Archiv für Juli 2009

Dienstwagen von Gesundheitsministerin gestohlen

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein deutscher Politiker den Dienstwagen stehlen lässt. Vor der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), deren angeblicher S-Klasse-Mercedes in Spanien entwendet wurde, war es der Dienstwagen eines Salzwedeler Bürgermeisters, der im osteuropäischem Ausland schwuppdiwupp abhanden kam.

Harald Haack – In Salzwedel war es eine Zeitlang Stadtgespräch gewesen, denn Siegfried Schneider, (CDU), Ex-Bürgermeister der Hansestadt Salzwedel in Sachsen-Anhalt, hatte die Geschichte in der Burgstraße vor einer Kneipe erzählt, wo er in geselliger Runde beim Bier gesessen hatte. Und schon war die Anekdote durch die Stadt geschossen.

Er sei als Bürgermeister in einer osteuropäischen Stadt zu Besuch gewesen, war bei seiner Ankunft mit dem Dienstwagen vor dem Hotel vorgefahren, erzählte Schneider. Spontan habe ihm ein netter, junger Mann die Fahrertür geöffnet, er sei daraufhin ausgestiegen und will noch gedacht haben, dass die vom Hotel aber auf Zack seien, habe dem Mann die Wagenschlüssel gegeben und sei dann ins Hotel gegangen. Als er dann später um seinen Wagen bat, soll er an der Rezeption nur Achselzucken geerntet haben und es stellte sich heraus, dass der so nette, junge Mann in Wirklichkeit ein durchtriebener Dieb gewesen war und kein Mitarbeiter des Hotels. Grölendes Gelächter schalte daraufhin über die Burgstraße.

Nicht ganz so, wenn aber auch ähnlich, soll es nun der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt passiert sein. In Spanien, wo sie gerade Urlaub macht und dienstliche Termine hatte und beides miteinander verband. Nach Angaben einer Sprecherin des Gesundheitsministeriums wurde in der Wohnung ihres Fahrers eingebrochen und die Schlüssel wurden gestohlen und damit dann auch der Dienstwagen.

In Berlin ist deshalb erwartungsgemäß die Aufregung groß.


Ob Ministerin Ulla Schmidt in Alicante nun noch so zuversichtlich lächeln kann, wissen wir nicht.


Wo mag er nur sein, der Dienstwagen der Ministerin?
© Fotos: Les Visiteurs – Gaumont Buena Vista International

Otto Fricke (FDP), Chef des Haushaltsausschusses im Bundestag, fordert eine Antwort auf die Frage, wieso die Gesundheitsministerin den Wagen überhaupt mit in den Urlaub genommen hat? „Ich möchte wissen, für welche Termine Frau Schmidt Dienstwagen und Fahrer in Alicante benötigt hat und warum es nicht möglich war, dass ihr die Botschaft Transportmöglichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Dazu muss Frau Schmidt Auskunft im Ausschuss geben“, sagte er.

Der Bund der Steuerzahler lässt sich nicht lumpen und tönte über seinen Sprecher, den Verbandsgeschäftsführer Reiner Holznagel: „Wir verlangen Aufklärung, warum ihr Dienstwagen knapp 5000 Kilometer durch Europa gebracht werden muss. Nur für den Fahrtkomfort einer Ministerin dürfen keine Steuergelder verschwendet werden.“

Doch diese Fragen sind nur Peanuts.

Newsbattery fragt deshalb: Warum hatte der Dienstwagen keinen GPS-Tracker, mit dessen Hilfe im Bedarfsfall eine weltweite Ortung und sogar, bei neueren Geräten, eine Blockierung der Zündung und damit des Motors möglich gewesen wäre? Nur legitimierte Personen haben Zugriff auf die Tracker-Daten; beispielsweise nur der Fahrer oder auch die Ministerin. Offensichtlich haben wir es mit einem Fall des Versagens der Berliner Sicherheitskräfte und der Politik zu tun. Was längst vielen Speditionen und Privatleuten, und nicht nur Geldtransporteuren, recht und billig ist, fehlt auf der Liste der Sicherheitsmaßnahmen für deutsche Politiker? GPS-Tracker lassen sich fest und getarnt einbauen und mit eigener Stromversorgung, so dass Diebe beim Stehlen eines derart ausgerüsteten Fahrzeugs wirklich alt aussehen. Selbst in Garagen oder in Werkstatthallen lassen sich die Fahrzeuge damit noch orten, wie ich habe habe feststellen können. Mein eigener Wagen ist damit ausgestattet.

Aber den Bundesbürgern in die E-Mails linsen und sie unter Terrorverdacht zu stellen, dazu ist diese Regierung fähig.

Wahlk(r)ampf

Das was übrig blieb: Aus der SPD-Parteitagsrede von Frank Walter Steinmeier.


Satire von Icca Noor

Kollektives Nichtwissen in Nachterstedt und Borken

Wenn ich mir die gegenwärtige Politik anschaue, das Kasperle-Theater in Schleswig-Holstein, der vorherige Piranha-Teich in Hessen und die politischen Abstürze in Sachsen-Anhalt, dann weiß ich wo ich lebe: In einem widerspenstigen Konglomerat von Multi-Kulti und borniertem Treiben; Geldgier und Verantwortungslosigkeit, Lobbyismus, Rechthaberei und Nachbarschaftsstreitigkeiten und Mord und Totschlag – und kurz vor der Bundestagswahl. Ist das Deutschland?

Carl Landow - Das Thema ging durch die Medienlandschaft, wurde in Fernsehfeatures beleuchtet und Zeitungsreporter schrieben sich vorübergehend die Finger wund: In Deutschland hätten es Mörder besonders leicht nie erwischt zu werden.

Die Morde und Totschlägereien, an denen die Druckerschwärze des Boulevardjournalismus kleben bleibt, sollen quasi nur die Spitze des Eisbergs sein. Fazit der Berichterstattung zu dem Thema war: Ein riesiger Teil wird nie aufgedeckt, weil Ärzte Totenscheine vielfach leichtfertig erstellen und Kriminalisten als Ermittler und im Gegensatz zu vielen unentdeckten Tätern Beamte mit nur durchschnittlichen Intelligenzquotienten sind und simple Fälle brauchen, um Erfolge feiern zu können. Bräuchten sie sonst die Unterstützung von Fernsehen, Rundfunk, Tagespresse und besonders der Bevölkerung? Fahndung als Unterhaltungsprodukt mit Echtheitsgarantie wie die ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY … ungelöst“?

Es soll zwei grundlegende Tätergruppen geben: Ottonormalverbraucher und Obrigkeiten.

Ottonormalverbraucher gilt in diesem Zusammenhang motivlich oft als Erbschleicher, die Obrigkeiten gehen häufig straffrei aus, weil keine Krähe einer anderen die Augen aushackt, wie man in Deutschland sagt. Es bedarf schon Anwälte und Menschen mit Rückgrat und Durchhaltevermögen, um die feinen Herrschaften selbst nach vielen Jahren zur Verantwortung ziehen zu können.

Späte Beweise in Borken
Im Fall des Grubenunglücks von Borken im Jahr 1988 sollen es laut des Kasseler Rechtsanwaltes Schoeller Reporter des Hessischen Rundfunks gewesen sein, die Beweise dafür fanden, dass die Verantwortlichen damals über die Explosionsgefahr bereits lange vor dem Unglück informiert waren. Sie sollen sich aus der Affäre mit dem Hinweis gezogen haben, Braunkohlenstaub neige nicht so drastisch wie Steinkohlenstaub zur Explosion. Rechtsanwalt Schoeller teilte Newsbattery auf Nachfrage mit: „Dabei lernen Kinder schon im Chemieunterricht, dass Staub-Luft-Gemische explodieren können“.

Gestern am Donnerstag hatte er als Anwalt der Hinterbliebenen der Opfer die Schadensersatzklage eingereicht. Es geht um Schmerzensgeld und darum, dass der damalige Bergwerkdirektor der Grube Stolzenbach und die E.ON Kraftwerke GmbH als Rechtsnachfolgerin des damaligen Grubenbetreibers zur Verantwortung gezogen werden. Rechtsanwalt Schoeller sagt, über 20 Jahre lang sei den Hinterbliebenen erzählt worden, bei dem Unglück habe es sich um ein nicht vorhersehbares Ereignis gehandelt habe. Darunter hätten die Angehörigen sehr gelitten.

Aus einem Gutachten aus dem Jahr 1967, das die Aufsichtsbehörde in Auftrag gegeben habe, ginge hervor, dass die Gefahr einer Kohlestaubexplosion bekannt gewesen sei, sagte Schoeller. Und es gebe zusätzlich Beweise, demnach das Gutachten durch die Hände des damaligen Bergwerkdirektors gegangen sei. Die Beschuldigten wollten außergerichtliche eine Haftung und ein Verschulden nicht anerkennen, fügte der Anwalt hinzu. Die Chance sie strafrechtlich zu belangen sei aufgrund der Verjährungsfrist verstrichen. Deshalb reichte er gestern Zivilklage beim Landgericht Kassel ein.

Spurensuche in Nachterstedt
Weil in Nachterstedt immer noch behauptet wird, man habe nichts von einer Erdrutschgefahr gewusst, fragte Newsbattery bei der Gemeinde Inden nach, ob denn die Nachricht stimme, dass Indens Bürgermeister vor zwei Jahren mit Verantwortlichen am See gestanden und über erfolgte Abrutsche gesprochen habe. Leider war der Bürgermeister, Ulrich Schuster, schon außer Haus, doch Regina Dechering, zuständig fürs Bauamt sowie Bauberatung und Grundstücksvormerkung, erklärte, sie müsse darauf hinweisen, sie habe zusammen mit dem Bürgermeister damals viele ehemalige Tagebau-Krater, die zu Seen umgewandelt wurden bzw. umgewandelt werden sollten, besucht. Sie könne sich nicht mehr erinnern, wo genau sie gestanden hätten, sie hätten schließlich viele Orte besucht. Sie hätten aber eine Absenkung am Seeufer gesehen. Diese Stelle sei abgesperrt gewesen. Sie hätten sie jedoch von dem Aussichtspunkt gut sehen können.

Der Aussichtspunkt befand sich direkt unterhalb der Seelandstraße, die in ihrem Übergangsbereich zur Bahnhofstraße mit dem Erdrutsch ebenfalls weggerissen wurde. Auch Reste der ehemaligen Grubenbahn waren dort am Hang museal abgestellt. Wegen der geplanten intensiven touristischen Nutzung des Concordia-Sees hatte man einen Parkplatz für auswertige Besucher anlegen wollen, sagte der Leiter des Heimatmuseums von Nachterstedt, Herr Brückner, zu Newsbattery. So richtig sei das Vorhaben aber nicht angelaufen. Weshalb, das wisse er nicht. Reste der betreffenden Fläche seien als Betonplattenfläche auf alten Luftbildern und auch auf den aktuellen Luftbildern zu sehen. Dort habe auch ein Haus gestanden, das abgerissen wurde, weil es in einem desolaten Zustand gewesen sei.

Fotos, die Newsbattery von mehreren Hobbyfotografen erhielt, zeigen tatsächlich Stellen unterhalb des ehemaligen Aussichtspunktes, die abgesperrt waren. Dort soll es in Hanglage drei Löcher gegeben haben, die von allen unserer Informanten übereinstimmend als „Phenolteiche“ bezeichnet wurden. Aber hatte es dort Absenkungen gegeben?


Blick auf den Katastrophenhang 18 Tage vor dem Erdrutsch am 30. Juni 2009. Links im hellgrünen Bewuchs der Slipway für das Ausflugsschiff „MS Seelandperle“. Rechts daneben ein Loch, das Informanten übereinstimmend als „Phenolteich“ bezeichneten.
© Foto: JBB


Blick vom Aussichtspunkt übers östliche Seeufer. Die zackigen Uferkanten sind obere Teile der Erosionsrillen. Im Vergleich dazu das Google-Earth-Bild:
© Foto: JBB


Rechts unten im Bild der Abrutschbereich vom 18. Juli 2009


Dieses Foto belegt, fotografiert vom Aussichtspunkt am 7. Juli 2007, dass es dort Bodenverdichtungsarbeiten (Kran mit Stange) gegeben hat und zwar direkt neben einem der abgesperrten Löcher und der Wasserpipeline.
© Foto: JBB


Dem See wurde Wasser über eine Pipeline zugeführt.
© Foto: JBB


Das Satellitenbild von Google Earth belegt, dass die Austrittsöffnung tief zum Seegrund hinunter verlegt wurde.

Das Rohr musste wahrscheinlich so tief hinab verlegt werden, um Auswaschungen durch ausfließendes Wasser an der Böschung zu vermeiden.


Dieses Luftbild machte ein Newsbattery-Leser mit Polarisationsfilter vor dem Objekt seiner Kamera nach dem Erdrutsch.
© Foto: Fred Ahlers

Die Spiegelung der Wasserspiegelung ist weggeblendet. Es ist, als blicke man unter Wasser. Zu sehen sind die entstandenen Untiefen (seichte Stellen) und der Tiefenwasserbereich bei der Wasserleinleitung. Belegt dieses Foto, dass die Wassereinleitung den Böschungsfuß weggespült hatte und damit ein Teil der Ursache für den Erdrutsch ist?

Offizielle Luftbilder vom Erdrutsch zeigt das DLR-Zentrum für satellitengestützte Krisen-Information. Um größere Auflösungen zu erhalten, ist allerdings eine Anmeldung notwendig. Es gibt dort aber auch Links (kml-Dateien) für Google-Earth-User, um auf implementierte Bilder zugreifen zu können.

Ein DLR-Foto vom 5. Mai 2006 zeigt, dass der Boden bei den markanten Erosionsrillen an der Böschung nordöstlich unterhalb der Siedlung „Auf der Halde“ immer noch sehr durchfeuchtet war und das Anwachsen von Pflanzen begünstigte. Besonders dieser Bereich wurde weggespült. Das Foto zeigt dort jetzt nur noch Wasser. Das DLR-Foto zeigt aber auch, dass vor dem Erdrutsch und vor dem 5. Mai 2006 zwei Häuser abgewissen wurden.


Die Erosionsrillen hat es schon im Jahr 2000 gegeben, und man hatte versucht mit zusätzlichen Entwässerungsrillen das Wasser aus der Böschung abzuleiten.

Mutmaßlich hat diese Maßnahme Bewegungen des künstlich aufgeschütteten Erdreichs gefördert anstatt zu stoppen. Doch wer hatte diese Maßnahme angeordnet? Eine Aufgabe für die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft Magdeburg, das zu ermitteln. Und die DLR-Luftbilder verweisen darauf, dass das kollektive Nichtwissen auch in Nachterstedt eigentlich zu Ende sein sollte.

    Stand: 25. Juli 2009, 10.00 Uhr

Vorherige Artikel von Carl Landow zum Thema:

Nachterstedt: Besteht Verdunkelungsgefahr?
Nachterstedt: Ein fader Beigeschmack
Nachterstedt: Alles die Sache einer Schmierschicht?
Nachterstedt: See in künstlicher Aufschüttung
Nachterstedt: Drohen weitere Erdrutsche?
Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?
Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?

Nachterstedt: Besteht Verdunkelungsgefahr?

Die neuen Bundesländer haben besonders ein negatives Image: Geht was schief und wird vertuscht, ist schnell die Rede von „alten Seilschaften“. Weil das mittlerweile unter Klischee läuft, ist man als bemüht souveräner Deutscher geneigt, ein Getuschel in diese Richtung nur noch halbwegs ernst zu nehmen. Doch im Fall des Erdrutsches von Nachterstedt höre ich die Seile nur so knarzen. Ich befürchte Verdunkelungsgefahr.

Carl Landow – Auffällig in Nachterstedt ist jetzt, dass selbst aus Archiven ausgegrabene Fakten von Experten, die zu einer Aufklärung des Wieso, Weshalb, Warum und Wodurch zum Erdrutsch führen könnten, arrogant als „Spekulation“ vom so genannten Nachterstedter Krisenstab zurückgewiesen werden. Meine Erfahrungen aber haben mich gelehrt ein solch auffälliges Verhalten stets zu hinterfragen.

Von Charles Darwin stammt die Weisheit „Ohne Spekulation gibt es keine neue Beobachtung“. Wie zutreffend für Nachterstedt!

Wer in Nachterstedt der oberen Katastrophen-Prominenz angehört und nichts verraten will, bezeichnet gegenwärtig Fakten als Spekulationen, so meine Beobachtung, und meint sicherlich unbewiesene Vermutungen und unbeweisbar geltende Aussagen. Als könnte man damit verhindern, dass Beweise strafrechtlich verwendet werden! Man wisse nichts, stünde vor einem großen Rätsel. Ja, und vermutlich heißen alle „Hase“ und wissen nichts.

Aber es mehren sich nicht nur Fakten, sondern auch Zeitzeugen, die bereitwillig Auskunft darüber geben, dass all jene Hasen, die man jetzt eigentlich „Hasenfüße“ nennen sollte, die nicht Manns genug sind, um zu ihrer Verantwortung zu stehen, schon Jahre vor der Katastrophe über die drohende Gefahr informiert waren. Zeitzeugen wie beispielsweise der Bürgermeister der rheinischen Tagebaugemeinde Inden, Ulrich Schuster. Er will vor zwei Jahren am Concordia-See eine Veränderung der Böschung in einem unbebauten Landschaftsbereich wahrgenommen haben. Er sagt, man habe offen darüber geredet, dass die Böschung abgesackt sei.

Eigenartigerweise melden sich bei Newsbattery gegenwärtig immer mehr Sachverständige; keine mental gestörten Leser, die sich unbedingt am Rätseln beteiligen müssen und fantasieren, sondern anerkannte Tiefbauexperten und Geologen. Sie bieten nicht nur Fachwissen an, sondern befürchten auch die Verdunkelungsgefahr, weil, wie es Professor Dombrowsky gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ ausdrückte, sich alle Verantwortlichen jetzt rein waschen und von einem unverhersehbaren Unglücksfall sprechen.

Professor Dombrowsky ist nicht nur Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Universität Kiel, sondern auch Mitglied der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern, die die Bundesregierung und Länder in wissenschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fragen des Schutzes der Zivilbevölkerung berät. Er verweise „seit Jahren darauf, dass die bisherigen Risikobewertungen in Bergbauregionen ungenügend sind, da komplexe geologische Dynamiken etwa durch Wassereintritte, Temperaturschwankungen und unterschiedliche Lastveränderungen unberücksichtigt bleiben. Es reiche nicht aus, stillgelegte Stollen aufzufüllen oder Hohlräume aufzuschütten, wie zahlreiche Beispiele im Ruhrgebiet, im Saarland oder in den Braunkohlegebieten in den neuen Ländern zeigten.

„Es ist ein echtes Ärgernis, dass wir in Deutschland keine öffentliche Debatte über die sogenannten Ewigkeitskosten des Bergbaus führen. Aus Angst vor den horrenden Kosten schrecken Kommunen und Bergbaugesellschaften oft davor zurück, seriöse Risikobewertungen durchzuführen nach der Devise: Wenn drei, vier oder zehn Häuser Risse bekommen, absacken oder zusammenstürzen, kommt uns das immer noch billiger als präventive Maßnahmen zu ergreifen“, kritisiert Dombrowsky.

Indes regt Dr. Horst Bloch, VDI an, „dass sich die Betroffenen, die urplötzlich und ungeplant, gleichsam im Schlaf, von dem Erdrutsch infolge früherer bergbaulicher Tätigkeit überrascht wurden, zu einer Bürgerinitiative zusammenschließen, um ihre Eigentumsinteressen zu verteidigen.“ Dr. Bloch ist Dipl.-Geologe, Sachverständiger a.D. der IHK Siegen für Baugrund- und Grundwasserfragen in Westfalen. Er wandte sich damit an Prof. Dombrowsky und dieser sagte „unter Vorbehalt“ seine Unterstützung zu: „Vorbehalt, weil ich noch nicht weiß, worauf es im Konkreten zulaufen wird.“

Das MDR-Fernsehen berichtete, dass Anwohner, die von der LMBV eine Soforthilfe erhalten, sich verpflichten mussten Stillschweigen zu bewahren. Stillschweigen über die Höhe des Betrages. Stillschweigen auch über mehr?

Die Stadt Seeland hat „für die Opfer des Erdrutsches in Nachterstedt“ ein Spendenkonto eingerichtet. Verwendungszweck: “Katastrophengebiet Nachterstedt”, Kontonummer: 3063002150, Bankleitzahl: 80055500 bei der Salzlandsparkasse. Ob und wie das Geld bei den Opfern ankommen soll, konnte ich noch nicht erfragen. Bei der Verwaltung der Stadt Seeland war niemand zu erreichen. Wahrscheinlich waren alle gerade „zu Tisch“ als ich anrief und niemand abnahm. Doch auch den ganzen Nachmittag über? Seltsam!

Gefahr auf Halde – Sprengung schon bald
Dr. Bloch schreibt mir: „Vor dem Fluten hätte die LMBV die Standsicherheit der bebauten Kippe, und zwar mit dem Anstau der späteren Flutung nachweisen müssen. Diese Unterlagen werden schwer zu bekommen sein. Im hydraulischen Grundbruch am Böschungsfuß liegt der eigentliche angreifbare Punkt.“

Die Frankfurter Rundschau weiß von einem Bewohner der Siedlung „Auf der Halde“, der der Staatsanwaltschaft Magdeburg berichtete, er habe lange vor dem Erdrutsch Absenkungen im Garten festgestellt. Man habe die damit entstandene Mulde wieder verfüllt, doch sei der Boden dann erneut abgesackt. Gegenüber der Frankfurter Rundschau hatte Staatsanwalt Uwe Homberg über die Zeugenvernehmung gesagt: „Man hat das aber offenbar nicht für voll genommen.“

Offenbar hat man sich mit den Absenkungen verhalten wie auf einem Friedhof mit Erdbestattungen. Wenn ein vergrabener Sarg morsch geworden ist, bricht er zusammen und es entsteht ein Hohlraum, bei dem die Erde nachdrückt und ihn verfüllt. An der Erdoberfläche gibt es dann eine Mulde, die mit Gartenerde bald wieder aufgefüllt wird, damit das Grab wieder gepflegt aussieht. Und in Nachterstedt sollten schließlich die Gärten der Anwesen adrett aussehen. Ob es von der nahenden Katastrophe ablenken sollte, wird die Staatsanwaltschaft herausfinden müssen.

Doch die Staatsanwaltschaft Magedeburg relativierte inzwischen die Aussage des Mannes: Ein Bewohner habe zwar vor Jahren Risse in seinem Schuppen festgestellt, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Nach dem Unglück habe der Mann der Polizei in der Zeugenvernehmung aber gesagt, er habe die Risse selbst verfüllt und es trotz erneuter Senkungen dabei belassen und die Behörden nicht darüber informiert. Ein Bericht in der «Frankfurter Rundschau» (Donnerstagausgabe) habe den Eindruck erweckt, die Behörden hätten die Beobachtungen des Mannes ignoriert.

Für mich sieht das nun aber so aus, als wolle man diesen Mann beschuldigen, weil er die Absenkungen gegenüber den Behörden verschwieg und zur Selbsthilfe gegriffen hatte. Doch was hat ihn dazu veranlasst? War es Resignation gegenüber einer erwarteten Untätigkeit der Behörden?

Trotz der Aussage des Indener Bürgermeisters wiederholte der Vorsitzende Geschäftsführer der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), Mahmut Kuyumcu, gegenüber der Presse, und ich stelle mir vor, dass dies gebetsartig geschah, von früheren Senkungen in der Siedlung sei der LMBV nichts bekannt gewesen. „Wir haben bislang keine Spur“, sagte er. Hohlräume in der benachbarten Halde habe man bei der Sanierung des Tagebaus ab Mitte der 1990er Jahre verfüllt. Sie stammten angeblich von der Untertageförderung der Braunkohle im 19. Jahrhundert. Gutachter hätten vor circa 14 Jahren keine Notwendigkeit für eine Umsiedlung der auf der Halde stehenden Häuser gesehen.

Hatten sie Gefälligkeitsgutachten erstellt? Dies scheint naheliegend, denn der nutzlos gewordene Tagebau sollte schnellst möglich wieder gewinnbringend genutzt werden. Grundstücke am nördlichen Seeufer wurden eiligst für Ferienhäuser verkauft. Der Wert dieser Grundstücke dürfte nun aber nach dem Erdrutsch rapide gefallen sein.

Anstatt die Ursachen von unabhängigen Wissenschaftlern gründlich ermitteln zu lassen, rechnet Kuyumcu schon in „einigen wenigen Wochen“ damit, die Ursachen ermittelt zu haben. Sobald seine Ergebnisse vorliegen, soll die Halde samt der Häuser, die als unbewohnbar erklärt wurden, gesprengt werden – womit sämtliche straf- und zivilrechtlichen Spuren vernichtet werden. Und all dies soll unter den „wachsamen“ Augen der Staatsanwaltschaft Magdeburg geschehen?

Na dann, gute Nacht Nachterstedt!

Fortsetzung folgt.

    Stand: 24. Juli 2009, 00.33 Uhr

Vorherige Artikel von Carl Landow zum Thema:

Nachterstedt: Ein fader Beigeschmack
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Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?
Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?

Nachterstedt: Ein fader Beigeschmack

Die für Nachterstedt zuständige Staatsanwaltschaft hatte ihre Ermittlungen wegen des Erdrutsches von Nachterstedt aufgenommen, weil mutmaßlich drei Menschen mit den Häusern in die Tiefe gerissen wurden und tot sein könnten. Die Ermittlungen gehen in Richtung fahrlässige Tötung. Doch die Leichen werden wahrscheinlich nie geborgen werden können und folglich wird es keine Verantwortlichen geben, die sich vor den Ermittlungen fürchten müssen. Denn: Ohne Leichen keine Tötung und somit keine Anklage.

Carl Landow – Man hätte es wirklich glauben können: Still ruht der See. Doch die Seenmacher – wie sich die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft (LMBV) auf ihrer Internet-Präsentation nennt – die ihn schufen, haben ein landfressendes Monster geschaffen. Am vergangenem Samstag um angeblich 4.40 Uhr morgens gab es ein Knacken und Krachen am Rand der Bergarbeitersiedlung von Nachterstedt im östlichen Harzvorland bei Magdeburg, die auf dem Abraum des Braunkohlentagebaus in den dreißiger Jahren gebaut wurde.


Still ruht der See, aber nur scheinbar. Die Abrutschstelle am 30. Juni 2009.


Wer hätte gedacht, dass dieses stabil wirkende Haus innerhalb eines Augenblicks in die Tiefe hätte gerissen werden können?
© Fotos: JBB

Auf mehreren hundert Metern Länge brach ausgerechnet dort der Boden ab, wo die Siedlung an den Rand des Tagebaukraters heranreichte, und riss Gärten, Häuser, Straßen und mutmaßlich drei Menschen in die Tiefe hinunter zum Wasserspiegel des Concordia-Sees. Der Erdrutsch erzeugte eine Flutwelle, die ein Ausflugsschiff aufs gegenüberliegende Ufer setzte, und deren Rückläufer zu einem weiteren Erdrutsch nordwestlich der betroffenen Siedlung führte. Der See tobte. Es muss zeitweise so ausgesehen haben, als kochte das Wasser. Verwirbelungen vermischten das abgerutschte Abraum-Sediment mit Wasser und dem Heizöl aus den Tanks der Häuser, die beim Erdrutsch zerbröselt wurden. Ein höllisches Schlammgemisch war entstanden, in das sich kein Retter, nicht einmal die Bundeswehr wagte.

Gestern wurde somit die Suche nach den drei Vermissten eingestellt. Eine Suche vom Helikopter aus scheidet sicherlich aus, wie ich vermute, weil der klopfende Rotorenlärm, der Infraschallfrequenzen enthält, weitere Schäden und Erdrutsche hätte verursachen können. Will man nun alles was in der Tiefe liegt dort liegen lassen, die Stelle zum Grab erklären und sich weiterhin munter der angestrebten, lukrativen See-Idylle widmen?

Mehrere Zeitzeugen berichteten Newsbattery übereinstimmend, auf dem Grund des Concordia-See gebe es noch mehr Artefakte früheren menschlichen Wirkens. Beispielsweise ein Schaufellader, der bei einem früheren Unglück verschüttet wurde.

Bei der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbaugesellschaft (LMBV) wusste man zweifellos von der Gefahr für die Siedlung. Auf ihrer WebSeite berichtet das Unternehmen – Gesellschafterin ist die Öffentliche Hand, die Bundesrepublik Deutschland – von einem kräftigen Setzungsfließen am Tagebaukrater. Bei jenem Erdrutsch vom 2. Februar 1959 sollen sich plötzlich 5,8 Millionen Kubikmeter Erdmassen bewegt haben, weil Wasser den aufgeweichten Boden ins Rutschen brachte. Dies soll ohne welche Vorzeichen, die auf das Ereignis hätten hindeuten können, geschehen sein. Ein Bergarbeiter kam dabei ums Leben.

Interessant ist, das die LMBV anderswo, beim ehemaligen Tagebau Werminghoff bei Hausbesitzern, einer Familie Böger, wegen der Gefahr des Setzungsfliessens Ärger verursachte; ein Grundstück am Knappensee bei Koblenz. Nach den Darlegungen der Bögers muss es dort bürokratisch-unbürokratisch zugegangen sein: Was ordnungsgemäß bürokratisch begann, soll sich in Schriftstücken, die bei Ämtern verschwanden und Willkür verloren haben. Mit einem Mal galt ihr Haus, das einst baurechtlich genehmigt wurde und von ihnen nun zum Hotel umgewandelt werden sollte, substanziell als gefährdet. Das Sächsische Oberbergamt, das den Freistaat Sachsen in solchen Angelegenheiten vertritt, nahm dazu in seinem Schreiben vom 2. Februar 2005 an das Bauamt Stellung:

    „Das zur Umnutzung vorgesehene Gebäude steht auf bereits vor 1940 geschüttetem Kippengelände des ehem. Tagebaus Werminghoff. Für diesen Bereich besteht keine Bergaufsicht. Das Kippenmaterial besteht mit großer Wahrscheinlichkeit aus gleichförmigen Sanden in lockerer Lagerung, d. h. es muss davon ausgegangen werden, dass es verflüssigungsgefährdet ist. Konkrete Untersuchungen am Gebäudestandort sind dem Sächsischen Oberbergamt bisher nicht bekannt.

    Der Grundwasserstand liegt derzeit bei + 124 mNN und wird in den folgenden Jahren noch auf einen Endstand von + 125 mNN steigen, d.h. nach gegenwärtigem Kenntnisstand können Gefahren zukünftig nicht ausgeschlossen werden (Grundbrüche infolge Verflüssigung).

    Untertägige Entwässerungsstrecken existieren nach uns vorliegenden Unterlagen im südlichen Bereich des Flurstückes 15/3, im Gebäudebereich sind keine bekannt.

    Bevor eine abschließende Stellungnahme zur Umnutzung des gegenwärtig ungenutzten Gebäudes als Wohnhaus möglich ist, ist eine Untersuchung zu den Gefahren aus dem alten Braunkohlenbergbau (Verflüssigungsgefahr des Kippenmaterials) erforderlich. Die LMBV mbH hat diese Untersuchungen für das Jahr 2005 geplant.“

Die Bögers fühlen sich als Opfer von Bergbausanierung, Seenflutung und Grundwasserwiederanstieg, dem Landkreis Bautzen, dem Freistaat Sachsen und der LMBV. Seitens der LMBV soll man hinsichtlich eines Schadenersatzes versucht haben sie mit der Bemerkung abzukanzeln, sie seien die Ersten und wenn man bei ihnen den Schaden reguliere, dann kämen die anderen auch alle, das werde viel zu teuer.

Mit diesem Wissen über das von Geschädigten behauptete bisherige Verhalten der LMBV erhält die Mitteilung der LMBV auf einer gestern am Montag stattgefundenen Eigentümerversammlung der odachlosgewordenen Nachterstedter, die LMBV sei gegenüber den rund 40 überlebenden Opfern des Erdrutsches von Nachterstedt um eine „unbürokratische Lösung“ bemüht, einen faden Beigeschmack.

Und immer öfter dringt an die Öffentlichkeit, die Siedlung müsse aufgegeben werden, weil der Boden, die künstlichen Aufschüttungen, unsicher sei. Eine Tiefbauingieuren, die einst als Praktikantin beim Tagebau Nachterstedt tätig gewesen sein will, schreibt an Newsbattery:

    „Früher haben wir nicht gewusst, dass man solche Auffüllungen gut durchmischen muss (Sand mit bindigen Materialien) oder für eine ausreichende Verdichtung des Sandes sorgen sollte – und so sind an vielen Tagebaurestlöchern Bereiche entstanden, die heute von niemandem betreten werden dürfen (Lebensgefahr aufgrund eines möglichen Abrutschens). Im Raum Senftenberg wurden solche Uferbereiche nachträglich mittels Sprengungen verdichtet, in Nachterstedt war eine solche Maßnahme mit Sicherheit undurchführbar.“

Ja, weil der Uferbereich dort bereits bebaut war und man auf den Widerstand der dort wohnenden Bevölkerung gestoßen wäre, hätte man die problematischste Uferzone sprengen wollen. Nun hat die LMBV die Leute aber dort, wo man sie sich mutmaßlich seit Jahren schon gewünscht hatte, raus aus den Häusern nämlich.

Fortsetzung folgt.

Vorherige Artikel von Carl Landow zum Thema:

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Nachterstedt: See in künstlicher Aufschüttung
Nachterstedt: Drohen weitere Erdrutsche?
Nachterstedt: War die Gefahr eines Erdrutsches bekannt?
Offenbart Erdrutsch in Nachterstedt Versäumnisse?




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