Überall in Deutschland wohnen und schlafen Menschen direkt neben den Gleisen der Deutschen Bahn. Sie haben sich an den Lärm der vorbeifahrenden Züge gewöhnt, als wären sie eine Kirchturmuhr, wobei vorbeipolternde Züge mit ihrem Rauschen sicherlich weniger konkret sind wie das Geläut von Kirchenglocken. Doch letztere sollen inzwischen so eingestellt sein, dass sie des Nachts nur wie eine Uhr funktionieren, nur kurz schlagen und dann wieder schweigen – kein irres Gebimmel, um die gläubigen „Lämmer“ ins Gotteshaus zu befehlen.
Marcel Franz-Paulé - In Etterzhausen, ein Ortsteil der Marktgemeinde Nittendorf im Landkreis Regensburg, soll alles ganz anders sein, wie die regionale „Rundschau“ schreibt. Und was dies kleine lokale Blättchen da beschreibt, könnte gut als Vorlage für eine Fernseh-Komödie herhalten.
Doch für die Bewohner ist das alles, was sie erleiden müssen, keine Posse mehr. Was sie nervt und sie des Schlafes beraubt, sind keineswegs vorbeifahrende Züge, sondern krächzende Lautsprecheransagen, die wohl aus irgendeinem digitalen Speicher stammen und dort, so wird vermutet, ein Eigenleben entwickelt haben.
In den Don-Camillo-und-Peppone-Geschichten hätte dergleichen gut hineingepasst: „Achtung am Gleis 1, ein Zug fährt durch. Ich wiederhole: Achtung am Gleis 1, ein Zug fährt durch“. Und dann, gleich noch einmal dieselbe weibliche Stimme: „Achtung am Gleis 2, ein Zug fährt durch. Ich wiederhole: Achtung am Gleis 2, ein Zug fährt durch“.
Anwohner behaupten, es komme vor, dass eine Ansage für Gleis 1 dreimal hintereinander inklusive Wiederholungen gemacht werde, obwohl dann überhaupt kein Zug durchfahre. Die Anlage sei wohl „falsch gepolt“, vermutet einer der unter der krächzenden Dame Leidenden.
Aus Ländern wie beispielsweise China und Vietnam ist bekannt, dass mit Lautsprecheransagen und blecherner Musik vermeintliche Feinde nervlich kaputt gemacht werden sollten. Aber was hat die Deutsche Bahn davon, Strecken- bzw. Bahnhofsanwohner zu zermürben?
Eine Sprecherin der Deutschen Bahn weist jede Schuld von sich und behauptet, das nächtliche Gekrächze sei Auflage von der Aufsichtsbehörde des Eisenbahnbundesamtes. Sicherlich sei die Anlage anfangs nicht richtig justiert gewesen, sie sollte jetzt leiser sein, das sollte längst geschehen sein, die Herstellerfirma der Lautsprecheranlage müsse das doch längst behoben haben, ja, ist das denn noch nicht geschehen?
Und dann soll es noch Wunder dort in dem „Kuckucksnest“ geben: Für die in Ettershausen haltenden Regionalbahnen gibt es keine Lautsprecheransagen, weil diese Züge mit geringem Tempo einfahren.