Berndeutsch: Finanzkrise – alle sprechen davon, wir haben sie

Bankenkrise, Finanzkrise – die Geldwelt schlägt Kapriolen, wie schon lange nicht mehr. Der doppelte Boden ist brüchig, das Auffangnetz löchrig geworden. Die einst so glänzenden Artisten auf dem Finanztrapez tragen kleinlaut ihre Luxusgüter ins Pfandhaus. Derweil schauen die kleinen Leute besorgt auf ihre schmelzenden Altersguthaben oder auf Arbeitsplätze, die wegen der grassierenden Kasinomentalität wackeln.

Peter Maibach – Meine ganz persönliche Finanzkrise begann – wo denn sonst – in der Schweiz, in den 60er Jahren. Ich war gerade sieben Jahre alt geworden. Die Finanzexpertin der Familie, die Bündner Großmutter, führte mich in Freuden und Leiden der Geldwelt ein.

Die Familien-AG bewilligte nach zähen Verhandlungen am Frühstückstisch endlich, mein schmales Taschengeld mit variablen Lohnbestandteilen aufzubessern. Diese waren leistungsabhängig und bemaßen sich am Erfolg beim Geschirrabtrocknen, beim Unkrautjäten, Autowaschen und Freizeitbremsen ähnlicher Art. Natürlich durfte ich über dieses sauer erarbeitete Zusatzeinkommen nicht frei verfügen. Ich hätte den Geldsegen sofort zur Kioskfrau an der Ecke getragen und den Mehrwert mit großem Genuss verzehrt. Das war aber in unserer Familie verpönt. Geld war nicht da, um verpulvert zu werden. Geld musste gespart werden für spätere, finstere Zeiten. Die einfallsreiche Berner Spar- und Leihkasse unterstützte solche Gesinnung und stellte ihren Kunden High-Tech Sparschweine zur Verfügung. Die glänzende Metallbüchse konnte nur vom Schalterbeamten und in Beisein eines Erwachsenen geöffnet werden. Der Einwurfschlitz war mit Metallzähnen derart raffiniert abgesichert, dass Münzen nur eingeworfen werden konnten. Ich hatte alles versucht, um heimlich an mein Geld zu kommen. Nicht ein schäbiges Füfi konnte ich mit Stricknadel und Taschenmesser herausfischen. Typisch Bank, typisch Eltern: Das mühevoll erarbeitet Geld verschwand auf Nimmerwiedersehen im Bauch dieser kalten Büchse. Einmal am Schalter sah ich meinen Lohn kurz aufblitzen, dann verschwand er vor den großen Augen eines enttäuschten Lausbuben zwischen den Seiten eines Sparbuchs in den unergründlichen Tiefen des Bankgeheimnisses.

Großmutter wusste um die Sorgen kleiner Jungen, die ständig in Geldnöten stecken. Wenn ich zuhause die leere Sparbüchse traurig wieder an ihren Platz auf der Kommode stellte, steckt sie mir ab und zu heimlich einen Fünfliber zu – ein Vermögen! „Aber sag‘ dem Großvater nichts davon“, zischte sie mir zu. Dann rief sie laut: „Fred, Fred“. Fred war mein Grossvater, er hörte schlecht, besonders wenn es um Geldausgeben ging, er war „zämebhäbig“ (zusammenhaltend), wie man hier zu Lande sagt. „Fred, gib dem Bub etwas, ich habe kein Münz mehr. Er hat so brav gespart!“. Und Großvater grummelte und brummelte, wühlte endlos in seiner Geldbörse, seufze tief und tatsächlich, trennte sich kopfschüttelnd von einem ganzen harten Schweizer Franken. Großmutter zwinkerte mir schelmisch zu, denn soeben hatte sie das Bonussystem erfunden.

Meine persönliche Finanzkrise war momentan überstanden, ich sauste zum nächsten Kiosk und investierte breit in Zucker und Disney.


Schweizer Münz (Kleingeld)

Fünfliber – das Fünffrankenstück
Der Rolls-Royce. Neben der Kaufkraft hat die repräsentativ große und schwere Münze einen starken symbolischen Wert, sie stellt etwas dar. Seltsamerweise gibt es kaum Übernamen für diese Münze.

Einfränkler – Einfrankenstück
Anders der Fränkler. Mit einem Franken (der Münze natürlich) kann man eine Semmel kaufen oder fünf SMS schreiben oder einen Brief frankieren oder in Bern ein paar Atemzüge lang parken.

Der Franken trägt unterschiedliche Bezeichnungen. Umgangssprachlich verbreitet ist der „Stutz“. Das bezeichnet eigentlich einen steilen Weg, wird aber auch für Geld verwendet. So schwimmt ein wohlhabender Mensch im „Stutz“. Eher abschätzig äußert man sich über Aufschneider, die mit ihrem „Chloz“ (Klotz) prahlen. So ein „Blöffi“ (Blender) gilt dann schnell als ein „Obergestopfter“ oder gar als „Großgekotzter“. Die Frage nach dem Einkommen eines Normal-Schweizers hingegen gehört zum Intimbereich und wird weder gestellt noch beantwortet. Auch gut Situierte werden ausweichend behaupten „es längt“ – es reicht gerade so.

Füfi – Fünfrappenstück
Der Fünfer ist die kleinste gebräuchliche Münze, 100 Rappen geben einen Franken. In der Innerschweiz verbreitet ist die Frage zum Wert einer teueren Anschaffung „ob man genug Rappen dafür habe“. Sehr sparsame Menschen sind Rappenspalter; das Einrappenstück und das Zweirappenstück haben aber nur symbolische Bedeutung, etwa als Glücksbringer. So werde ich meinen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten und in den nächsten Tagen ein paar Rappen auf die Bank tragen.

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