Erste Befragungen der Besatzung sollen ergeben haben, dass die Entführer bewaffnet waren. Nachdem das russische Küstenschutzschiff „Ladny“ befohlen hatte die „Arctic Sea“ zum Stehen zu bringen, hätten sie aber ihre Waffen über Bord geworfen. Wohin das Schiff mit seiner Ladung jetzt gebracht wird, darüber machte RIA Novesti keine Angaben. Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow hatte gestern gesagt, ein Schnellboot mit vier Esten, zwei Letten und zwei Russen habe am 24. Juli in schwedischen Hoheitsgewässern an der „Arctic Sea“ angelegt: „Unter dem Vorwand, dass ihr Boot kaputt sei, stiegen diese Personen an Bord der ‚Arctic Sea’ und zwangen die Besatzung unter Androhung von Waffengewalt die Navigationsanlagen abzuschalten und in Richtung Afrika zu fahren.“ Doch waren sie vermutlich auf dem falschen „Dampfer“?


Hatten die Entführer der „Arctic Sea“ den Auftrag gehabt den unter liberianischer Flagge fahrenden Frachter „Arctic Sky“ zu kapern? Liberia, ein Staat in Westafrika, exisiert südlich der Kapverdischen Inseln.
© Foto: Google-Earth / Newsbattery

Am Montag hatte der russische NATO-Botschafter Dmitri Rogosin laut der Nachrichtenagentur ITAR-Tass gesagt, die Medien hätten als Verschleierungstaktik absichtlich Falschinformationen erhalten. Hatten zuvor die Entführer von ihren mutmaßlichen Auftraggebern ebenfalls versehentlich oder absichtlich falsche bzw. unzureichende Information erhalten? Oder waren sie schlichtweg zu dumm gewesen das richtige Schiff zu finden?


Kam von Riga. Position der „Arctic Sky“

In dem Zeitraum, als die „Arctic Sea“ in der Ostsee gekapert wurde, war der unter liberianischer Flagge fahrender Frachter „Arctic Sky“ in der Nähe, befuhr von Riga kommend nach einem Stopp im Hafen von Bottenviken bei Kalajoki dieselbe Route am 15. 8. zwischen Gotland und Öland. An diesem Tag gab es eine Aufzeichnung des Automatischen Identifikationssystems (AIS) von der Position der „Arctic Sea“ in der Biskaya. Doch diese Sichtung des inzwischen gesuchten Schiffes wurde seitens des russischen Verteidigungsministeriums und der EU dementiert.


Position der „Arctic Sky“ am 15.8.

Leider reicht die Rückschau der Reisewege der „Arctic Sea“ bei marinetraffic.com jetzt nur noch bis zum 9.8. 2009 zurück. Da das Schiff gerade den Britischen Kanal auf seinem Weg nach Alexandria passiert hat, wo es voraussichtlich am 27.8. 2009 um 21.07 Uhr eintreffen soll, ist es denkbar, dass das Schiff am 24. 7. 2009 von dort oder jedenfalls von der Nordsee her kam und der „Arctic Sea“ begegnete. Von weitem, in einem schwankenden Schlauchboot, wird es für die Angreifer keinen Unterschied gemacht haben, ob sie nun „Arctic Sky“ oder „Arctic Sea“ am Heck oder am Bug des Schiffes lasen. Beide Schiffe haben eine ähnliche Bauweise und sind in etwa gleich groß. Und möglich ist auch, dass der Überfall auf die „Arctic Sea“ nur ein Ablenkungsmanöver war, um von der „Arctic Sky“ abzulenken. Aber dies, so muss ich betonen, könnte von sehr weit hergeholt sein. Kurios bleibt jedoch die Ähnlichkeit der Schiffsnamen beider Schiffe und der Umstand, dass sie sich mutmaßlich zum Zeitpunkt des Überfalls auf der Ostsee begegneten. Hinzu kommt, dass der Frachter „Arctic Sky“ seinen Heimathafen im westafrikanischen Staat Liberia hat. Die „Arctic Sea“, die unter maltesischer Flagge fährt, befand sich offensichtlich auf den Weg nach Afrika, kam aber nur bis kurz vor die Kapverdischen Inseln.


Heutige Position der „Arctic Sky“ im Britischen Kanal vor Cornwall.

Update vom 18. August 17.32 Uhr:

Wie soeben gemeldet wird, hat die Besatzung des Frachters „Arctic Sea“ an Bord des russischen Kriegsschiffes „Ladny“ die kapverdische Insel Sal erreicht. Lokalreporter der Insel berichten, das russische Schiff habe gegen 11 Uhr Ortszeit den Hafen erreicht. Der russische Botschafter auf den Kapverden, Alexander Karpuschin, sagte im kapverdischen Radio: „Wir haben bei den kapverdischen Behörden alle nötigen Schritte eingeleitet, um den Transport der Crew vom Schiff zum Flughafen zu ermöglichen“, sagte. Die 15-köpfige Besatzung könne nun „jederzeit“ ausgeflogen werden.

Karpuschin sagte, er habe mit mehreren Ermittlern des russischen Sicherheitsrats bereits eine erste Befragung der Besatzung an Bord des Kriegsschiffes unternommen, um zu „verstehen, was wirklich passiert ist“.

Die russische Nachrichtenagentur RIA Novesti erwähnt, die Nördliche Regionale Gewerkschaft für Seeleute habe zuvor unter Berufung auf das russische Außenministerium mitgeteilt, dass die „Arctic Sea“ von der „Ladny“ bugsiert werde. Angaben über den Verbleib des Schiff und seiner Ladung wurden (noch) nicht gemacht.

Update vom 18. August 19.50 Uhr:

Von einem britischen Informanten hörte ich, dass sich der MI6 inzwischen für die „Arctic Sky“ interessiert. Diese Information konnte ich leider noch nicht verifizieren.

Vorherige Artikel von Gila Akkers zum Thema:

Mannschaft der „Arctic Sea“ an Bord eines russischen Kriegsschiffes
Ahoi! Das Schiff der vielen Dementis





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