Nachterstedt: Alles die Sache einer Schmierschicht?

Die ddp-Luftbilder zeigen die Katastrophe von Nachterstedt nicht nur im Überblick, sondern auch detailliert. Schichtungen, wie man sie von natürlich gewachsenen und verfestigten Sandgründen her kennt, fehlen hier. Ein Foto, für das der Fotograf mit seiner Kamera aus der Luft über die restlichen Häuser zum See blickte, erinnert mich an Erdabbrüche an Halligkanten in der Nordsee.

Carl Landow – Eine Erklärung für das Fehlen von Schichten, liefert eine geologische Oberflächenkarte des Landesamtes für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt. Das betreffende Gebiet wurde irgendwann einmal künstlich aufgeschichtet.

Diese Karte ist zu finden über „Geo-Fachdaten“ und dann dort über „Geologische Übersichtskarte, Oberflächenkarte“, Nr. C4334 Bernburg (Saale).

Im heutigen ZDF-Morgenmagazin berichtete der ZDF-Reporter Giselher Suhr aus Nachterstedt von Hohlräumen, die beim unterirdischen Abbau von Braunkohle im 19. Jahrhundert entstanden sind. Man habe man sie verfüllt.

Offensichtlich aber nicht alle, denn noch im vergangenem Jahr soll es Verfüllungen von Hohlräumen südlich der Siedlungshäuser, die jetzt an der Abrutschkante stehen, gegeben haben, berichtete ein Anwohner.

SPIEGEL-Online weiß, dass die betroffene Siedlung in den dreißiger Jahren auf einem Tagebaugelände errichtet wurde, das schon im 19. Jahrhundert zugeschüttet wurde und zitiert Dr. Uwe Steinhuber „von der Gesellschaft, die für die Nachnutzung von rund 50 früheren Tagebaulöchern in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zuständig ist.“ Der Erdrutsch sei ein „gravierendes, in dieser Form einmaliges Ereignis, das keiner eindeutig erklären kann“, soll Steinhuber gesagt haben.

Interessant ist für mich, dass SPIEGEL-Online es vermeidet den Namen der Gesellschaft zu nennen und nur umschreibt, um welche Firma es sich handelt. Das klingt für mich wie die Umschreibung für Gott, „Jenes höhere Wesen, das wir verehren“, in „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll. Bei dem Unternehmen handelt sich um die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft, die für den ganzen Murks, auch „Concordia-See“ genannt, verantwortlich ist – Gesellschafter ist die Öffentliche Hand, die Bundesrepublik Deutschland.

Gestern Abend wurde mein Newsbattery-Kollege Harald Haack von dem Geologen Hubert S.* eines großen staatlichen Unternehmens angerufen. Er sagte, er habe meine Artikel zum Erdrutsch in Nachterstedt gelesen und könne meine Hinweise bestätigen. Über längere Zeit sickere Regenwasser durch künstliche Aufschichtungen nach unten und sammle sich beim Treffen auf Sperrschichten, die beispielsweise aus Lehm bestehen, in Reservoirs. Eine solche Sperrschicht werde dann zur Schmierschicht, auf der die Sedimente der künstlichen Aufschichtungen gleiten. Ein sehr langsamer Vorgang, der aber irgendwann abrupt sein Ende findet, wenn die in Bewegung geratene Masse keinen Widerstand mehr hat. Wie in diesem aktuellen Fall sei dann ein Erdrutsch die Folge.

Das dürfte die Erklärung für die eingetretene Ähnlichkeit der schlammigen Abrutschregion von Nachterstedt mit Halligkantenabbrüchen sein, die dadurch entstehen, weil Wellen der Nordsee das Erdreich der künstlichen Aufschichtungen, Warften genannt, nicht nur überspülen, sondern bei Landunter auch unterspülen und die Sedimente von einer unter dem Halligboden existierenden Schmierschicht abreißen.

Die geologische Oberflächenkarte zeigt, dass es südlich von Nachterstedt ein unterirdisches Flussbett gibt. Siehe dazu auch die westliche Nachbarkarte C4330. Nachterstedt findet sich darauf am rechten Kartenrand in halber Höhe. Ein Querarm des Flusses umrundet Nachterstedt fast westlich. Die Gegend war also einst eine Flussauenlandschaft. Und Lehm ist der Untergrund vieler Feuchtbiotope, Bestandteil von Flussauen. Ein möglicher Rest eines solchen Feuchtbiotops findet sich denn auch auf der geologischen Karte bei der Ortschaft Frose am See.

Ich denke, dass diese geologischen Befunde in der Oberflächenkarte des Landesamtes für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt eine gute Grundlage zur Lösung des angeblich so großen Rätsels, die Ursache des Erdrutsches, sein könnte. Und es sollten besonders Experten des Instituts für Physische Geographie der Goethe-Universität Frankfurt/Main in die Ermittlungen eingebunden werden und keineswegs nur mutmaßlich von der Lausitzer Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltung abhängige Geologen des Landes Sachsen-Anhalt. Laut Wikipedia ist die Physische Geographie (auch Physiogeographie) ein Teilgebiet der Geographie. Sie erfasst, beschreibt und erklärt die Erdoberfläche als System.

Eine Sprecherin des Deutschen GeoForschungsZentrums Potsdam schliesst es kategorisch aus, dass das kleine Erdbeben vom vergangenen Freitag in Hoyerswerder, mit der Magnitude 2 , wenige Stunden vor dem Erdrutsch in Nachterstedt, den Erdrutsch verursacht haben könnte. Dazu sei es zu schwach gewesen. Aber auch sie spricht von einer Sperrschicht, auf der sich Regenwasser unterhalb der künstlichen Aufschüttung angesammelt haben könnte und diese Sperrschicht zur Schmierschicht werden ließ. Dazu beigetragen haben könnten die Regenfälle der Tage vor dem Unglück. Sie erinnert sich an einen ähnlichen Erdrutsch in Südamerika, wo nach mehrtägigen Regenfällen plötzlich die Sedimentmassen in Bewegung gerieten und der Schwerkraft folgten.

Hoyerswerda liegt rund 205 Kilometer Luftlinie östlich von Nachterstedt.


Größere Kartenansicht

* Namen redaktionell geändert


Weiter im Bericht von Harald Haack:

Nachterstedt: LMBV sieht sich in der Schuld

Und Fortsetzung von Carl Landow:

Nachterstedt: Ein fader Beigeschmack

Vorherige Artikel von Carl Landow zum Thema:

Nachterstedt: See in künstlicher Aufschüttung
Nachterstedt: Drohen weitere Erdrutsche?
Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?
Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?





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