Nachterstedt: Ein fader Beigeschmack

Die für Nachterstedt zuständige Staatsanwaltschaft hatte ihre Ermittlungen wegen des Erdrutsches von Nachterstedt aufgenommen, weil mutmaßlich drei Menschen mit den Häusern in die Tiefe gerissen wurden und tot sein könnten. Die Ermittlungen gehen in Richtung fahrlässige Tötung. Doch die Leichen werden wahrscheinlich nie geborgen werden können und folglich wird es keine Verantwortlichen geben, die sich vor den Ermittlungen fürchten müssen. Denn: Ohne Leichen keine Tötung und somit keine Anklage.

Carl Landow – Man hätte es wirklich glauben können: Still ruht der See. Doch die Seenmacher – wie sich die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft (LMBV) auf ihrer Internet-Präsentation nennt – die ihn schufen, haben ein landfressendes Monster geschaffen. Am vergangenem Samstag um angeblich 4.40 Uhr morgens gab es ein Knacken und Krachen am Rand der Bergarbeitersiedlung von Nachterstedt im östlichen Harzvorland bei Magdeburg, die auf dem Abraum des Braunkohlentagebaus in den dreißiger Jahren gebaut wurde.


Still ruht der See, aber nur scheinbar. Die Abrutschstelle am 30. Juni 2009.


Wer hätte gedacht, dass dieses stabil wirkende Haus innerhalb eines Augenblicks in die Tiefe hätte gerissen werden können?
© Fotos: JBB

Auf mehreren hundert Metern Länge brach ausgerechnet dort der Boden ab, wo die Siedlung an den Rand des Tagebaukraters heranreichte, und riss Gärten, Häuser, Straßen und mutmaßlich drei Menschen in die Tiefe hinunter zum Wasserspiegel des Concordia-Sees. Der Erdrutsch erzeugte eine Flutwelle, die ein Ausflugsschiff aufs gegenüberliegende Ufer setzte, und deren Rückläufer zu einem weiteren Erdrutsch nordwestlich der betroffenen Siedlung führte. Der See tobte. Es muss zeitweise so ausgesehen haben, als kochte das Wasser. Verwirbelungen vermischten das abgerutschte Abraum-Sediment mit Wasser und dem Heizöl aus den Tanks der Häuser, die beim Erdrutsch zerbröselt wurden. Ein höllisches Schlammgemisch war entstanden, in das sich kein Retter, nicht einmal die Bundeswehr wagte.

Gestern wurde somit die Suche nach den drei Vermissten eingestellt. Eine Suche vom Helikopter aus scheidet sicherlich aus, wie ich vermute, weil der klopfende Rotorenlärm, der Infraschallfrequenzen enthält, weitere Schäden und Erdrutsche hätte verursachen können. Will man nun alles was in der Tiefe liegt dort liegen lassen, die Stelle zum Grab erklären und sich weiterhin munter der angestrebten, lukrativen See-Idylle widmen?

Mehrere Zeitzeugen berichteten Newsbattery übereinstimmend, auf dem Grund des Concordia-See gebe es noch mehr Artefakte früheren menschlichen Wirkens. Beispielsweise ein Schaufellader, der bei einem früheren Unglück verschüttet wurde.

Bei der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft (LMBV) wusste man zweifellos von der Gefahr für die Siedlung. Auf ihrer WebSeite berichtet das Unternehmen – Gesellschafterin ist die Öffentliche Hand, die Bundesrepublik Deutschland – von einem kräftigen Setzungsfließen am Tagebaukrater. Bei jenem Erdrutsch vom 2. Februar 1959 sollen sich plötzlich 5,8 Millionen Kubikmeter Erdmassen bewegt haben, weil Wasser den aufgeweichten Boden ins Rutschen brachte. Dies soll ohne welche Vorzeichen, die auf das Ereignis hätten hindeuten können, geschehen sein. Ein Bergarbeiter kam dabei ums Leben.

Interessant ist, das die LMBV anderswo, beim ehemaligen Tagebau Werminghoff bei Hausbesitzern, einer Familie Böger, wegen der Gefahr des Setzungsfliessens Ärger verursachte; ein Grundstück am Knappensee bei Koblenz. Nach den Darlegungen der Bögers muss es dort bürokratisch-unbürokratisch zugegangen sein: Was ordnungsgemäß bürokratisch begann, soll sich in Schriftstücken, die bei Ämtern verschwanden und Willkür verloren haben. Mit einem Mal galt ihr Haus, das einst baurechtlich genehmigt wurde und von ihnen nun zum Hotel umgewandelt werden sollte, substanziell als gefährdet. Das Sächsische Oberbergamt, das den Freistaat Sachsen in solchen Angelegenheiten vertritt, nahm dazu in seinem Schreiben vom 2. Februar 2005 an das Bauamt Stellung:

    „Das zur Umnutzung vorgesehene Gebäude steht auf bereits vor 1940 geschüttetem Kippengelände des ehem. Tagebaus Werminghoff. Für diesen Bereich besteht keine Bergaufsicht. Das Kippenmaterial besteht mit großer Wahrscheinlichkeit aus gleichförmigen Sanden in lockerer Lagerung, d. h. es muss davon ausgegangen werden, dass es verflüssigungsgefährdet ist. Konkrete Untersuchungen am Gebäudestandort sind dem Sächsischen Oberbergamt bisher nicht bekannt.

    Der Grundwasserstand liegt derzeit bei + 124 mNN und wird in den folgenden Jahren noch auf einen Endstand von + 125 mNN steigen, d.h. nach gegenwärtigem Kenntnisstand können Gefahren zukünftig nicht ausgeschlossen werden (Grundbrüche infolge Verflüssigung).

    Untertägige Entwässerungsstrecken existieren nach uns vorliegenden Unterlagen im südlichen Bereich des Flurstückes 15/3, im Gebäudebereich sind keine bekannt.

    Bevor eine abschließende Stellungnahme zur Umnutzung des gegenwärtig ungenutzten Gebäudes als Wohnhaus möglich ist, ist eine Untersuchung zu den Gefahren aus dem alten Braunkohlenbergbau (Verflüssigungsgefahr des Kippenmaterials) erforderlich. Die LMBV mbH hat diese Untersuchungen für das Jahr 2005 geplant.“

Die Bögers fühlen sich als Opfer von Bergbausanierung, Seenflutung und Grundwasserwiederanstieg, dem Landkreis Bautzen, dem Freistaat Sachsen und der LMBV. Seitens der LMBV soll man hinsichtlich eines Schadenersatzes versucht haben sie mit der Bemerkung abzukanzeln, sie seien die Ersten und wenn man bei ihnen den Schaden reguliere, dann kämen die anderen auch alle, das werde viel zu teuer.

Mit diesem Wissen über das von Geschädigten behauptete bisherige Verhalten der LMBV erhält die Mitteilung der LMBV auf einer gestern am Montag stattgefundenen Eigentümerversammlung der odachlosgewordenen Nachterstedter, die LMBV sei gegenüber den rund 40 überlebenden Opfern des Erdrutsches von Nachterstedt um eine „unbürokratische Lösung“ bemüht, einen faden Beigeschmack.

Und immer öfter dringt an die Öffentlichkeit, die Siedlung müsse aufgegeben werden, weil der Boden, die künstlichen Aufschüttungen, unsicher sei. Eine Tiefbauingieuren, die einst als Praktikantin beim Tagebau Nachterstedt tätig gewesen sein will, schreibt an Newsbattery:

    „Früher haben wir nicht gewusst, dass man solche Auffüllungen gut durchmischen muss (Sand mit bindigen Materialien) oder für eine ausreichende Verdichtung des Sandes sorgen sollte – und so sind an vielen Tagebaurestlöchern Bereiche entstanden, die heute von niemandem betreten werden dürfen (Lebensgefahr aufgrund eines möglichen Abrutschens). Im Raum Senftenberg wurden solche Uferbereiche nachträglich mittels Sprengungen verdichtet, in Nachterstedt war eine solche Maßnahme mit Sicherheit undurchführbar.“

Ja, weil der Uferbereich dort bereits bebaut war und man auf den Widerstand der dort wohnenden Bevölkerung gestoßen wäre, hätte man die problematischste Uferzone sprengen wollen. Nun hat die LMBV die Leute aber dort, wo man sie sich mutmaßlich seit Jahren schon gewünscht hatte, raus aus den Häusern nämlich.

Fortsetzung folgt.

Vorherige Artikel von Carl Landow zum Thema:

Nachterstedt: Alles die Sache einer Schmierschicht?
Nachterstedt: See in künstlicher Aufschüttung
Nachterstedt: Drohen weitere Erdrutsche?
Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?
Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?





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