Kollektives Nichtwissen in Nachterstedt und Borken

Wenn ich mir die gegenwärtige Politik anschaue, das Kasperle-Theater in Schleswig-Holstein, der vorherige Piranha-Teich in Hessen und die politischen Abstürze in Sachsen-Anhalt, dann weiß ich wo ich lebe: In einem widerspenstigen Konglomerat von Multi-Kulti und borniertem Treiben; Geldgier und Verantwortungslosigkeit, Lobbyismus, Rechthaberei und Nachbarschaftsstreitigkeiten und Mord und Totschlag – und kurz vor der Bundestagswahl. Ist das Deutschland?

Carl Landow - Das Thema ging durch die Medienlandschaft, wurde in Fernsehfeatures beleuchtet und Zeitungsreporter schrieben sich vorübergehend die Finger wund: In Deutschland hätten es Mörder besonders leicht nie erwischt zu werden.

Die Morde und Totschlägereien, an denen die Druckerschwärze des Boulevardjournalismus kleben bleibt, sollen quasi nur die Spitze des Eisbergs sein. Fazit der Berichterstattung zu dem Thema war: Ein riesiger Teil wird nie aufgedeckt, weil Ärzte Totenscheine vielfach leichtfertig erstellen und Kriminalisten als Ermittler und im Gegensatz zu vielen unentdeckten Tätern Beamte mit nur durchschnittlichen Intelligenzquotienten sind und simple Fälle brauchen, um Erfolge feiern zu können. Bräuchten sie sonst die Unterstützung von Fernsehen, Rundfunk, Tagespresse und besonders der Bevölkerung? Fahndung als Unterhaltungsprodukt mit Echtheitsgarantie wie die ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY … ungelöst“?

Es soll zwei grundlegende Tätergruppen geben: Ottonormalverbraucher und Obrigkeiten.

Ottonormalverbraucher gilt in diesem Zusammenhang motivlich oft als Erbschleicher, die Obrigkeiten gehen häufig straffrei aus, weil keine Krähe einer anderen die Augen aushackt, wie man in Deutschland sagt. Es bedarf schon Anwälte und Menschen mit Rückgrat und Durchhaltevermögen, um die feinen Herrschaften selbst nach vielen Jahren zur Verantwortung ziehen zu können.

Späte Beweise in Borken
Im Fall des Grubenunglücks von Borken im Jahr 1988 sollen es laut des Kasseler Rechtsanwaltes Schoeller Reporter des Hessischen Rundfunks gewesen sein, die Beweise dafür fanden, dass die Verantwortlichen damals über die Explosionsgefahr bereits lange vor dem Unglück informiert waren. Sie sollen sich aus der Affäre mit dem Hinweis gezogen haben, Braunkohlenstaub neige nicht so drastisch wie Steinkohlenstaub zur Explosion. Rechtsanwalt Schoeller teilte Newsbattery auf Nachfrage mit: „Dabei lernen Kinder schon im Chemieunterricht, dass Staub-Luft-Gemische explodieren können“.

Gestern am Donnerstag hatte er als Anwalt der Hinterbliebenen der Opfer die Schadensersatzklage eingereicht. Es geht um Schmerzensgeld und darum, dass der damalige Bergwerkdirektor der Grube Stolzenbach und die E.ON Kraftwerke GmbH als Rechtsnachfolgerin des damaligen Grubenbetreibers zur Verantwortung gezogen werden. Rechtsanwalt Schoeller sagt, über 20 Jahre lang sei den Hinterbliebenen erzählt worden, bei dem Unglück habe es sich um ein nicht vorhersehbares Ereignis gehandelt habe. Darunter hätten die Angehörigen sehr gelitten.

Aus einem Gutachten aus dem Jahr 1967, das die Aufsichtsbehörde in Auftrag gegeben habe, ginge hervor, dass die Gefahr einer Kohlestaubexplosion bekannt gewesen sei, sagte Schoeller. Und es gebe zusätzlich Beweise, demnach das Gutachten durch die Hände des damaligen Bergwerkdirektors gegangen sei. Die Beschuldigten wollten außergerichtliche eine Haftung und ein Verschulden nicht anerkennen, fügte der Anwalt hinzu. Die Chance sie strafrechtlich zu belangen sei aufgrund der Verjährungsfrist verstrichen. Deshalb reichte er gestern Zivilklage beim Landgericht Kassel ein.

Spurensuche in Nachterstedt
Weil in Nachterstedt immer noch behauptet wird, man habe nichts von einer Erdrutschgefahr gewusst, fragte Newsbattery bei der Gemeinde Inden nach, ob denn die Nachricht stimme, dass Indens Bürgermeister vor zwei Jahren mit Verantwortlichen am See gestanden und über erfolgte Abrutsche gesprochen habe. Leider war der Bürgermeister, Ulrich Schuster, schon außer Haus, doch Regina Dechering, zuständig fürs Bauamt sowie Bauberatung und Grundstücksvormerkung, erklärte, sie müsse darauf hinweisen, sie habe zusammen mit dem Bürgermeister damals viele ehemalige Tagebau-Krater, die zu Seen umgewandelt wurden bzw. umgewandelt werden sollten, besucht. Sie könne sich nicht mehr erinnern, wo genau sie gestanden hätten, sie hätten schließlich viele Orte besucht. Sie hätten aber eine Absenkung am Seeufer gesehen. Diese Stelle sei abgesperrt gewesen. Sie hätten sie jedoch von dem Aussichtspunkt gut sehen können.

Der Aussichtspunkt befand sich direkt unterhalb der Seelandstraße, die in ihrem Übergangsbereich zur Bahnhofstraße mit dem Erdrutsch ebenfalls weggerissen wurde. Auch Reste der ehemaligen Grubenbahn waren dort am Hang museal abgestellt. Wegen der geplanten intensiven touristischen Nutzung des Concordia-Sees hatte man einen Parkplatz für auswertige Besucher anlegen wollen, sagte der Leiter des Heimatmuseums von Nachterstedt, Herr Brückner, zu Newsbattery. So richtig sei das Vorhaben aber nicht angelaufen. Weshalb, das wisse er nicht. Reste der betreffenden Fläche seien als Betonplattenfläche auf alten Luftbildern und auch auf den aktuellen Luftbildern zu sehen. Dort habe auch ein Haus gestanden, das abgerissen wurde, weil es in einem desolaten Zustand gewesen sei.

Fotos, die Newsbattery von mehreren Hobbyfotografen erhielt, zeigen tatsächlich Stellen unterhalb des ehemaligen Aussichtspunktes, die abgesperrt waren. Dort soll es in Hanglage drei Löcher gegeben haben, die von allen unserer Informanten übereinstimmend als „Phenolteiche“ bezeichnet wurden. Aber hatte es dort Absenkungen gegeben?


Blick auf den Katastrophenhang 18 Tage vor dem Erdrutsch am 30. Juni 2009. Links im hellgrünen Bewuchs der Slipway für das Ausflugsschiff „MS Seelandperle“. Rechts daneben ein Loch, das Informanten übereinstimmend als „Phenolteich“ bezeichneten.
© Foto: JBB


Blick vom Aussichtspunkt übers östliche Seeufer. Die zackigen Uferkanten sind obere Teile der Erosionsrillen. Im Vergleich dazu das Google-Earth-Bild:
© Foto: JBB


Rechts unten im Bild der Abrutschbereich vom 18. Juli 2009


Dieses Foto belegt, fotografiert vom Aussichtspunkt am 7. Juli 2007, dass es dort Bodenverdichtungsarbeiten (Kran mit Stange) gegeben hat und zwar direkt neben einem der abgesperrten Löcher und der Wasserpipeline.
© Foto: JBB


Dem See wurde Wasser über eine Pipeline zugeführt.
© Foto: JBB


Das Satellitenbild von Google Earth belegt, dass die Austrittsöffnung tief zum Seegrund hinunter verlegt wurde.

Das Rohr musste wahrscheinlich so tief hinab verlegt werden, um Auswaschungen durch ausfließendes Wasser an der Böschung zu vermeiden.


Dieses Luftbild machte ein Newsbattery-Leser mit Polarisationsfilter vor dem Objekt seiner Kamera nach dem Erdrutsch.
© Foto: Fred Ahlers

Die Spiegelung der Wasserspiegelung ist weggeblendet. Es ist, als blicke man unter Wasser. Zu sehen sind die entstandenen Untiefen (seichte Stellen) und der Tiefenwasserbereich bei der Wasserleinleitung. Belegt dieses Foto, dass die Wassereinleitung den Böschungsfuß weggespült hatte und damit ein Teil der Ursache für den Erdrutsch ist?

Offizielle Luftbilder vom Erdrutsch zeigt das DLR-Zentrum für satellitengestützte Krisen-Information. Um größere Auflösungen zu erhalten, ist allerdings eine Anmeldung notwendig. Es gibt dort aber auch Links (kml-Dateien) für Google-Earth-User, um auf implementierte Bilder zugreifen zu können.

Ein DLR-Foto vom 5. Mai 2006 zeigt, dass der Boden bei den markanten Erosionsrillen an der Böschung nordöstlich unterhalb der Siedlung „Auf der Halde“ immer noch sehr durchfeuchtet war und das Anwachsen von Pflanzen begünstigte. Besonders dieser Bereich wurde weggespült. Das Foto zeigt dort jetzt nur noch Wasser. Das DLR-Foto zeigt aber auch, dass vor dem Erdrutsch und vor dem 5. Mai 2006 zwei Häuser abgewissen wurden.


Die Erosionsrillen hat es schon im Jahr 2000 gegeben, und man hatte versucht mit zusätzlichen Entwässerungsrillen das Wasser aus der Böschung abzuleiten.

Mutmaßlich hat diese Maßnahme Bewegungen des künstlich aufgeschütteten Erdreichs gefördert anstatt zu stoppen. Doch wer hatte diese Maßnahme angeordnet? Eine Aufgabe für die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft Magdeburg, das zu ermitteln. Und die DLR-Luftbilder verweisen darauf, dass das kollektive Nichtwissen auch in Nachterstedt eigentlich zu Ende sein sollte.

    Stand: 25. Juli 2009, 10.00 Uhr

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