Wie bringt man Opfer zum Schweigen?

Umweltbedingte Krankheiten sind für die Betroffenen schrecklich, und dafür verantwortliche Unternehmen und Politiker leugnen sie stets. Schließlich geht es um hohe Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen, mit denen sich Unternehmen belasten und die sie ruinieren könnten. Mit dem Hinweis auf den Verlust von Arbeitsplätzen werden Politiker auf die Seite der Menschenfeinde gerissen. Doch wie bringt man Opfer zum Schweigen?

Carl Landow – Eine Salzwedeler Zeitung, die Altmark-Zeitung, veröffentlichte am 5. Februar 2009 wieder einen Artikel ihrer Mitbegründerin Ulrike Meineke. Unter der reißerischen Überschrift, die an Todesschwadronen denken läßt: „Schon 107 Namen auf der Todesliste“, schreibt sie über den Salzwedeler W. W., der von sich behauptet, während seiner Arbeit, größtenteils zu Zeiten der DDR, im Bohrteam der Erdgas-Suche mit Quecksilber erheblich geschädigt worden zu sein – von 1978 bis 1992 bei Erdöl-Ergas auf den Sonden und Feldstationen.

Mein Hamburger Kollege Harald Haack, gebürtiger Salzwedeler, hatte diesen Mann vor etwa 10 Jahren in der Mietswohnung von W.W. in Salzwedel besucht und sich dessen medizinische Befunde vorlegen lassen. Aber mehr noch als solche objektiven Befunde, gab es subjektive Zeitungsausschnitte, die über dessen Kampf gegen die „Windmühlen“ berichteten. Mal waren sie hämisch geschrieben, mal mitfühlend und anklagend. Als unangenehm empfand Harald Haack, der selbst durch Schadstoffe in seiner Gesundheit geschädigt wurde, wie aggressiv sich W. W. ihm gegenüber verhielt. „Er wirkte auf mich, als wollte er mir die ganze Schuld für sein Leid zuschieben, als ich ihn wiederholt aufforderte, mir die seinen Feststellungen nach tatsächlichen Verantwortlichen zu nennen. Er konnte es nicht, vielleicht hatte er Angst und wollte es nicht, verwies hasserfüllt auf Amtsärzte, von denen er sich hat untersuchen lassen müssen und die seiner Meinung nach mit den Verantwortlichen unter einer Decke steckten“, erinnert sich Haack. Auch soll ihm W. W. eine Liste mit verstorbenen Kollegen vorgelegt haben. Die seien alle an der Quecksilber-Vergiftung gestorben, soll W. W. ihm gegenüber behauptet haben.

Ulrike Meineke greift diese Liste jetzt wieder auf, bezeichnet sie als „Todesliste“: “ 107 Namen stehen darauf. Von früheren Kollegen, die viel zu jung starben.“ Und sie fügt hinzu, W. W. kämpfe seit zehn Jahren um eine Entgiftungstherapie: Fest stünde, dass die Quecksilberbelastung des 47-jährigen W. W. nicht normal sei. „Der Wert (im Urin nachgewiesen) liegt 39-fach über dem zulässigen Maximum.“

Sie schreibt über die Behauptung von W. W. das Quecksilber sei „ungefiltert in die Landschaft gegangen“. Harald Haack gegenüber war er deutlicher gewesen, hatte behauptet, es habe zur Routine bei den Arbeiten auf Feldstationen gezählt, das mit dem Erdöl hochkommende Quecksilber auf primitivste Weise abzuschöpfen und aufs Erdreich neben dem Bohrer zu kippen. Keiner habe sich daran gestört. Und seine Kollegen, die das getan hätten, seien schon gestorben. Sie seien nicht alt geworden. W.W. hatte diese Umweltsünde Harald Haack gegenüber als Wahnsinn beschimpft.

Und Meineke wiederholt, seit zehn Jahren kämpfe W.W. um eine Entgiftung. In der Uni-Klinik Kiel habe ihm Prof. Dr. Otmar Wassermann die Belastung mit Quecksilber bescheinigt, deren Ursache geklärt werden müsse. Der Experte hielte „eine fachkundige Therapie“ für „nötig“.

Ja, eine fachkundige Therapie wäre sicherlich gut für W.W. gewesen. Aber…

Etwas Recherche und Frau Meinecke hätte herausgefunden, dass es in Kiel längst keinen Prof. Dr. Otmar Wassermann an der Universität mehr gibt. So aber übernahm sie naiv die Behauptungen eines Patienten, der in seinem Leben mutmaßlich nichts erreicht hat, die von ihm gegründeten Selbsthilfegruppe löste sich auf, weil sie, wie Meineke schreibt, nichts erreichte. Außer quecksilbergeschädigt zu sein und damit von Zeit zu Zeit in die Zeitung zu kommen, scheint W.W., wie ich meine, nichts erreicht zu haben.

Es mutet sonderbar an, dass sich im Urin des Betroffenen Quecksilber findet. Sonderbar deshalb, weil sich Quecksilber (auch bei weniger belasteten Menschen) am Cortex, der Hirnrinde dauerhaft ablagert und dort eigentlich keine Schäden, weil inaktiv, verursachen soll. Aber man muss schon willensstark sein, um dies zu glauben. Der Salzwedeler, über den Frau Meinecke schreibt, war es offensichtlich nicht.

Quecksilber im Urin weißt nämlich auf die Folge von „Entgiftungstherapie“ mittels Chelatbildner hin.

Zu solchen Entgiftungsmitteln zählt EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure), was als hochgiftige Billig-Version von DMPS (Sodium 2,3-dimercaptopropane-l-sulfonate) zeitweise zur Entgiftung von Patienten verwendet wurde. Es wurde Patienten, wie Newsbattery anhand eines Falles in Münster herausfand, offenbar als preiswerte Variante zu DMPS angeboten. Doch EDTA sei nicht die Billig-Version von DMPS, wie Dr. Johann Ruprecht von der Berliner chemisch-pharmazeutischen Fabrik HEYL mitteilt: „Die beiden Stoffe haben außer der Tatsache, dass sie Antidote gegen Schwermetalle sind, nichts miteinander zu tun. Die chemischen Strukturen und die daraus resultierenden Eigenschaften sind völlig unterschiedlich. Auch das Verhalten der beiden Stoffe im Organismus ist unterschiedlich.“ Weiterhin teilte er mit, bei EDTA sei es wichtig, dass das Calciumsalz angewendet werde, was auch die Regel bei Vergiftungen sei. „Wird das Natriumsalz verabreicht, kann es zu Störungen im Calciumhaushalt mit gravierenden Folgen kommen.“

Calcium-EDTA soll u.a. in den USA als Antidot zugelassen sein. Aber EDTA wurde in Deutschland verboten.

Zweifellos schwemmen Entgiftungsmittel das Quecksilber aus dem Körper, belasten dabei aber alle Organe extrem und führen angeblich zu nicht unerheblichen Schäden, besonders beim Einsatz von EDTA, wie www.toxcenter.de zu berichten weiß. Da wäre es klüger gewesen, dass Quecksilber in der Hirnrinde zu belassen. Aber damit könnten dann sogenannte „Umweltmediziner“ nichts verdienen. Und da die Krankenkassen logischerweise nicht zahlen dafür, müssen Patienten selbst für den medizinischen Unsinn blechen. Es ist ein Skandal, dass diese Abzocke nicht von Staatsanwälten gestoppt wird, denn eigentlich ist es nicht nur Betrug, sondern auch schwere Körperverletzung, in die Patienten, die Amalgam-Füllungen haben oder hatten oder die beruflich einer Schwermetall-Belastung ausgesetzt waren, mit einer EDTA-Behandlung getrieben werden. EDTA soll Todesfälle verursacht haben. Doch häufig wird es von Patienten mit DMPS verwechselt, das als sicherer gelten soll.

Durch den Schaden klug geworden, sind sie hinterher eigentlich nicht, denn das vom Cortex ausgeschwemmte Quecksilber schädigt nicht nur Herz, Leber, Nieren und beispielsweise Haut, sondern auch jenen Teils des Gehirns, der für die Intelligenz zuständig ist. Zurück bleiben bei den (noch einmal) Geschädigten Trotz, Frust und penetrante Rechthaberei. Erschreckend ist auch, dass solche Betroffenen nicht mehr von dieser „Schiene“, auf die sie von einem skrupellosen Mediziner gehievt wurden, herunter zu holen sind und daran zugrunde gehen.

In Bremen gab es eine Amalgam-Geschädigte, die einem solchen skrupellosen Mediziner ihr vollstes Vertrauen schenkte. Sie ließ es zu, dass er ihr alle Zähne zog. Nicht nur jene mit Amalgam-Plomben, sondern auch gesunde. Er bezeichnete es als „gründliche Kiefernsanierung“.

Bei Münster starb eine junge Frau an Organversagen. Ein selbsternannter spanischer „Umweltmediziner“ hatte ihr, während sie wegen ihrer Schwermetall-Belastung gegen ihren früheren Arbeitsgeber prozessierte, den sie als verantwortlich für ihre Erkrankung hielt, zu einer Behandlung mit EDTA geraten und sie hatte sich darauf eingelassen. Ihr Ehemann glaubte nach ihrem Tod, sie sei Opfer von DMPS geworden. Er sei schließlich beim Hausarzt in Münster dabei gewesen, als der zu DMPS geraten habe. Doch nach unserer dringenden Bitte um konkrete Unterlagen, meldete sich der Witwer bei uns und glaubte den Beweis für die tödliche Wirkung von DMPS in den Unterlagen seiner Frau gefunden zu haben. Er fand einen Beleg über die Behandlung mit EDTA, ausgestellt von einem Arzt in Spanien. Dies sei doch dasselbe wie DMPS, erklärte uns der Witwer, es sei doch lediglich der spanische Name. Doch darin irrte er. Wir sahen uns veranlasst ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass EDTA nicht dasselbe wie DMPS ist und dass aus gutem Grund EDTA in Deutschland verboten sei.

Die Behauptung von W.W., er kämpfe seit Jahren um eine Entgiftungstherapie, könnte man, so argwöhne ich, wohl als Verdrängung seiner eigenen Schuld verstehen. Denn der Quecksilberfund in dessen Urin beweist, dass eine Entgiftung stattgefunden haben muss, und die geschieht nicht mal eben so aus heiterem Himmel. Nicht nur als erstaunlich, sondern als erfreulich empfinde ich somit die Tatsache, dass W.W. noch am Leben ist.

Anmerkung der Redaktion:
1. Nicht alle Mediziner sind skrupellos und korrupt. Es gibt unter ihnen etliche, die sich auf das Gebiet umweltbedingter Erkrankungen spezialisiert haben. Um als solch spezialisierter Arzt anerkannt und zugelassen zu werden, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Um jedoch das Vertrauen von Patienten zu gewinnen, dazu reichen die Grundvoraussetzungen wohl nicht aus. Wie in anderen Teilbereichen der Medizin gibt es auch in der so genannten „Umweltmedizin“ schwarze Schafe. Die obscure Bezeichnung „Umweltmediziner“ ist offenbar nicht geschützt.

2. Diesen Artikel haben wir am Donnerstag, den 5. März 2009 korrigiert nachdem wir die Bitte um Auskunft zwecks Arzneimittelsicherheit eines Berliner Herstellers von DMPS erhielten. Bezüglich des Todesfalles in Münster gab es leider einen Übermittlungsfehler sowie eine Verwechslung, wie wir jetzt herausfanden (siehe oben). Ein mehrmaliges Nachfragen beim Gatten der Verstorbenen ergab dann schließlich, dass es nicht DMPS sondern EDTA war, mit dem sich diese Frau behandeln ließ. Zuvor war uns aber versichert worden, dass es DMPS war. Doch das war unrichtig.

3. Dank weiterer Informationen konnten wir am 7. März 2009 diesen Artikel ergänzen. Außerdem erhielten wir seitens Patienten zahlreiche Hinweise, demnach es nach Behandlung mit EDTA (welches EDTA, das wußte uns leider niemand zu sagen) auf einer Balearen-Insel zu Todesfällen gekommen sei. Wir bleiben dran und werden in einem neuen Artikel hier darüber berichten.

Zum Thema:

Chemisch verletzt. Im Prinzip ja, aber…

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