Turmblasen trotz Nazis und Polizeikameras

Matthias W. Schade - Es war eine Premiere an „Heilig Abend“ des Jahres 2008 – das Salzwedeler Turmblasen; eine Premiere in mehrfacher Hinsicht. Normalerweise ist eine Premiere ja eine Erstaufführung. Nun, seit dem Jahr 1945 (also seit Ende des Jahres 1945), das auch das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft samt Völkermord bedeutete, hat das Turmblasen wieder an jedem „Heilig Abend“ Tausende Salzwedeler und ihre Gäste auf das Fest der Liebe und des Friedens eingestimmt. Es ist – wie Bürgermeisterin Sabine Danicke in ihrem Weihnachtsgrußwort betonte – nicht nur das Fest des Friedens und der Liebe, sondern auch das Fest der Aufrichtigkeit.

Doch in diesem Jahr sollte nach internen Informationen der Hansestadt Salzwedel das Turmblasen erstmals ausfallen: Wegen eines Aufmarsches von Neonazis, der für den 27. Dezember 2008 vorgesehen ist.

Die Polizei hat auf dem stadteigenen Rathausturm bereits umfangreiche Videotechnik installiert. Die Stadt wollte ihren Bürgerinnen und Bürgern jedoch das Weihnachtsfest nicht vermiesen und ließ das Turmblasen trotzdem stattfinden. Eine gute Entscheidung: Denn wenn das Turmblasen hätte ausfallen müssen, dann hätten die Neonazis in Salzwedel erstmals aufgezeigt, dass sie Macht über eine ganze Stadt haben können.

Auf der ohnehin engen Plattform surrte und schnurrte ein umfangreiches elektronisches Equipment. Herumstehende vorinstallierte Kameras machten es den Musikern noch schwerer. Ich als einer der dienstältesten Turmbläser (immerhin stand ich schon vor 31 Jahren an „Heilig Abend“ auf dem Salzwedeler Rathausturm) habe eine derartige Situation noch nie erlebt. Außer den Musikern durften lediglich die Vertreter der beiden Tageszeitungen mit auf den Turm.

Während die Musiker sich auf dem Turm einstimmten, versammelten sich in den umliegenden Straßen wieder Tausende Hansestädterinnen und Hansestädter. Auch für die Salzwedeler war dieses Turmblasen eine Premiere. Denn erstmals war der Platz unter dem Rathausturm dem Publikum durch einen Zaun nicht zugänglich, so dass viele Menschen dem Turmblasen nur aus einigen hundert Metern Entfernung lauschen konnten. Der Zaun, der schon mit der ehemaligen Berliner Mauer verglichen wird, wurde von der umstrittenen „Investorengruppe“ KTM noch kurz vor dem Fest errichtet. Auf ihren gemeinsamen Weihnachtsbaum, für den zwei Salzwedeler Firmen schon die Beleuchtung gesponsert hatten, mussten die Hansestädter aus diesem Grund auch verzichten.

Der Salzwedeler Stadtrat hatte mit knapper Mehrheit dem Verkauf des Filetstücks an die Braunschweiger Geschäftemacher zugestimmt. Der Vertrag besagt zwar, dass dort ein großflächiger Textilberater mit überregionaler Ausstrahlung einziehen soll, doch das hat die KTM nicht geschafft. Nun soll ein Billiganbieter das Areal füllen. Selbst die Kaufsumme für den Platz überwiesen die drei Geschäftemacher unpünktlich. Da nimmt es nicht wunder, dass die Autohäuser, an denen das „M“ aus dem Trio beteiligt war, Insolvenz anmeldete und etliche Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden.

Die neue Bürgermeisterin, die von jeher als Gegnerin einer Bebauung dieses Platzes gilt, hat dieses schwere Erbe von ihrem Amtsvorgänger Siegfried Schneider übernommen. Ihr sind schlichtweg die Hände gebunden. Stattdessen sieht sich die aus der SPD ausgeschlossene Bürgermeisterin, die als Parteilose ins Rathaus einzog, den ständigen Anfeindungen des SPD-Fraktionschefs Norbert Hundt und des Stadtratsvorsitzenden Dr. Franz Heck (CDU) und großen Teilen des Stadtrates ausgesetzt. Hundt, der als offizieller SPD-Kandidat in die Bürgermeisterwahl startete, kann anscheinend seine Wahlschlappe mit ebenso beschämenden wie desaströsen 8,3 Prozent, mit denen er aus dem ersten Wahlgang herausflog, noch immer nicht verwinden. Dafür bescherten er und andere tragische Figuren aus der Politik den Salzwedelern diese äußeren Umstände anlässlich der größten Weihnachtsfeier, dem Turmblasen.

Doch als die letzten Töne der Turmbläser verklungen waren, da war endlich Weihnachten in Salzwedel, das Fest der Liebe, des Friedens und der Aufrichtigkeit.





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