Historische Video-Doku: „Verein am Abstellgleis“

Dampflok-Romantik einmal anders: Von 1995 bis 1997 besuchte der Hamburger Fernsehautor Harald Haack regelmäßig mit der Videokamera ein Häuflein ehemaliger Reichsbahner, die sich um den Unternehmer Klaus-Peter Müller versammelt hatten, um die von ihm erworbenen Schrottloks, ehemalige Güterzug-Dampflokomotiven zu restaurieren. In jenen Jahren erlebte der Hamburger mit, wie die Salzwedeler Eisenbahner enthusiastisch ihren Verein „Dampflokfreunde Salzwedel“ gründeten, weitere Lokomotiven und Waggons erwarben und aufopfernd pflegten.

Carl Landow – Im Oktober 1997 geriet Harald Haack am Lokschuppen unversehens in eine Chemikalienwolke und brach besinnungslos zusammen. Mutmaßlich war ein Fass mit einem Bayer-Entlaubungsmittel umgekippt und ausgelaufen. Haack erkrankte schwer und unheilbar. Sämtliche Arbeiten an seiner Video-Dokumentation musste er einstellen. Jetzt aber, nach nunmehr 12 Jahren, glaubt er genügend Abstand zu seinem Unglück und zu den Eisenbahnern gefunden zu haben, dass er endlich aus dem vorhandenen Videomaterial den Film schneiden kann.

Es soll ein ganz anderer Eisenbahn-Film werden. Natürlich werden auch rauchende und fauchende Dampfloks darin zu sehen sein, aber sie werden in seiner Dokumentation nur den technischen Rahmen für Menschliches bilden: Freund und Leid der Dampflokfreunde.


Ex-Drehscheibenwärter Micha Block und Ex-Dampflokheizer Peter Steffens beim Fachsimpeln über die Probleme bei der Reparatur einer Dampflok.

„Diesen Augenblick habe ich noch nicht vergessen“, erklärt Haack, wie der Schlosser Micha, der damals noch für die Bahn als Wärter der Drehscheibe arbeitete, sich mitten in der Nacht im angeheiterten Zustand in sein Auto setzte. Ich wollte ihn schon davon abhalten, im alkoholisierten Zustand zu fahren. Aber dann sah ich, dass er das gar nicht vor hatte. Er wollte nur über CB-Funk mit anderen Menschen reden. Trotz des Nachtlichts habe ich das filmen können. Ich bin heute noch gerührt von diesem Moment, in dem Michas Kummer offensichtlich wurde. Seine damalige Lebensgefährtin hatte ihn verlassen. Er trauerte außerdem um sein Kind. Und Micha suchte Trost über CB-Funk, während andere Dampflokfreunde in einem Abteil des Katastrophenzuges zusammen saßen und sich lustig Eisenbahner-Anekdoten erzählten.“ Micha legte sich später im K-Zug aufs Ohr und schlief seinen Rausch aus.


Waldemar Jentsch kümmerte sich einst um ein Unikum der Reichsbahn, dem Katastrophenzug, in dem Ärzte sogar operieren sollten.

Für seine Dokumentation kletterte Harald Haack sogar in die Feuerkiste einer Güterzuglokomotive und filmte das Anzünden. Ex-Reichsbahn-Heizer Peter Steffens sollte einen brennenden Lappen auf einer Schaufel durch die Luke der Feuerkiste schieben, doch Steffens sorgte sich um den Filmemacher und war nur schwer davon zu überzeugen, dass nichts passieren konnte. Die Feuerkiste war nämlich von allem Brennbaren ausgeräumt. Der Lappen war trocken und enthielt nur wenige Tropfen von Öl. In einer anderen, ähnlichen Lok filmte Haack dann vom Führerstand aus erneut das Anzünden. Steffens musste noch einmal die Schaufel mit dem brennenden Lappen in die Feuerkiste schieben, mit genau dem gleichen Schwung. Danach erlebte Haack wie liebevoll sich Steffens um die alte Lok kümmerte, sie behutsam anheizte, um sie für den nächsten Tag fit zu machen. Und das alles und vieles mehr fing er mit seiner Videokamera ein.

Aber auch andere Dampflokfreunde filmte er bei körperlich anstrengenden Arbeiten im Lokschuppen, wie dem Austausch eines Schiebers der Dampflok. Obwohl sie schwer zu schaffen hatten, halfen sie ihm beim Filmen. Haacks Tonmann hatte kurzfristig abgesagt. Und so hielt jeder der an der Dampflok Arbeitenden, der gerade eine Hand frei hatte, die „Angel“ mit dem externen Mikrophon, das in einem Windschutzkorb steckte. Es war ein fliegender Wechsel von Mann zu Mann, von schwarzer ölverschmierter Hand zu schwarzer ölverschmierter Hand, fast wie ein Staffellauf.

In diesen Einstellungen kam genau das herüber, was Haack wollte: Zu zeigen, welche Mühe und Kraft notwendig ist, um die alten Dampfloks fahrtüchtig zu halten und wie die Freizeit-Eisenbahner dabei und danach untereinander auskamen.

Wann die Dokumentation insgesamt fertig sein wird, weiß Haack noch nicht. Er hofft aber, dass es dieses Jahr noch sein wird. „Die Doku muss doch endlich mal fertig werden“, stöhnt Haack, „besser werden die analogen Videobänder durchs Lagern nicht.“

Drei Vorschauen hat er aber schon einmal zusammen geschnitten und mit eigener Musik versehen und zeigt diese Clips im Videokanal von Hein Hering bei YouTube.


Klaus-Peter Müller im Gespräch mit einem damals noch für die Deutsche Bahn tätigen Lokführer





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