Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?

Aktivitäten der Lausitzer Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltung während der vergangenen Jahre erhärten bei Anwohnern des Nachterstedter Erdrutsches den Argwohn, dass die Gesellschaft von einer drohenden Gefahr gewusst habe. Spuren in Google-Earth-Fotos zeigen mehr, als den Verantwortlichen lieb sein könnte.

Carl Landow – Die Landschaften der Erde werden von Vegetation und Erosion ständig verändert, und überall gab und gibt es Eingriffe des Menschen: Rodung, Gründung und Wachstum von Siedlungen, Ausweitung der Landwirtschaft, Aufkommen der Forstwirtschaft, Industrialisierung, Ausbau der Verkehrswege. Dadurch wurden Naturlandschaften in Kulturlandschaften verwandelt.

Diese von Menschen verursachten Veränderungen können noch nach vielen Jahren, nach Jahrzehnten und Jahrhunderten sichtbar werden. Unter günstigen geologischen und klimatologischen Bedingungen zeichnen sie sich in Gras und Getreide als Unregelmäßigkeiten im Bewuchs ab. Vom Boden aus sind sie jedoch kaum sichtbar, aber aus größerer Höhe – vom Flugzeug oder vom Ballon o.ä. – können sie fotografiert werden. Im Idealfall sollen unterirdische Strukturen bis ca. ein Meter Tiefe auf Luftbildern sichtbar sein. Besonders gut sind sie auch auf Satellitenfotos zu erkennen und entpuppen sich häufig als archäologische Befunde. Auf diese Weise konnten Siedlungsreste, Gräber, ehemalige Wege und vieles mehr entdeckt werden.

Die Region rund um Nachterstedt ist voller solcher unterirdischen Strukturen. Google Earth zeigt gegenwärtig noch eine Ansicht, die auf Fotos basiert, die vor dem Bau der Schnellstraße 6 entstanden sind. Besonders deutlich sind da holozäne Fließrinnen zu sehen, aber stellenweise auch noch aktive unterirdische Wasserläufe, die mitunter überirdisch als kleine Wasserstellen zu finden sind und von Bäumen und Büschen inmitten der Getreidefelder und Wiesen gesäumt werden.

Nur 1,6 Kilometer sind es vom Erdrutsch-Abbruch bis zur Kreuzung 6 / L75. Auffallend ist, dass es unmittelbar um Nachterstedt keine holozänen Fließrinnen (mehr) gibt. Allerdings gibt es kleine Strukturen, die sich als unterirdische Wasserläufe deuten lassen. Aber noch auffallender ist, dass die südwestliche Ecke der bewaldeten Erhebung nordöstlich von Nachterstedt, dem „Bürgerpark“, auf dem Google-Earth-Bild viele rotbräunliche Baumkronen aufweist.


Es sieht aus, als seien die Blätter dieser Bäume durch Wasserentzug vorzeitig braun geworden.
© Foto: Google Earth / GeoContent /Newsbattery

Wohin das Wasser geflossen sein könnte, wird klar, wenn man die südliche Uferseite des Concordia-Sees betrachtet und die kräftigen Erosionsrillen findet. Auf der Satellitenbildansicht wird sichtbar, dass das Wasser 30 Meter unterhalb der Seelandstraße aus dem Abhang heraus floss. Nicht erst jetzt durch etwas Regen, der seitens der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft zu „kräftigen Regenfällen“ der Nacht von Freitag auf Samstag aufgeblasen wurde, sondern bereits über längere Zeit.


Dass abfließendes Grundwasser die Bäume des Waldgebietes bei Nachterstedt schädigte, scheint eine weitere Stelle dort zu belegen: Nordwestlich eines kleinen Sees beim Nachbarort Frose. Allerdings gibt es dort weniger braune Baumkronen. Schließlich ist der Froser See auch nicht so groß wie der Concordia-See. Der Höhenunterschied ist dort allerdings auch nur circa halb so groß wie beim Concordia-See. © Foto: Google Earth / GeoContent / Newsbattery

Während momentan in Sachsen-Anhalt die Vertuschungsaktionen mitverantwortlicher Politiker anlaufen und die Presse-Industrie mit deren Ausflüchten und Meinungswissen eingeschleimt wird, erinnern sich Nachterstedter an die Aktivitäten von Mitarbeitern der Lausitzer Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltung im vergangenem Jahr. Sie argwöhnen, dass die für die Flutung des Sees Verantwortlichen von der drohenden Gefahr gewusst hatten. In der Haldenstraße wurden angeblich Bohrungen gemacht und sollen Hohlräume verfüllt worden sein. Und schon vor zwei Jahren wurden Arbeiten für eine Steganlage eingestellt, die dort gebaut werden sollte, wo jetzt großflächig Erde abrutschte und Häuser und Straßen in den See riss. Man habe gemerkt, dass die Böschung keinen Halt dafür bot, berichteten Anwohner den angereisten Reportern. Und was ist mit dem Regen?

Der Meteorologe Jörg Kachelmann widersprach der Erklärung der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft („Die Seenmacher“) heftige Regenfälle hätten das Unglück ausgelöst hätten. Er sagte der Zeitung „Welt am Sonntag“, dass lediglich 20 Liter pro Quadratmeter gefallen seien; das sei nicht außergewöhnlich und verursache nicht so einen heftigen Erdrutsch.


Gab es schon vor Jahren, als dieses Google-Earth-Foto gemacht wurde, Hinweise für eine im Tiefenbereich destabilisierte Uferkante? Diese Strukturen stimmen mit der Abrutschkante des Erdrutsches überein. Siehe dazu auch das ddp-Foto. Und auch dieses Foto. Regenwasser, floß mutmaßlich schnell über eine kurze Strecke in einer Rille neben der Siedlung ab, konnte folglich nicht unmittelbar zur Katastrophe beigetragen haben.
© Foto: Google Earth / GeoContent / Newsbattery

Doch wahrscheinlich könnte der wenige Regen „das Fass“ in 30 Metern Tiefe unter den Häusern zum Überlaufen gebracht haben – ein Vorgang wie beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Dort soll ein überhöhter Grundwasserabfluss zu Ausspülungen des sandigen Untergrunds die Ursache gewesen sein. Und wie in Köln wird es auch für Nachterstedt bald Politiker und Aufsichtsräte und vor allem mutmaßliche Gefälligkeitsgutachter geben, die ihre Schuld eingestehen werden (müssen). Aber bis dahin wird noch viel Regen vom Himmel fallen.

Inzwischen veröffentlichte die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft (LMBV) auf ihrer WebSeite diesen Hinweis: „Die LMBV tritt verfrühten Spekulation, Ursachen für das Rutschungereignis seien in den zurückliegeden Regenfällen zu suchen, entgegen.“ Das klingt gerade so, als sei es dieses Unternehmen nicht gewesen, das sich nach dem Erdrutsch mit einer ersten Erklärung ins Wettergeschehen geflüchtet hatte. Ich denke, man darf darauf gespannt sein, welche Ausflüchte noch kommen.

Beruht die ganze Katastrophe auf vielen Irrtümern? Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft behauptet: „Zu den Ursachen der Rutschung kann die LMBV gegenwärtig noch keine Aussagen treffen. Dies wird durch die zuständige Bergbehörde des Landes Sachsen-Anhalt erfolgen.“ Ich befürchte, dies ist nicht ganz korrekt, denn: Politiker wollten den Concordia-See möglichst schnell gefüllt haben und damit auch die Kassen der regionalen Tourismusbranche. Und mit diesem großen Erdrutsch stieg zwar der Wasserspiegel, aber dafür befürchten einige von ihnen schon die große Pleite. Der Traum von der lukrativen Idylle am Concordia-See scheint ausgeträumt.

Jene, die die Nase beim Projekt „Concordia-See“ ganz weit vorne hatten und mit der Flutung des ehemaligen Braunkohlentagebaus Verantwortung übernommen hatten, erwartet jetzt noch mehr Unbehagen: Die Staatsanwaltschaft in Magdeburg leitete wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung ein Ermittlungsverfahren ein.

Fortsetzung des Artikels von Carl Landow:

Nachterstedt: Drohen weitere Erdrutsche?

Vorheriger Artikel zum Thema:

Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?





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