Nachterstedt: See in künstlicher Aufschüttung

Das ZDF suchte für sein Morgenmagazin einen Gesprächspartner und fragte aufgrund meiner bisherigen Artikel zum Erdrutsch von Nachterstedt deshalb bei der Redaktion von Newsbattery an, ob ich dies sein könnte. Generell stehe ich solchen Anfragen ablehnend gegenüber und ich lehnte ab, weil mir die Reise nach Berlin ins Studio zu stressig ist und ich eitler, alter Mann mich nicht als telegen genug empfinde. Aber die Anfrage veranlasste mich noch einmal nach den geologischen Daten für das Katastrophengebiet zu forschen. Was ich dann auf der WebSeite des Landesamtes für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt fand, lässt mich erschauern.

Carl Landow - Nach einer geologischen Karte des Landesamtes für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt besteht das Katastrophengebiet vollständig aus künstlichen Aufschüttungen. Diese Karte ist zu finden über „Geo-Fachdaten“ und dann dort über „Geologische Übersichtskarte, Oberflächenkarte“, Nr. C4334 Bernburg (Saale).

Künstliche Aufschüttungen können aufgrund ihrer, im Vergleich zu natürlich entstandenen Geo-Formationen, kurzen Liegezeit keine große Festigkeit aufweisen. Auch wenn sich innerhalb von vielleicht 100 Jahren eine Kruste gebildet haben könnte, wie Hinweise zur Schadstoffablagerung ergaben, so bleibt doch eine Instabilität, die ich salopp mit einer Situation im Sandkasten vergleichen möchte. Gräbt im Sand eine Kuhle und füllt Wasser dort hinein, so erhält man im Nu Schlamm. Sand kann auch verkrusten und Wasser löst alles auf.

Nach der betreffenden Geo-Karte besteht selbst der Hügel des „Bürgerparks“ aus künstlichen Aufschüttungen. Dass die Katastrophe nicht schon früher passierte, empfinde ich als Wunder. Die spontan geäußerte Behauptung seitens der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft, der Regen hätte den Erdrutsch ausgelöst, wurde vom Meteorologen Jörg Kachelmann mit dem Hinweis negiert, ein solch geringer Niederschlag hätte nicht einen solch gewaltigen Erdrutsch verursachen können. Und doch wird Regen generell – nicht der nur Regen der Nacht von Freitag auf Samstag – Wasser in den Aufschüttungen eingelagert haben. Wasser, dass circa 30 Meter unterhalb der ehemaligen Seelandstraße nach und nach austrat und diese markanten Erosionsrillen im Lauf der Jahre verursachte, wie sie in Google Earth noch zu bestaunen sind. Wasser, das dort übrigens jetzt noch zu fliessen scheint. In einem Sendebeitrag der ARD-Tagesschau ist es als fließender und abbrechender Schlammbrocken zu sehen.

Mein Hamburger Kollege Harald Haack erfuhr von dem Ascherslebener Blogger Marko Litzenberg (eineblick.de), dass es in der Nähe der ehemaligen Seelandstraße, die jetzt vom Erdrutsch weggerissen wurde, zur Zeit des Tagebaus drei Phenol-Teiche gegeben haben soll. Das Phenol fiel bei der Braunkohlenverarbeitung ab. Ein Mann der einst im Tagebau tätig war, erzählte ihm außerdem, dass man verschiedene Möglichkeiten der Steilhangverfestigung versucht hat: Einerseits gab es Versuche, das Sediment mittels schwerer Räumfahrzeuge, von Schaufelladern, den Hang hochzuschieben, anderseits soll man es mittels Schwemmung ausprobiert haben. Ein anderer Zeitzeuge berichtete Marko Litzenberg, er habe seinerzeit noch im Loch des Tagebaus mit an der Steilhangsicherung mitgearbeitet. Mit dem Anbau von Pflanzen habe man es gemacht. Krüppelkiefern beispielsweise. Ich vermute, dass dies die Bereiche sind, die ich auf dem Google-Earth-Foto als „realativ gut gesichert“ bezeichnet habe. Zeitzeugen berichteten dem Ascherslebener Blogger, sie hätten auch Pappeln pflanzen müssen. Doch sei dort nie was angewachsen.


Diese Google-Earth-Ansicht ist einige Jahre alt, stimmt mit einer Aufnahme vom 31. Oktober 2000 überein. Eine neuere Aufnahme zeigt Google Earth nicht. Nach dieser Aufnahme sieht es so aus, als wenn man die Steilkantensicherungen nicht bis in den Bereich des Erdrutsches fortgeführt hat.
© Foto: Google Earth / GeoContent / Newsbattery

Der Geologe Gerhard Jost vom Landesamt für Geologie sprach gegenüber dem MDR-Fernsehen („Beiträge zum Erdrutsch in Nachterstedt“, Film Nr. 4) von „Böschungsbrüchen“. Solche Brüche seien bekannt, auch als „Kippenbrüche“ genannt, sie habe es schon öfter in der Lausitz bei Braunkohlentagebaus gegeben.

Mir ist deshalb unverständlich, wie Bergbau-Experten in Sachsen-Anhalt am gesunden Menschen- und Sachverstand vorbei das Projekt Concordia-See überhaupt haben abnicken können.

Übrigens: Ein Mann aus einem Nachbarort berichtet, er habe zur Zeit des Hitler-Deutschlands als Zwangsarbeiter die Gebeine der Toten vom Alt-Nachterstedter Friedhof ausgraben und umbetten müssen. Der Friedhof soll sich etwa dort befunden haben, wo heute eine Boje das Zentrum von Alt-Nachterstedt markiert.


Größere Kartenansicht

Fortsetzung des Artikels von Carl Landow:

Nachterstedt: Alles die Sache einer Schmierschicht?

Vorherige Artikel von Carl Landow zum Thema:

Nachterstedt: Drohen weitere Erdrutsche?
Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?
Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?

Neugierig auf mehr (auch über Nachterstedt)?

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