Nachterstedt: Besteht Verdunkelungsgefahr?

Die neuen Bundesländer haben besonders ein negatives Image: Geht was schief und wird vertuscht, ist schnell die Rede von „alten Seilschaften“. Weil das mittlerweile unter Klischee läuft, ist man als bemüht souveräner Deutscher geneigt, ein Getuschel in diese Richtung nur noch halbwegs ernst zu nehmen. Doch im Fall des Erdrutsches von Nachterstedt höre ich die Seile nur so knarzen. Ich befürchte Verdunkelungsgefahr.

Carl Landow – Auffällig in Nachterstedt ist jetzt, dass selbst aus Archiven ausgegrabene Fakten von Experten, die zu einer Aufklärung des Wieso, Weshalb, Warum und Wodurch zum Erdrutsch führen könnten, arrogant als „Spekulation“ vom so genannten Nachterstedter Krisenstab zurückgewiesen werden. Meine Erfahrungen aber haben mich gelehrt ein solch auffälliges Verhalten stets zu hinterfragen.

Von Charles Darwin stammt die Weisheit „Ohne Spekulation gibt es keine neue Beobachtung“. Wie zutreffend für Nachterstedt!

Wer in Nachterstedt der oberen Katastrophen-Prominenz angehört und nichts verraten will, bezeichnet gegenwärtig Fakten als Spekulationen, so meine Beobachtung, und meint sicherlich unbewiesene Vermutungen und unbeweisbar geltende Aussagen. Als könnte man damit verhindern, dass Beweise strafrechtlich verwendet werden! Man wisse nichts, stünde vor einem großen Rätsel. Ja, und vermutlich heißen alle „Hase“ und wissen nichts.

Aber es mehren sich nicht nur Fakten, sondern auch Zeitzeugen, die bereitwillig Auskunft darüber geben, dass all jene Hasen, die man jetzt eigentlich „Hasenfüße“ nennen sollte, die nicht Manns genug sind, um zu ihrer Verantwortung zu stehen, schon Jahre vor der Katastrophe über die drohende Gefahr informiert waren. Zeitzeugen wie beispielsweise der Bürgermeister der rheinischen Tagebaugemeinde Inden, Ulrich Schuster. Er will vor zwei Jahren am Concordia-See eine Veränderung der Böschung in einem unbebauten Landschaftsbereich wahrgenommen haben. Er sagt, man habe offen darüber geredet, dass die Böschung abgesackt sei.

Eigenartigerweise melden sich bei Newsbattery gegenwärtig immer mehr Sachverständige; keine mental gestörten Leser, die sich unbedingt am Rätseln beteiligen müssen und fantasieren, sondern anerkannte Tiefbauexperten und Geologen. Sie bieten nicht nur Fachwissen an, sondern befürchten auch die Verdunkelungsgefahr, weil, wie es Professor Dombrowsky gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ ausdrückte, sich alle Verantwortlichen jetzt rein waschen und von einem unverhersehbaren Unglücksfall sprechen.

Professor Dombrowsky ist nicht nur Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Universität Kiel, sondern auch Mitglied der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern, die die Bundesregierung und Länder in wissenschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fragen des Schutzes der Zivilbevölkerung berät. Er verweise „seit Jahren darauf, dass die bisherigen Risikobewertungen in Bergbauregionen ungenügend sind, da komplexe geologische Dynamiken etwa durch Wassereintritte, Temperaturschwankungen und unterschiedliche Lastveränderungen unberücksichtigt bleiben. Es reiche nicht aus, stillgelegte Stollen aufzufüllen oder Hohlräume aufzuschütten, wie zahlreiche Beispiele im Ruhrgebiet, im Saarland oder in den Braunkohlegebieten in den neuen Ländern zeigten.

„Es ist ein echtes Ärgernis, dass wir in Deutschland keine öffentliche Debatte über die sogenannten Ewigkeitskosten des Bergbaus führen. Aus Angst vor den horrenden Kosten schrecken Kommunen und Bergbaugesellschaften oft davor zurück, seriöse Risikobewertungen durchzuführen nach der Devise: Wenn drei, vier oder zehn Häuser Risse bekommen, absacken oder zusammenstürzen, kommt uns das immer noch billiger als präventive Maßnahmen zu ergreifen“, kritisiert Dombrowsky.

Indes regt Dr. Horst Bloch, VDI an, „dass sich die Betroffenen, die urplötzlich und ungeplant, gleichsam im Schlaf, von dem Erdrutsch infolge früherer bergbaulicher Tätigkeit überrascht wurden, zu einer Bürgerinitiative zusammenschließen, um ihre Eigentumsinteressen zu verteidigen.“ Dr. Bloch ist Dipl.-Geologe, Sachverständiger a.D. der IHK Siegen für Baugrund- und Grundwasserfragen in Westfalen. Er wandte sich damit an Prof. Dombrowsky und dieser sagte „unter Vorbehalt“ seine Unterstützung zu: „Vorbehalt, weil ich noch nicht weiß, worauf es im Konkreten zulaufen wird.“

Das MDR-Fernsehen berichtete, dass Anwohner, die von der LMBV eine Soforthilfe erhalten, sich verpflichten mussten Stillschweigen zu bewahren. Stillschweigen über die Höhe des Betrages. Stillschweigen auch über mehr?

Die Stadt Seeland hat „für die Opfer des Erdrutsches in Nachterstedt“ ein Spendenkonto eingerichtet. Verwendungszweck: “Katastrophengebiet Nachterstedt”, Kontonummer: 3063002150, Bankleitzahl: 80055500 bei der Salzlandsparkasse. Ob und wie das Geld bei den Opfern ankommen soll, konnte ich noch nicht erfragen. Bei der Verwaltung der Stadt Seeland war niemand zu erreichen. Wahrscheinlich waren alle gerade „zu Tisch“ als ich anrief und niemand abnahm. Doch auch den ganzen Nachmittag über? Seltsam!

Gefahr auf Halde – Sprengung schon bald
Dr. Bloch schreibt mir: „Vor dem Fluten hätte die LMBV die Standsicherheit der bebauten Kippe, und zwar mit dem Anstau der späteren Flutung nachweisen müssen. Diese Unterlagen werden schwer zu bekommen sein. Im hydraulischen Grundbruch am Böschungsfuß liegt der eigentliche angreifbare Punkt.“

Die Frankfurter Rundschau weiß von einem Bewohner der Siedlung „Auf der Halde“, der der Staatsanwaltschaft Magdeburg berichtete, er habe lange vor dem Erdrutsch Absenkungen im Garten festgestellt. Man habe die damit entstandene Mulde wieder verfüllt, doch sei der Boden dann erneut abgesackt. Gegenüber der Frankfurter Rundschau hatte Staatsanwalt Uwe Homberg über die Zeugenvernehmung gesagt: „Man hat das aber offenbar nicht für voll genommen.“

Offenbar hat man sich mit den Absenkungen verhalten wie auf einem Friedhof mit Erdbestattungen. Wenn ein vergrabener Sarg morsch geworden ist, bricht er zusammen und es entsteht ein Hohlraum, bei dem die Erde nachdrückt und ihn verfüllt. An der Erdoberfläche gibt es dann eine Mulde, die mit Gartenerde bald wieder aufgefüllt wird, damit das Grab wieder gepflegt aussieht. Und in Nachterstedt sollten schließlich die Gärten der Anwesen adrett aussehen. Ob es von der nahenden Katastrophe ablenken sollte, wird die Staatsanwaltschaft herausfinden müssen.

Doch die Staatsanwaltschaft Magedeburg relativierte inzwischen die Aussage des Mannes: Ein Bewohner habe zwar vor Jahren Risse in seinem Schuppen festgestellt, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Nach dem Unglück habe der Mann der Polizei in der Zeugenvernehmung aber gesagt, er habe die Risse selbst verfüllt und es trotz erneuter Senkungen dabei belassen und die Behörden nicht darüber informiert. Ein Bericht in der «Frankfurter Rundschau» (Donnerstagausgabe) habe den Eindruck erweckt, die Behörden hätten die Beobachtungen des Mannes ignoriert.

Für mich sieht das nun aber so aus, als wolle man diesen Mann beschuldigen, weil er die Absenkungen gegenüber den Behörden verschwieg und zur Selbsthilfe gegriffen hatte. Doch was hat ihn dazu veranlasst? War es Resignation gegenüber einer erwarteten Untätigkeit der Behörden?

Trotz der Aussage des Indener Bürgermeisters wiederholte der Vorsitzende Geschäftsführer der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), Mahmut Kuyumcu, gegenüber der Presse, und ich stelle mir vor, dass dies gebetsartig geschah, von früheren Senkungen in der Siedlung sei der LMBV nichts bekannt gewesen. „Wir haben bislang keine Spur“, sagte er. Hohlräume in der benachbarten Halde habe man bei der Sanierung des Tagebaus ab Mitte der 1990er Jahre verfüllt. Sie stammten angeblich von der Untertageförderung der Braunkohle im 19. Jahrhundert. Gutachter hätten vor circa 14 Jahren keine Notwendigkeit für eine Umsiedlung der auf der Halde stehenden Häuser gesehen.

Hatten sie Gefälligkeitsgutachten erstellt? Dies scheint naheliegend, denn der nutzlos gewordene Tagebau sollte schnellst möglich wieder gewinnbringend genutzt werden. Grundstücke am nördlichen Seeufer wurden eiligst für Ferienhäuser verkauft. Der Wert dieser Grundstücke dürfte nun aber nach dem Erdrutsch rapide gefallen sein.

Anstatt die Ursachen von unabhängigen Wissenschaftlern gründlich ermitteln zu lassen, rechnet Kuyumcu schon in „einigen wenigen Wochen“ damit, die Ursachen ermittelt zu haben. Sobald seine Ergebnisse vorliegen, soll die Halde samt der Häuser, die als unbewohnbar erklärt wurden, gesprengt werden – womit sämtliche straf- und zivilrechtlichen Spuren vernichtet werden. Und all dies soll unter den „wachsamen“ Augen der Staatsanwaltschaft Magdeburg geschehen?

Na dann, gute Nacht Nachterstedt!

Fortsetzung folgt.

    Stand: 24. Juli 2009, 00.33 Uhr

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