Eine Schweizer Stimme verstummt

Der Schweizer Mittelwellensender Radio Beromünster stellt Ende 2008 den Betrieb ein. Die Technik ist veraltet, die Belastung durch Elektrosmog der Anwohnerinnen und Anwohner ein Dauerthema. Längst haben UKW und digitales Radio der Mittelwelle den Rang abgelaufen. Doch Radio Beromünster war mehr als nur eine zusätzliche Radiostation auf der Skala des Röhrenradios.

Peter Maibach - In einer Zeit, als Fernsehen erst auf wenigen Kanälen und zeitlich begrenzt in einigen privilegierten Haushalten zu empfangen war, blieb dem guten alten Radioapparat die Rolle des beschwingten Unterhaltungsmediums und Informationszentrums für die ganze Familie unbestritten. Ein absolutes Muss an Schweizer Mittagstischen waren die Nachrichten um Zwölf Uhr dreißig. Das charakteristische Piepsen des Zeitzeichens aus Neuenburg war das Signal, die mechanischen Uhren im ganzen Land sekundengenau zu richten. Zudem bedeutete es den Beginn eines totalen Stillschweigens und ruhig Sitzens während die sonore Stimme des Sprechers die Nachrichten verlas. „Rührt euch“ wurde erst bei den Wetterprognosen erlaubt. Abends saß die Familie vereint vor dem Lautsprecher, Vater rauchte, Mutter strickte. Montag war Wunschkonzert, Donnerstag Hörspiel, zementierte Familienrituale.

15.000 Personen besuchten die Abschiedsfeier im luzernischen Gunzwil, dem Standort der markanten, 200 Meter hohen Sendemasten – nochmals eintauchen in die Zeit der Radiolegenden von damals.

Radio Beromünster nahm 1931 den Betrieb auf. Dank Mittelwelle war er ab 1937 in ganz Europa und später auch in Afrika zu hören. In den Zeiten der europäischen Kriegswirren war er ein neutraler und zuverlässiger Informationssender im deutschsprachigen Raum. Die täglichen Nachrichtensendungen unterwarfen sich zwar einer Selbstzensur, waren aber propagandafrei.

Diese Sachlichkeit war nicht selbstverständlich. Umso mehr wurde die Informationen von Radio Beromünster geschätzt. Das „Echo der Zeit“, täglich um 18 Uhr ausgestrahlt, bildete ein Gegengewicht zu der schönfärberischen Berichterstattung der Nachbarstaaten.

Jeden Freitagabend um 19.10 Uhr wurde die „Weltchronik“ gesendet. Im Auftrag des Bundesrates verfasste der Geschichtsprofessor J.R. von Salis einen Blick auf Europa, der wissenschaftlich fundiert die militärische Lage erläuterte. Ergänzt durch seine präzisen politischen Kommentare entstanden Informationssendungen, die als „Geistige Landesverteidigung“ bekannt wurden. Der Pressestab der Schweizer Arme rief 1940 die Presse zu starker Zurückhaltung bei Berichten über Nachbarstaaten auf. Salis bemerkte dazu später: „“Die Klugheit schien zu gebieten, nicht alles zu sagen, was man wusste oder dachte, aber es wäre ungerecht, wollte man nicht anerkennen, dass man unter den gegebenen Verhältnissen recht viel sagen konnte. Zensur verfeinert die Sprache und ist ein Ansporn, die Dinge zwar mit einer gewissen Behutsamkeit, aber dennoch verständlich auszudrücken. Gegen Genauigkeit der Information, gegen sachliche Berichterstattung, gegen sinngemäße Analyse des Geschehens wurde in Bern nichts eingewendet. (Weltchronik, S. 151)“.

Die Zeiten haben sich geändert, das magische grüne Auge am alten Röhrenempfänger ist erloschen. News und Talkshows sind Legion. Die Sendungen kommen trennscharf und knisterfrei dorthin, wo wir Lust haben, Radio zu hören, ins Auto, ins Badezimmer, an den Arbeitsplatz, rund um die Uhr, in babylonischer Vielfalt und mit Werbung angereichert. Höchste Zeit, das Fossil Radio Beromünster auszuschalten. Ob der Sendeturm als Erinnerung an die bewegte Radiogeschichte stehen bleibt, ist Gegenstand von laufenden Diskussionen.


Seit 1978 auf Mittelwelle bei 531 kHz am untere Ende des offiziellen Mittelwellenbereichs zu empfangen: Radio Beromünster. Seine Sendetürme werden an ihrem ursprünglichen Standort verschwinden. Über ein Museum wird diskutiert.
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