Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?

Mit einem Rutsch wurde die kleine Ortschaft Nachterstedt im Harzvorland weltbekannt. Heute früh zwischen 5 und 6 Uhr meldeten Anwohner am südlichen Ausläufer des Concordia-Sees das Verschwinden einer Straße, mehrerer Gärten, eines mehrstöckigen Wohnhauses sowie eines halben. Mehrere Bewohner werden vermisst.

Carl Landow - Der Concordia-See ist ein künstlicher See. Es ist die riesige Grube eines ehemaligen Tagebaus. Braunkohle wurde hier einst ausgebuddelt und seit 1996 die Grube mit Grundwasser geflutet. Alljährlich freuten sich Tourismusstrategen über den stetig rasch steigenden Wasserspiegel.

Verantwortlich für die Flutung ist die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft *. Sie sieht in den Regenfällen der vergangenen Nacht die mögliche Ursache für den Erdrutsch, doch Ursula Rothe, Sprecherin der Kreisverwaltung, bezeichnete den Regen als nicht sehr kräftig. Deutet sich in diesem Widerspruch ein Skandal an?

Wie es zu dem Erdrutsch kam, gilt gegenwärtig noch als „ungeklärt“, obwohl die historischen Satelliten-Bilder von Google Earth mehrere mutmaßliche Gründe zeigen. Überdies publizierte die Concordia-See GmbH in ihrer Broschüre „Erholen am See. SPEZIAL“, Ausgabe 17/2009, einen Artikel mit der Überschrift „Inbetriebname des zweiten Anlegers muss wegen historischer Altlast warten“ und weist darin ungewollt auf eine weitere mutmaßliche Ursache für den Erdrutsch hin:

    Wo gehobelt wird, fallen Späne. Auch im Bergbau. Bei den Bauarbeiten für den Schiffsanleger Nachterstedt am Südufer des Concordia Sees stieß man auf schadstoffhaltige Altablagerungen aus der einstigen Schwelerei. Diese Rückstände, das ergaben Untersuchungen der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau- Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Damals habe man in der Braunkohlengrube „Concordia“ begonnen, die Kohle thermisch zu veredeln. Die bei Verschwelung und Verkokung angefallenen Neben- und Abprodukte wurden zusammen mit ganz normalem Abraum im Kippenaufbau eingelagert. „Um die Ablagerungen ist eine Kruste entstanden“, erklärte LMBV-Mitarbeiterin Grit Uhlig der MZ. Deshalb gehe von dem alten Fund keine Gefahr für die Umwelt aus.


Gab es vor der Katastrophe schon Hinweise auf eine Gefahr? Screenshot aus der PDF-Broschüre „Erholen am See. SPEZIAL“ der Concordia-See GmbH.

Dies, so hat der Erdrutsch um angeblich 4.50 Uhr (Samstag, 18. Juli 2009) nun bewiesen, war entweder ein großer Irrtum oder eine falsche Behauptung. Ob letztere Möglichkeit vorsätzlich geschah, um Versäumnisse zu vertuschen, das werden Untersuchungen der Staatsanwaltschaft nun klären müssen.


Tiefe Erosionsrillen unterhalb des jetzigen Abbruchbereichs. Solche kräftigen Abläufe existierten nur dort, sonst nirgendwo anders in dieser ausgeprägten Form an den Ufern des Concordia-Sees. Offenbar waren der für die Flutung des Sees verantwortlichen Firma die Probleme dieses Uferbereichs bekannt. Es sieht so aus, als wenn beidseits der Erosionsrillen durchgeführte Baumaßnahmen die drohende Gefahr entschärfen sollten. Mutmaßlich haben sie jedoch genau das Gegenteil bewirkt und den betreffenden Bereich destabilisiert.


„Wo gehobelt wird…“ Die Nachterstedter Katastrophe.


Der Bereich des Erdrutsches im Google-Earth-Foto schwarzweiß markiert (nach aktuellen Luftaufnahmen). Teile der Seelandstraße, Am Ring und der Bahnhofstraße gibt es nicht mehr.
© Fotos: Google Earth / GeoContent / Newsbattery

Ein anderer See, ein ähnliches Projekt


Die „Mondlandschaft“ von Dortmund, die Großbaustelle „Phoenix-See“.


Droht diesen Häusern am zukünftigen Dortmunder Phoenix-See ein ähnliches Schicksal? Diese Fotos vom 21. Februar 2009 zeigen umfangreiche Erdbefestigungsmaßnahmen. Hatte es ähnliche Ufersicherungsarbeiten am Concordia-See in Nachterstedt gegeben?
© Fotos: Harald Haack

* „Die LMBV ist ein Unternehmen der öffentlichen Hand, das sich heute im Besitz des Bundes befindet. Am 1. Januar 1996 fusionierten MBV und LBV mit der Holding LMBV; die ehemaligen Revierstrukturen wurden durch eine länderbezogene Organisation des Unternehmens abgelöst. Ende 1999 wurden planmäßig die letzten Produktionsstätten außer Betrieb genommen. Seit der Verschmelzung der BMGB auf die LMBV im Jahr 2000 ist die Bundesrepublik Deutschland alleiniger Gesellschafter der LMBV. Das Bundesministerium der Finanzen nimmt die Rolle des Gesellschafters wahr.“
Aus der Selbstdarstellung der LMBV.

    Stand: 25. Juli 2009, 10.00 Uhr

Fortsetzung des Artikels von Carl Landow:

Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?





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