Archiv für Mai 2008

Wild und Wilde auf den Strassen

Harald Haack - Wer derzeit mit dem Auto über Landstraßen fahren muss, sollte sich besser Zeit lassen und aufmerksam fahren, denn an diversen Stellen lauern moderne Radarfallen. Im Gegensatz zu den früheren „Starenkästen“ fallen sie kaum noch auf, stehen oft vor dunkelgrüner Vegetation und sind auch ebenso lackiert. Sie schießen fast wie Pilze aus dem Boden, so könnte man als Autofahrer meinen. Doch wer über Land fährt, beispielsweise durch die Göhrde oder durch die Altmark, wird feststellen, dass dort rücksichtslos gerast und überholt wird. Häufig wird das Überholverbot bei Gegenverkehr brutal missachtet.

Wer sich aber über Radarfallen ärgert, sollte sich über den „Krieg“ auf den Straßen anschauen. Außerdem: Viele Autofahrer scheinen mental nicht fürs Führen eines Kraftfahrzeuges geeignet zu sein und bringen nicht nur andere Menschen in Gefahr, sie töten sie auch, weil die von ihnen verursachten Verkehrsunfälle oft Todesopfer verursachen.

Wildunfälle

Doch neben den Rasern gibt es derzeit eine weitere Gefahr: Auch bzw. besonders in diesen schönen Frühlingstagen muss nämlich mit Wildwechsel über Landstraßen gerechnet werden, nicht nur auf Strecken, die durch Waldgebiete führen, sondern auch zwischen landwirtschaftlich genutzten Feldern. So verzeichnete das Polizeirevier Altmarkkreis Salzwedel (Polizeidirektion Nord, Sachsen-Anhalt) gestern mehrere Verkehrsunfälle mit Rehwild.

Hier die Liste der gemeldeten Wildunfälle:

08.05.2008, 05:15 Uhr
Eine Renault-Fahrerin stieß zwischen Störpke und Lüge mit einem Reh zusammen. Pkw beschädigt. Das Reh musste mittels Schuss aus der Dienstpistole von seinen Qualen erlöst werden.

08.05.2008, 06:00 Uhr
Ein BMW-Fahrer kollidierte zwischen Dahrendorf und Kortenbeck ebenfalls mit einem Reh. Es entstand ein Sachschaden von ca. 1000,- €.

08.05.2008, 09:30 Uhr, B71 zwischen Wiepke und Kakerbeck,
Ein 39-jähriger Fahrzeugführer befuhr mit seiner Sattelzugmaschine Daimler-Chrysler die B 71 von Wiepke in Richtung Kakerbeck. Auf Höhe des Abschnitt 069 km 1,2 überquerte ein Stück Rehwild die Fahrbahn von rechts nach links. Dabei kam es zum Anstoß. Am LKW entstand Sachschaden. Das Tier verendete an der Unfallstelle und wurde durch den Jagdpächter weidmännisch versorgt.

08.05.2008, 21:45 Uhr
Ein weiterer BMW-Fahrer stieß von Mechau kommend auf dem Weg nach Großwitzeetze mit einem Stück Rehwild zusammen. Dabei entstand ca. 3.500 Euro Sachschaden. Das Reh verendete.

08.05.2008, 22:30 Uhr
Einem Passat-Fahrer lief zwischen Dambeck und Brewitz ein Reh seitlich gegen den PKW. Dabei entstanden Lackschäden (100 Euro) an beiden Türen auf der linken Seite. Das Reh lief dann in Richtung der angrenzenden Wiesen.“

Bogenschütze in Füllingsdorf

In der Schweiz werden die Gefahren nicht viel anders sein. Doch neben Felsstürzen scheinen manchmal auch Schweizer mit eigenartigem Mentalverhalten eine Bedrohung darzustellen.

Ein Mann in Füllingsdorf (bei Basel) soll am 6. Mai 2008 mit Pfeil und Präzisionsbogen auf ein fahrendes Auto geschossen haben. Der mit einer Metallspitze versehene Pfeil durchbohrte das Stahldach des Personenwagens. Doch niemand wurde verletzt. Der Autofahrer, ein 42-jähriger Schweizer, dessen Wagen vom Pfeil getroffen wurde, hatte einen für ihn undefinierbaren Knall gehört und deshalb seinen Wagen angehalten. Den im Dach des Wagens steckenden Pfeil übersah er und setzte seine Fahrt fort. Erst Passanten machten ihn auf den Pfeil aufmerksam. Daraufhin alarmierte er die Polizei, und der gelang es dann den Schützen festzunehmen, einen 43-jährigen Schweizer, der sich nun in Untersuchungshaft befindet. Beide Männer sollen sich angeblich nicht kennen.

Der stellvertretende Untersuchungsrichter Albert Augustin geht davon aus, der geständige Schutze habe gezielt auf das Auto geschossen, ohne jemanden verletzten zu wollen. Beim Inhaftierten will man „in den ersten Einvernahmen“ keine kriminelle Energie feststellen können. Ob er wie der Bogenschütze und Filmheld Robin Hood bei seiner Tat eine grüne Strumpfhose trug, wollte mir leider niemand verraten.

Die erste Klangaufzeichnung: Eine Audiografie

Harald Haack – Am Anfang ist oft nur ein Rauschen. Aber das ganze Weltall ist ein einziges Rauschen, Knacksen, Bratzeln und Pfeifen. Es ist endlos weit, und wir Menschen darin sind vielleicht nur ein unbedeutender audiphoner Knackser; mehr nicht. Uns inmitten des schallend gemachten Chaos zu entdecken wäre für außerirdische intelligente Lebewesen ohne spezielle, fähige Hilfsmittel aussichtslos. Extraterrestrier wären geneigt, unsere Zivilisation in einer Aufzeichnung von dem rauschenden Konzert des Weltalls als Störung zu empfinden und heraus zu schneiden. Das Rauschen des Weltalls ist analog und unbrauchbar für eine Verständlichkeit über große Distanzen.

Doch eigentlich ist es egal, was oder wer hier auf der Erde das Rauschen verursachte, das sich auf audiphonen Aufzeichnungen breit macht. Es ist wie lästiger Staub und rauscht und schmiert akustische Information unbarmherzig zu, manchmal bis zur Verständnislosigkeit, legt sich zudem plump auf die Ohren. Aber damit nicht genug! Wurde die Aufzeichnung vom Tonband in ein anderes Medium, dem der Schallplatte nämlich, übertragen, mischte sich zusätzlich Knistern durch Staubpartikel dazu und in tragischen Fällen erzeugten Schrammen im Vinyl der Schallplatten periodisches Knacken. Wurde die Schallplatte falsch gelagert, häufig zu warm in ungünstiger Position, so kam auch noch „Rumpeln“ hinzu, ein Geräusch, das entsteht, wenn die Tonabnehmernadel sich extrem auf und nieder bewegt, weil die Platte für die kleine Nadel sozusagen zur Achterbahn wurde. Da jedoch die Störungen mit jedem erneuten Abspielen einer Schallplatte nahezu identisch sein können, gewöhnte man sich daran und wenn sie nicht zu vorherrschend waren, zählten sie bald untrennbar zum Sound, der von der Schallplatte kam. So hatte jede Kopie einer Schallplattenproduktion ihre eigene, persönliche „Aura“; was zwangsläufig puristische Fanatiker aktivierte und diese die (längst ausgediente) Schallplatte zum Kult-Objekt machten.

Die älteste Klangaufzeichnung – eine Audiografie
Kürzlich präsentierte ein Forscherteam um den US-Radiohistoriker David Giovannoni, dem auch Mitarbeiter der Plattenfirma Archeophone Records angehören, die angeblich älteste Klangaufzeichnung. Die soll von Edouard-Léon Scott de Martinville stammen und von ihm mittels des von ihm erfundenen „Phonoautografen“ um 1860 aufgezeichnet worden sein; jedenfalls datiert das französische Patent seiner Erfindung mit der Nummer 17,897/31,470 auf März 1857.


Der von Edouard-Léon Scott de Martinville erfundene „Phonoautograph“.

Scott de Martinville lebte in Paris und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Drucker und Korrekturleser wissenschaftlicher Werke. Zwangsläufig lagen seine Absichten wohl im grafischen Bereich, denn mit dem Phonoautografen gelang es ihm, nach dem Vorbild des fotografischen Verfahrens von Louis Jacques Mandé Daguerre, der Optisches auf metallisch irisierende Platten konservierte, Akustisches als Muster in eine rußgeschwärzte Walze zu kratzten; vergleichbar zur Fotografie Daguerres also eine Audiografie. Schon bald ersetzte Scott de Martinville die Rußwalze durch Papier. Das Prinzip seiner Maschine jedoch blieb unverändert: Mittels eines großen Trichters leitete er den Schall auf eine Membrane, die die Schwingungen dann auf eine Schweineborste übertrug. Diese Schweineborste kratzte dann das Muster in die Ruß-geschwärzte Walze bzw. zeichnete es auf Papier.

Scott de Martinville war wohl fasziniert von den Möglichkeiten die Welt zu erfassen: Von Licht geschriebene (damals noch die „Daguerrotypie“) und nun von Schall verursachte optische Muster – Klangbilder. So dachte er offensichtlich nicht daran die von seinem Phonoautografen im wahrsten Sinn des Wortes aufgezeichnete Klänge auch wieder als Schall hörbar zu machen. Das gelang 1878 mit dem von Thomas Alva Edison patentierten Phonografen.

Vom Papier zurück in die Luft
Giovannonis Forscherteam fand die Klang- bzw. Schallbilder von Scott de Martinville in den Archiven des Pariser Patentamts und der Französischen Akademie der Wissenschaften. Was noch vor wenigen Jahren mit den Mitteln der analogen Tontechnik unmöglich war, gelang ihnen nun mit Hilfe digitaler Technik: Sie scannten die alten Schallbilder, die von Carl Haber und Earl Cornell vom Berkeley National Laboratory in Kalifornien zurück in Schall verwandelt werden konnten. Dies ermöglichte ihnen eine Software, die sie vor einigen Jahren für die Schallplattensammlung der US-Kongressbibliothek entwickelt hatten, bei der eine Art virtuelle, digitale Grammofonnadel die von Scott de Martinville aufgezeichneten Muster abtastete.

Probleme bereitete den Forschern die Abspielgeschwindigkeit, denn Scott de Martinville hatte seine Aufzeichnungswalze mit der Hand gedreht. So leierte das Aufzeichnungstempo heftig. Doch dieser störende Effekt konnte in zahlreichen Einzelschritten ausgeglichen werden. Und damit gelang es ihnen die Schallaufzeichnung aus dem Jahr 1860 hörbar zu machen: Eine fürchterlich verrauschte Aufnahme, in der sie das französische Kinderlied „Au Clair de la Lune“ entdeckten.

Die Restaurierung der Restaurierung
Ich habe mir nun den Ausschnitt dieser Aufnahme als mp3-Datei heruntergeladen und mit Hilfe der Adobe-Software AUDITION 3 weitere Restaurierungsschritte vorgenommen.

In AUDITION 3 wie auch schon in Vorgängerversionen dieser Software lassen sich Störgeräusche heraus rechnen. Dabei können die Störgeräusche alles Mögliche sein: Verkehrslärm einer nahegelegenen Straße, das Ticken eines Weckers, das Rascheln mit Bonbon-Papier und ganz einfach Rauschen jeder Art.


Digital erzeugtes Spektralbild (Adobe AUDITION 3) der mp3, die Giovannoni und sein Team am Freitag im kalifornischen Palo Alto während einer Konferenz vorstellten. Bei der mp3 handelt es sich um die hörbar gemachte Version der Schallaufzeichnung von Edouard-Léon Scott de Martinville aus dem Jahr 1860. Deutlich zu sehen ist hier in diesem Spektralbild, wie der Klang, eine menschliche Stimme – Gelb dargestellt – vom Rauschen – Rot – vollkommen überlagert wird.

Hörbeispiel: Giovannoni.mp3
Die von Giovannoni und seinem Team vorgestellte Audio-Datei.


In der Wellenformanzeige derselben Audiodatei sind klangliche Lücken der menschlichen Stimme zu sehen, die vom Störgeräusch gefüllt sind. Ich entschied mich, den Anfang der Aufzeichnung, in der die menschliche Stimme noch nicht einsetzt, als Profil zur Erfassung des Störgeräusches zu markieren, hier der weiße Bereich.


Nachdem Adobe AUDITION 3 das Störgeräusch anhand meiner Markierung ermittelt hatte, genügten Klicks auf „Gesamte Datei auswählen“ und auf „OK“, um das Störgeräusch vollständig heraus rechnen zu lassen.


Und das Ergebnis kann sich nicht nur sehen lassen: Die von den Störgeräuschen bereinigte Datei im Spektralbild.

Hörbeispiel: Haack.mp3
Die von mir bearbeitete Audio-Datei.

Adobe AUDITION 3 ist, wie ich hörte, nicht die einzige Software, mit der solche verblüffenden Störgeräuschbeseitigungen möglich sind. Diese Möglichkeit ist auch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei, kann aber hervorragend als Grundlage für weitere Restaurierungsschritte dienen; richtig bedient wie sich wohl von selbst versteht.

In der von mir mittels Adobe AUDITION 3 weiter restaurierten Aufzeichnung von Edouard-Léon Scott de Martinville aus dem Jahr 1860 ist nun auch die Klangfarbe der Stimme zu hören; wahrscheinlich die Stimme einer jungen Frau oder eines Kindes. Die Person sang das Lied „Au Clair de la Lune“ nicht nur nur, sondern sie gurgelte es möglicherweise. Das Gurgeln wird, wie ich vermute, keine tontechnische Verzerrung sein, bedingt durch die Kurbelei an der Papierwalze, was aber durchaus auch möglich sein könnte.

Edouard-Léon Scott de Martinville wollte deutliche Muster des Schalls auf dem Papier erzeugen. Da lag es nahe, eine Person singend gurgeln zu lassen, eben weil das Gurgeln ein deutlicheres Muster ergibt als irgendwelche gesungenen Worte. Auch das abgebrochene Quieken am Ende der Aufnahme, was ich als einsetzendes Lachen der Person deute, weist in diese Richtung. Es muss für Scott de Martinville und seine Sängerin eine lustige Situation gewesen sein: Sie singend gurgelnd und er emsig kurbelnd an seinem Phonoautographen, ein obskur anmutendes Gerät aus einem Trichter, einer Membrane und Schweineborsten sowie eine Papierwalze. Da blieb gewiss kein Auge trocken…

Leuchtende Augen aber haben heutzutage wahrscheinlich Geheimdienste, die mit Audio-Softwares dieser Art arbeiten. Längst sind die Zeiten nämlich vorbei, in der versucht wurde mit Hilfe umfangreicher analoger Hardware mit Hunderten von Drehreglern die Worte belauschter Personen deutlich herauszufiltern.

Geschichte – mit Licht geschrieben (1)

Harald Haack - Vor 31 Jahren drehte Wim Wenders im Sanierungsgebiet am Pinnasberg in Hamburg St. Pauli seinen Kriminalfilm „Der amerikanische Freund“ nach dem Roman von Patricia Highsmith, in den Hauptrollen Bruno Ganz und Dennis Hopper. Dem Filmteam gelang es nicht immer den Hintergrund der Szenerie frei von Menschen zu halten, die für den Film nicht vorgesehen waren. Solange sie nicht stehen blieben und in die Kamera glotzten, war das wohl zu akzeptieren. Jedenfalls hatte Wenders eine alte Anwohnerin nicht aus seinem Film heraus geschnitten. Man sieht sie heute noch im Film, zur Gaudi alteingesessener St. Paulianer durchs Bild laufen.

Diese Frau wohnte in der Straße „Kleiner Pinnas“. Sie hatte angeblich zwei Enkelinnen. Eines dieser Kinder konnte ich damals mehrfach fotografieren. Einmal, auf einem Schwarzweiß-Foto, für das ich ein Superweitwinkelobjektiv verwendete, bot mir das kleine Mädchen an von ihrer angebissenen, triefenden Birne abzubeißen. Und ein anderes Mal gelang mir ein Gruppenbild, auf dem es zusammen mit seiner Mutter, seiner Großmutter und einer Nachbarin und deren kleinem Jungen (oder Mädchen) zu sehen ist.

Anfang der 1990er Jahren wollte ich fürs Hamburg Journal des NDR-Fernsehens über dieses Foto und die darauf abgebildeten Frauen eine Reportage drehen. Ich bastelte kleine „Steckbriefe“, auf denen ich das Foto zeigte. Auf diese Weise gelang es mir zwar die Schwester der Kleinen aufzuspüren, doch die wollte mit dem Fernsehen nichts zu tun haben.

In diesem Jahr nun rief mich an meinem Geburtstag ein Mann übers Mobilphon an. Ich parkte gerade meinen Wagen auf dem Hof ein. Er teilte mir mit, er habe bei seinem Schwiegervater den von mir erstellten „Steckbrief“ gefunden, auf dem seine Frau als kleines Mädchen abgebildet ist und er wollte wissen, ob er davon einen Abzug in guter Qualität kriegen könne. Das sagte ich ihm zu. Da ich aber nichts zu schreiben dabei hatte, bat ich ihn mich noch einmal wenig später anzurufen. Ich wartete, doch er rief kein zweites Mal an. Da hatte ich mich so sehr über seinen Anruf gefreut und dann die Enttäuschung!


Die Großmutter der kleinen Blonden lief in Wenders Kriminalfilm „Der amerikanische Freund“ im Hintergrund einmal durchs Bild.


Wer kennt die Frauen auf dem Foto und wer kennt das kleine blonde Mädchen, das inzwischen erwachsen und angeblich verheiratet ist? Wer kann einen Kontakt zu dieser Frau und ihrem Mann herstellen? Was wurde aus dem kleinen schwarzen Jungen (oder Mädchen ?) und seiner Mutter?

© 1976-2007 Foto-Copyright by Harald Haack

Falscher Schaedel in Beethovens Grab

Harald Haack – In dem Grab von Ludwig van Beethoven auf dem Wiener Zentralfriedhof liegt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Beethovens Schädel, sondern der eines Mulatten. Diesen Verdacht hegten mehrfach schon Anthropologen des 19. Jahrhunderts, wie der Berliner Anthropologe Herbert Ullrich in seinem Buch „Schädelschicksale historischer Persönlichkeiten“ schreibt. Doch nun, nach einer DNA-Untersuchung mehrerer Schädelfragmente, die bisher Ludwig van Beethoven zugeschrieben wurden, steht fest, dass sie tatsächlich zu seinem Schädel gehören, obwohl doch der Schädel bei der 2. Exhumierung von 1888 als vollständig beschrieben wird und folglich keine Schädelfragmente fehlen dürften.

Wie konnten dann Schädelfragmente von Beethovens Schädel durch die Welt wandern? Und wo befindet sich sein restlicher Schädel, wenn nicht in seinem Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof? Und zu wem gehört der Schädel, der in Beethovens Grab gelegt wurde?


Ludwig van Beethoven: Wo liegt sein Schädel?

Keine Musik in Beethovens Ohren
Allgemein bekannt ist, dass der große Komponist in den Jahren vor seinem Tod am 26. März 1827 fast vollständig gehörlos geworden war und dennoch komponiert hatte. Weltweit bilden seine Kompositionen, vor allem die neun Symphonien, ebenso die Klavier- und Violinkonzerte, heute die Basis für Konzertveranstaltungen mit klassischer Musik. Erste Symptome seines Gehörleidens machten sich für Beethoven schon 1794 bemerkbar. Denkbar ist, dass der Lärm von Geschützfeuer während der Französischen Invasion, die in jenem Jahr in Wien stattfand, sein Gehörleiden auslöste, das sich stetig steigerte. Ab 1818 hatte Beethoven nur noch auf dem linken Ohr geringfügig etwas hören können, ansonsten war er völlig gehörlos geworden. Die Musik existierte nur noch in seinem Gehirn und als Noten, die er schrieb und las. Konversation mit Besuchern und Gesprächspartnern konnte nur noch über so genannte Konversationshefte stattfinden. Und als Gehörloser schrieb er seine größten und bekanntesten Symphonien. Zu seinen Lebzeiten war der Verlust seines Hörsinnes ein Rätsel gewesen. Wie der SPIEGEL nun schreibt, soll Beethoven verlangt haben, dass Ärzte nach seinem Tod den Grund für sein Gehörleiden klären sollten. Und damit begann ein obskurer Kriminalfall.

Der Schädelraub
Einen Tag nach Beethovens Tod wurde in dessen Wohnung an seinem Leichnam eine Obduktion vorgenommen. Dabei wurde der Hirnschädel mit einem Sägeschnitt geöffnet und die Felsenbeinpyramiden der Schläfenbeine für eine spätere wissenschaftliche Untersuchung über Beethovens Gehörlosigkeit entnommen. Angeblich soll sie der Sektionsdiener an einen ausländischen Arzt verkauft haben, wie Herbert Ullrich in seinem Buch berichtet.

In ihrem Brief vom 4. April 1827 schreibt die Sängerin Schindler über den Totengräber Beethovens, dieser habe ihr berichtet, dass man versucht habe ihn zu bestechen, wenn er den Kopf Beethovens an einem anderen Ort deponiere. Obwohl die Polizei davon erfahren hatte, und den Fall untersuchte, müssen damals schon, vor dem Begräbnis Beethovens, Unbekannte seinen Kopf gegen einen anderen Schädel – der ebenso wie der Beethovensche aufgesägt war und bei dem ebenfalls die Schläfenbeinpyramiden entfernt wurden, um später keinen Verdacht aufkommen zu lassen – ausgetauscht haben. Jedenfalls stimmt die DNA der Schädelknochenfragmente, die bei der Obduktion Beethovens entnommen wurden und die kürzlich in den USA untersucht wurden, mit der DNA von Beethovens Haarlocke, die ihm auf dem Sterbebett abgeschnitten wurde, überein. Dies sagte William Meredith, Direktor des Beethoven-Studienzentrums der kalifornischen San José University, kürzlich dem „San Francisco Chronicle“.

Wie Herbert Ullrich schreibt, sei während der ersten Exhumierung 1863 und auch später, 1888, bei der zweiten Exhumierung Beethovens von keinem der Untersuchenden geprüft worden, ob Schädel und Körperskelett tatsächlich zusammenpassen: „Allein die Tatsache der Obduktionsmerkmale genügte zur Feststellung, dass der im Grab befindliche Schädel auch tatsächlich der von Beethoven ist.“ Aber wie Ullrich zuvor erzählt, habe man bei der ersten Exhumierung im Jahre 1863, die von der „Gesellschaft für Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates“ veranlasst wurde, in dem zerfallenen Holzsarg vom Skelett zunächst nur „wenige Armknochen, einen Oberschenkelknochen, das Kreuzbein und ein Teil des Beckens“ gefunden. Der Schädel sei in zahlreiche Stücke zerbrochen und unvollständig gewesen. In einem Bericht aus jener Zeit steht:

„Zuerst stieß man auf ein großes, durch Zersägen entstandenes Stück der ungewöhnlich starken Hirnschale, wozu sich später ein zweites und dann ein drittes von geringerem Umfange vorfanden. Die mächtige Stirn mit den Augenhöhlen und dem Oberkiefer war ganz beisammen, in dem letzteren steckten fünf Zähne, vier andere vollkommen gesunde, die in dem gelockerten Kiefer erst später ihren Halt verloren hatten, fanden sich abgesondert vor, vier fehlten ganz. Dagegen zeigte der Unterkiefer, der bald darauf aus der Erde gelöst wurde, eine fast vollzählige Reihe vollkommen gesunder und kräftiger Zähne; nur den linken vorletzten Backenzahn hatte schon der Lebende verloren, der linke Weisheitszahn war mit Gold plombiert, der rechte war auch nicht im Keime vorhanden. Man fand beim Weitersuchen noch ein viertes und fünftes, und einige kleinere Stücke von der Hirnschale, so wie das Nasenscheidewandbein.“

Und nach weiterer Suche fand man dann insgesamt 9 Schädelteile und nahezu alle Teile des Körperskeletts „in annähernder Vollständigkeit und gutem Erhaltungszustand“. Es fehlten nur die linke Kniescheibe, einige Hand- und Fußknochen. Der Bildhauer Alois Wittmann stellte nach dem Zusammensetzen der Schädelteile, was auf einer Tonunterlage erfolgte, einen Gipsabguss des Schädels her. Der Zahnarzt Dr. Faber hatte Fotos und Zeichnungen des Gebisses angefertigt.

25 Jahre später, 1888, sollte die zweite Exhumierung angeblich aus „Pietätsgründen“ verhindert werden. Man einigte sich schließlich auf den Kompromiss, dass die Untersuchung der Gebeine Beethovens nur etwa 20 Minuten lang dauern durfte. Wahrscheinlich waren der Schwindel und der Schädeldiebstahl einigen Persönlichkeiten Wiens längst bekannt gewesen. Unter ihnen war der Vertreter des Wiener Bürgermeisters, der Gemeinderat Baugoin. Er wollte eine erneute Untersuchung nur gestatten, wenn diese „ohne direkte Berührung der Gebeine geschehen könnte.“

Baugoin entstammte mutmaßlich einer hugenottischen Familie aus Belgien, das bis 1815 von dem österreichischen Zweig der Habsburger regiert wurde. Sein Name taucht mehrfach in Zusammenhang mit hugenottischen Vereinigungen und einem Geheimbund auf, der in seinem Emblem die Symbolevon Schädel und Knochen führte. Wie heutzutage in Skull & Bones in den USA war es auch in dem Geheimbund, dem Baugoin offensichtlich angehörte, üblich, sich die Schädel großer Persönlichkeiten anzueignen. Wenn man sich daran erinnert, dass Ludwig van Beethoven in Bonn als Spross einer flämischen Familie geboren wurde, die aus der Nähe Brüssels stammte, aus Brabant (Mechelen), dass Baugoin sehr wahrscheinlich Mitglied jenes Wiener Geheimbundes war, der internationale Verbindungen unterhielt, dann erahnt man in etwa welche Interessen bestanden, unbedingt den Schädel Beethovens zu besitzen. Natürlich ist dies keine Erklärung dafür, aber ein Ansatz für weitere, mögliche Recherchen. Und: War Baugoin ein Verwandter Beethovens?

Wessen Kopf liegt in Beethoven Grab?
Als „höchst bemerkenswert“ am Schädel, den man in Beethovens Grab während der 1. Exhumierung im Jahr 1864 gefunden haben will, sei, so stellten die Wissenschaftler Weisbach, Toldt und Meynert, die die 2. Exhumierung durchführen durften, fest, dass der „unseren Vorstellungen von Schönheit und Ebenmaß keineswegs entspricht“. Nach ihrer Meinung seien viele Merkmale, unter ihnen beispielsweise eine hochgradige Schieflage der Stirn, im Leben Beethovens nicht so aufgefallen. Regelrecht erschrocken sei der Bonner Anthropologe Schaafhausen über den Beethoven-Schädel gewesen, wie der Wiener Anatom Langer von Edenberg auf einer Sitzung der Anthopologischen Gesellschaft in Wien 1887, also im Jahr vor der 2. Exhumierung Beethovens, berichtete:

„Beim ersten Anblick des Schädels erschrak er fast über die rohe Gesichtsbildung desselben, von dem er eine Seitenansicht nie gesehen. Die rückliegende Stirn und das Vortreten des Oberkiefers mit den Zähnen entsprechen nicht den Bildern und Büsten des großen Toten und, was wichtiger ist, sie lassen sich in den Gesichtsmasken desselben nicht erkennen. Er kann es nicht leugnen, dass ihm ein leiser Zweifel an der Echtheit des Schädels aufstieg, wiewohl das große Schädelvolumen für dieselbe spricht.“

Der von Schaafhausen geäußerte dringende Wunsch, der Schädel in Beethovens Grab möge einer erneuten eingehenden anatomischen Untersuchung unterworfen werden, hat sich nie erfüllt. Lediglich die Schädelknochenfragmente, die der Wiener Arzt Romeo Seligmann 1863 nach der 1. Exhumierung erworben haben soll, die er behandelte wie eine Reliquie und die dann von Generation zu Generation innerhalb seiner Familie weitervererbt wurden und schließlich in die USA gelangten, nach Hawaii, Frankreich und wieder zurück in die USA, wurden mit modernen forensischen Methoden untersucht. Zur Erinnerung: 1827 nach der Obduktion Beethovens soll der Sektionsdiener Schädelknochenfragmente an einen ausländischen Arzt verkauft haben. Von wem hatte Seligmann seine Reliquien, die Schädelknochenfragmente Beethovens, erworben?

Zweifel in einer Zeit des aufkeimenden Rassismus‘
Der Berliner Pathologe und Anthropologe Rudolf Virchow (13. Oktober 1821- 5. September 1902), der als Begründer der modernen Pathologie gilt, stellte fest, dass die Form der Scheitelkurve Beethovens „mit keiner der in Mitteleuropa typisch vorkommenden Formen übereinstimmt. Das „Illustrierte Wiener Extrablatt“ schreibt am 22. Juni 1888 über das Ergebnis der 2. Exhumierung: „Aus den Messungen ergab sich, dass Beethovens Schädelbildung keine ungewöhnlich schöne war, welche auf hohe Intelligenz hindeutete. Nach der Zusammenstellung der einzelnen Gesichtspartien muss der Tondichter ein sogenanntes Mulattengesicht gehabt haben, mit überaus stark hervortretenden Mundpartien.“ Die Bildung des Unterkiefers bei Beethoven sei mohrenhaft gewesen, die darauf zurückzuführen sei, dass der Schöpfer unsterblicher Meisterwerke einen der schwarzen Rasse eigentümlichen Unterkiefer besessen habe, erklärte das „Illustrierte Wiener Extrablatt“.

Jedoch auf keinem seiner zeitgenössischen Bildnisse wurde Ludwig van Beethoven mit diesen negriden Merkmalen gezeigt. Müssen wir annehmen, dass in Beethovens Grab der Schädel eines ermordeten Schwarzen, möglicherweise eines Opfers des Sklavenhandels liegt?

SPIEGEL: DNA-Analyse – Schädelknochen stammen von Beethoven
Elitäre Knochenmänner und geheimnisvolle, prominente Totenschädel

Literatur:
Schädel-Schicksale historischer Persönlichkeiten,
Herbert Ullrich, Verlag Dr. Friedrich-Pfeil, München,
ISBN 3-89937-055-4

Hinweis:
Dieser Artikel wurde am Montag, 21. November 2005 zuerst bei NH publiziert.

Elitaere Knochenmaenner und geheimnisvolle, prominente Totenschaedel

Harald Haack – Man stelle sich vor: Da veranstaltet eine Horde Okkultisten auf Autobahnrastplätzen allnächtlich Totenzeremonien. Hierzu werden die Knochen Verstorbener verwendet, die zuvor aus Gräbern geraubt wurden. Am nächsten Morgen findet die Polizei die einfach weggeworfenen Schädel- und Knochenbruchstücke.

Ein solches Krimi-Szenario beschreibt der Anthropologe Herbert Ullrich eingangs in seinem Buch „Schädel-Schicksale historischer Persönlichkeiten“. An der Humboldt-Universität beschäftigt er sich mit Fragen der Evolution des Menschen und mit der Untersuchung von Skeletten historischer Persönlichkeiten. Seine Okkultisten existierten allerdings in einer Zeit, als es noch keine Autobahnen gab, als späte Urmenschen – Homo Erectus – vor 500.000 Jahre durch die Landschaft schlurften.

Doch was Ullrich in seinem Buch als Begründung für einen Schädelkult der vergangenen Jahrhunderte anführt, ist keineswegs Vergangenheit. Darüber schreibt er leider nicht. Das hätte sicherlich den Rahmen seines Buches gesprengt. Besonders Schädel werden heutzutage noch und immer wieder aus Gräbern geraubt, für okkultistische Handlungen missbraucht oder als „Schatz“ einer geheimen Bruderschaft versteckt und gehütet. Diese Bruderschaft nennt sich „Skull and Bones“. US-Präsident George W. Bush ist eines ihrer prominentesten Mitglieder.

Knochenmänner im Weißen Haus
Skull & Bones (englisch: Schädel und Knochen) ist unter vielen Namen bekannt. Sie nennen sich auch „The Order of death“ (Orden des Todes) und „The Eulogian Club“ (Der Eulogianische Club) oder „Loge 322″. In der Öffentlichkeit tritt der Geheimbund als „Russel Trust Association“ auf. Seine Mitglieder rekrutiert er ausschließlich an der Yale-Universität, an der George W. Bush studiert hat.

So verwundert es wohl nicht, dass nicht weniger als elf Mitglieder aus den höheren Regierungsorganen der ersten Amtszeit George W. Bushs auch Mitglied bei Skull & Bones sind. Seine Mitgliedschaft, seit 1968, wurde in Mitgliederlisten bestätigt, die in Zeitungen publiziert und in der Yale-Bibliothek aufbewahrt werden.

Wen hindert es diese Mitgliedschaft Bushs bei Skull & Bones als kriminelle Vereinigung anzusehen? Immerhin zählt besonders Grabraub zu jenen Delikten, mit der die Bruderschaft bekannt geworden ist. Skull & Bones weiß angeblich von allen Verbrechen der Mitglieder, da diese sich ihre Verbrechen untereinander einzugestehen haben, hält diese aber geheim. Nichts kann aber so geheim gehalten werden, dass nicht irgendeine menschliche Seele das Bedürfnis hätte irgendwann etwas auszuplaudern.

Bushs Großvater – ein Leichenfledderer und Grabräuber?
Bekannt wurde ein Grabraub, der wohl durch Yale-Publikationen zu einem Gerücht mutierte: In jener Gruft, in der sich Skull & Bones zu ihren Zeremonien und Besprechungen treffen, soll, laut Zeugen, unter vielen menschlichen Gebeinen der Schädel von Gokhlayeh alias Geronimo, der Kriegshäuptling und Schamane einer Gruppe der Bedonkohe-Inde (Apachen), liegen. Dies veranlasste den Apache-Indianer und Aktivisten „chief“ Ned Anderson, bei den US-Behörden zu ersuchen, einen DNS-Test von einer Probe des Schädels durchführen zu lassen. Zu dem Test sei es laut Wikipedia nicht gekommen, doch immer mehr Gerüchte tauchten auf. Ob sie üble Nachrede sind oder auf Wahrheit beruhen, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden. Immerhin wurden Untersuchungen verhindert, und das FBI lehnte es ab „sich in den Streit einzumischen“ und setzte Anderson unter Druck, damit dieser seine Belege „überdenke“.


Ölgemälde eines unbekannten Künstlers nach einem in der Yale-Bibliothek aufbewahrten Foto. Zu Gruppenbildern treffen sich regelmäßig 15 Skull & Bones-“Knochenmänner“. Posiert wird jeweils in der gleichen, Jahrzehnte alten Weise, mit menschlichen Knochen und einer alten Standuhr, der Zeiger auf 8 Uhr gestellt werden.

Wie Wikipedia kolportiert, soll der Großvater von George W. Bush, Prescott Sheldon Bush, als Yale-Student Skull & Bones-Mitglied seit 1917 und später Senator von Connecticut, im Jahre 1918 den Schädel aus dem Fort Sill bei Oklahoma eigenhändig zusammen mit zwei Mitstudenten ausgegraben und ihn als Geschenk für die Skull & Bones präsentiert haben. Wikipedia: „Anderson behauptete anschließend – mit verschiedenen Beweisen –, dass er sich mit Jonathan Bush getroffen habe, dem Bruder des Vize-Präsidenten George H. W. Bush, der ihm den berüchtigten Schädel gezeigt habe. Der Schädel sei unwahrscheinlich klein gewesen, und er schien von einem Kind zu stammen. Anderson veröffentlichte die Begebenheiten des Treffens, fügte aber die Bemerkung hinzu, dass es sich nicht um den Schädel aus der Skull & Bones-Bruderschaft handele.“


Nicht fern der Realität: Szenen aus dem Hollywood-Movie „The Skulls“, Treffen der Knochenmänner in ihrer Gruft. Der in die Wand eingravierte Schriftzug „War“ (Krieg) soll in der Gruft der Skull & Bones tatsächlich existieren. Foto: newmarket films/UNIVERSAL Studios.

Skull & Bones soll seinen Ursprung in Deutschland haben:
William Huntington Russel, der Mitbegründer des Geheimbundes hielt sich für ein Jahr, von 1831 bis 1832, in Deutschland auf. Mutmaßlich wurde er damals in eine Geheimgesellschaft aufgenommen, die in ihrem Emblem die Symbole von Schädel und Knochen führte. Sowohl bei Skull & Bones findet das Symbol einer Eule Verwendung, als auch bei den Illuminaten. Einbrecher, die in die Gruft von Skull & Bones einbrachen, wie auch jene Mitglieder, die sich unzufrieden über ihre Erfahrung bei Skull & Bones äußern wollten, beschreiben viele Bilder, die in der Gruft hängen und mit deutscher Sprache und Thematik versehen sind; beispielsweise: „Wer war der Thor, wer Weiser, / wer war Bettler, wer Kaiser? / Ob arm, ob reich, / im Tode gleich.“ Gruft-Eingeweihte bestätigten, dass bei Skull & Bones-Treffen gelegentlich deutsche Lieder gesungen werden, darunter auch die deutsche Nationalhymne, aber mit einem anderen Text. An den Wänden sollen auch eingemeißelte Verse, Bilder von Schädeln zu sehen und verschiedene Alltagsgegenstände angebracht sein, bis hin zu dem einst angeblich von Adolf Hitler verwendeten silbernen Besteck.

Auch in Europa kullerten Totenschädel durchs Land
Unklarheiten über die Herkunft von menschlichen Schädeln, die historischen Persönlichkeiten zugeschrieben werden, haben wohl den Berliner Anthropologen Herbert Ullrich veranlasst, sein Buch zu schreiben. Da es im „Alten Europa“ genügend Schädelfunde gab, denen teilweise abenteuerliche Reisen nachgesagt werden, brauchte sich Ullrich nicht um die geheimen Spielchen der amerikanischen „Grufties“ zu kümmern. Viele der Schädelschicksale, über die er schreibt, sind zudem in Deutschland angesiedelt. Goethes Schädel zählt dazu wie auch die beiden Schädel von Schiller, die dem Dichter kurioserweise zugeschrieben werden. Übrigens: Beide, Goethe und Schiller, waren Mitglieder in Geheimbünden; die aber sollen wesentlich gemäßigter und rechtschaffener als Skull & Bones gewesen sein sollen und sie hatten sich den Frieden zum Ziel gesetzt. Die Knochenmänner von Skull & Bones verherrlichen dagegen den Krieg, der deren höchstes Ziel ist. George W. Bush richtet sich offenbar strikt nach den Regeln dieses faschistoid organisierten Geheimbundes. Wenn auch er wiederholt das Wort „Demokratie“ auszusprechen versucht, will er sicherlich etwas anderes sagen, und er sagt es auch: Krieg.

Herbert Ullrich hat seine Geschichten über die Schädelschicksale hiesiger, historischer Persönlichkeit gut gegliedert. Die toten Prominenten finden sich in

  • Komponisten und Maler;
  • Dichter und Denker;
  • Philosophen und Gelehrte;
  • Heilige und Geistliche;
  • Ritter und Hoffräulein;
  • Feldherren und Admirale;
  • Adlige und Bürger;
  • Fürsten und Grafen;
  • Kaiser und Könige;
  • Großfürsten und Zaren.

Nicht alle Illustrationen und Fotos sind so gruselig wie Beethovens Schädel, fotografiert anlässlich der Exhumierung im Jahre 1863. Oder der Schädel von Robert the Bruce, der von 1274 bis 1329 lebte und von der Lebra gezeichnet wurde, weshalb sein Schädel typische Deformationen aufweist. Als sehr sonderbar aber wirkt dagegen der Schädel von Thomas Hasler „aus dem Jahre 1876 mit monströsen Auftreibungen, vor allem des Unterkiefers“. Was muss dieser als „Riese vom Tegernsee“ bekannt gewordene Bauernjunge einst gelitten haben!

Wie Ullrich schreibt, gab es nach dem Tod von Thomas Hasler zwei Untersuchungen, nach dessen Tod eine Obduktion mit anschließender Präparation des Skeletts unter Leitung des Pathologen von Buhl und in „jüngster Zeit“ Untersuchungen des Skeletts von dem Münchener Pathologen Nerlich, dem Anthropologen Parsche, dem Radiologen Vogl und dem Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten Pirsig, wobei moderne Diagnostik-Technik eingesetzt wurde.


Der von Hyperostose verwachsene Schädel von Thomas Hasler und eine Gesichtsnachbildung – beide Abbildungen aus „Schädel-Schicksale historischer Persönlichkeiten“ von Herbert Ullrich, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München.

Leben und Leid von Thomas Hasler
Thomas Hasler wurde 1851 bei Gmund am Tegernsee geboren. Bis zu seinem 9. Lebensjahr gab es keinerlei Anzeichen einer Krankheit. Er entwickelte sich, so die Überlieferung laut Ullrich, körperlich und geistig normal. Und dann traf ihn der Schlag – der Schlag eines Pferdehufes, im Gesicht an der linken Wange. Von diesem Unglück an soll er sehr schnell gewachsen sein. Weil er als 11-jähriger mit seiner Körpergröße von 1,52 m „in keine der damals üblichen, fest mit dem Pult verbundenen Schulbänke mehr passte“, entließ man ihn aus der Schule.

Herbert Ullrich erwähnt zwei Anekdoten, in der die Riesenkräfte des jungen Thomas Hasler demonstriert werden. So soll er beim Wettkegeln durch besonders kräftige Kegelwürfe aufgefallen sein, womit jedes Mal die hölzernen Kegel zersplitterten. Dies führte dazu, dass man ihn künftig vom Kegeln ausschloss.

Mit zunehmendem Alter kam es zu einer Verformung des gesamten Kopfes. Seine Haut verfärbte sich und wurde fahl. Er wurde menschenscheu und zog sich auf den Scheunenboden des elterlichen Bauernhofes zurück. Nachdem ihm eines Tages im Jahre 1876 plötzlich die Luft wegblieb, starb er 155 Kilo schwer und 2,35 m groß.

Wie jüngste Untersuchungen ergaben, muss Thomas Hasler aufgrund von knöchernen Verwachsungen auf dem rechten Ohr taub gewesen sein, sein linkes Auge sei wahrscheinlich blind gewesen und sein rechtes Auge war durch knöcherne Auftreibung erheblich eingeschränkt. Ständig sollen ihm Tränen über die linke Wange geflossen sein, verursacht durch eine Tränengangsverengung. Seine Nasenatmung wurde ihm erschwert, weil die linke Nasenhälfte durch Knochen komplett verschlossen war; vermutlich funktionierte sein Geruchssinn nicht. Arthrose, eine verschleißbedingte Gelenkerkrankung, hatte seine beiden Kieferngelenke verändert und asymmetrisch verschoben, was ihm Schmerzen beim Kauen verursachte. Neben Schluckbeschwerden hatte er vermutlich auch an Sprachstörungen gelitten und während des Schlafes laut geschnarcht.

Medizinische Desinformation als wissenschaftliche Erkenntnis
Wie Ullrich berichtet, ergaben die Befunde der jüngsten Untersuchung des Skeletts von Thomas Hasler zwei voneinander unabhängige Krankheiten, an denen der Riese gelitten haben muss. Nach den Erkenntnissen der „modernen Ärzte“ habe ein Wachstumshormon produzierender Tumor der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) den Riesenwuchs (juveniler Gigantismus) verursacht; der in früherer Zeit mit dem Riesenwuchs in Verbindung gebrachte Hufschlag sei dagegen als Ursache auszuschließen, und die monströsen Knochenverdickungen des Schädels seien auf eine fibröse Dysplasie, eine angeborene Knochenkrankheit, zurückzuführen. Hatte Herbert Ullrich das Leid Haslers zuvor noch als „zwei voneinander unabhängige Krankheiten“ beschrieben, stellt er abschließend fest: „Sehr wahrscheinlich sind beide Krankheiten auf einen gemeinsamen Gendefekt(Defekt des G-Proteins) zurückzuführen.“

Offenbar war er sich als Anthropologe nicht bewusst, dass er damit in eine Art Wespennest von medizinischen Desinformationen getreten war. Die Genetik wird von der Pharmaindustrie als äußerst lukrativ angesehen und die meisten Mediziner erhalten ihre neuesten „Fachinformation“ im Gefolge von neuen, kostenlos verteilten Medikamenten, die sie an ihren Patienten ausprobieren dürfen, als Desinformation der Pharmaindustrie, die negative Aspekte verschweigt. Der Begriff „G-Protein“ geistert seit einigen Jahren durch die medizinische Landschaft. Wenn man nach der Kausalität einer Erkrankung sucht, dann muss häufig – laut Pharmakologen-Stammtischwissen – das G-Protein dafür herhalten. Zu den umsatzstärksten Medikamenten, die auf G-Protein gekoppelte Rezeptoren wirken, zählen Betablocker, Neuroleptika und Antihistaminika. Von Betablockern wurde kürzlich bekannt, dass sie keineswegs das Leben von Herzpatienten verlängern, sondern in den meisten Fällen verkürzen. Laut der Neuen Zürchner Zeitung ereigneten sich vermehrt Todesfälle, die auf die Einnahme von Betablockern zurückzuführen sind. Die Pharmaindustrie, die einen Grossteil der klinischen Forschung finanziere, habe mangelndes Interesse an pharmakogenetische Untersuchungen, wie der Kardiologe Helmut Drexler von der Medizinischen Hochschule in Hannover „in einem Gespräch“ beklagte. Denn bei solchen Studien könne sich herausstellen, dass ein Medikament nicht allen Betroffenen nütze und folglich seltener verschrieben werden dürfe.

Die Forensiker, die sich mit den Knochen von Thomas Hasler vertraut gemacht hatten, schlossen aus, dass der Hufschlag die Tumorbildung verursacht habe. Doch neuere medizinische Erkenntnisse widersprechen dieser Annahme. Wahrscheinklich hat der Schlag zu Beschädigungen der Halswirbelnerven geführt, was nitrosativen Stress auslöste, woraufhin, da damals keine Therapie erfolgte, es nur eine Frage der Zeit war, wann es zu irreversiblen Genschäden und damit zur Tumorbildung kam. Aber das erwähnt Herbert Ullrich leider nicht in seinem Buch, das sicherlich ein ganz netter Schmöker sein könnte, wenn nicht der Verlag ein zweispaltiges Layout mit kleiner Schrift gewählt hätte.

Als höchst unangenehm macht sich die Wahl des glatten Papiers bemerkbar: Es dünstet unablässig toxische Lösemittel aus, die beim Recyceln vom Altpapier zum Herunterwaschen alter Druckerfarbe eingesetzt werden. Solche Recycel-Papiere werden den Druckereien und Verlagen als „umweltfreundlich“ angedreht, weil vorgeblich keine neuen Bäume zur Papierherstellung gefällt werden müssen. Doch solche Papiere sind alles andere als umweltfreundlich, wie das Beispiel des wohl größten Papierrecyclers Europas in der schwedischen Stadt Falun gezeigt hat. Durch den Einsatz der Lösemittel setzte rund um die Stadt weitläufig ein Baumsterben und Versauern der Seen ein. Was solchermaßen Baumsterben verursacht, greift aber auch in die Gesundheit von Menschen ein und schädigt diese nachhaltig. So gesehen trägt das vom Verlag Dr. Friedrich Pfeil herausgebende Buch von Herbert Ullrich zur Bildung von neuen Totenschädeln bei. Es ist nicht nur eine Frage der Zeit, wann wir Leser sterben. Nicht nur chemikalien-empfindlichen Lesern sei daher ein wirksamer Atemschutz bei der Lektüre des Buches empfohlen.

Links:
Skull & Bones
Geschichtsschreiber Bush
G-Protein
Betablocker nützen nicht allen

Literatur:
Zur Praxisrelevanz von nitrosativem Stress, Bodo Kuklinski,
umwelt-medizin-gesellschaft 2/2005
Schädel-Schicksale historischer Persönlichkeiten, Herbert Ullrich, Verlag Dr. Friedrich-Pfeil, München, ISBN 3-89937-055-4

DVD-Empfehlung:
„The Skulls“, Thriller/Drama, USA/Kanada.
Buch: John Pogue, Regie: Rob Cohen – newmarket films/Universal Studios.
senden Inhalt: Zwei Studenten treten einem Geheimbund an der Universität Yale bei. Als einer der beiden ermordet wird, wird dem anderen schnell klar, dass er sich für mehr verpflichtet hat, als ihm eigentlich lieb war…

Hinweis:
Dieses Essay wurde zuerst am Sonntag, 13. November 2005 bei NH publiziert.




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