Die Schwobbler kommen

Diese Satire wurde erstmalig 2004 in dem Berner Kulturmagazin „ensuite“ innerhalb der dreiteiligen Serie „Den Sphinx zu verjagen“ veröffentlicht. Diese Publikation geschieht nun aus Anlaß der erfolgreichen Landung der NASA-Sonde „Phoenix“ auf dem Mars. Die Illustrationen dazu lieferte jetzt exklusiv Teo Vadersen.

Harald Haack – Am 210. Marstag seiner Mission erreichte der Mars-Erkundungsrover „Spirit“ am 5. August 2004 in der Region um den Gusev-Krater eine Felsformation, die von der NASA auf „Longhorn“ getauft wurde.

Wie auch anderswo auf dem Mars gab es hier viel Staub, scheinbar gefriergetrockneten Schlamm und unendlich viele zerbrochene Felsbrocken. Erstmals zeigten die Bilder der ferngesteuerten Vehikel eine eindrucksvolle Gebirgswelt auf dem Mars.

Einst sei dies alles Teil einer Unterwasserlandschaft gewesen, ein Meeresboden, erkannten Wissenschaftler wenige Marstage später. Dessen waren sich die Experten einig.

Mit den Erfolgen ihrer baugleichen Rover „Spirit“ und „Opportunity“ hatten sie Geschichte geschrieben. Die ersten Farbfotos des Mars-Rovers „Spirit“ verblüfften nicht nur die NASA-Wissenschaftler. Aber mit der mysteriösen lehmähnlichen Substanz, ein seltsam zusammenhaftendes Material mit fremdartiger Struktur, das zwischen den Felsbrocken und Steinen klebte, kamen die Marskundler lange Zeit nicht klar.

„Es sieht aus wie Schlamm, aber es kann kein Schlamm sein“, sagte der NASA-Wissenschaftler Steve Squyres von der Cornell University. Die Abdrücke, welche das Landemodul von „Spirit“ im Marsboden verursacht hatte, seien seltsam. „Ich verstehe das nicht und kenne auch niemand in meinem Team, der sich das erklären kann.“ Dennoch fand er selbst sehr schnell eine Erklärung. Squyres sagte, möglicherweise sei Feuchtigkeit aus tieferen Schichten aufgestiegen und habe Mineralien zurückgelassen, die sich dann wie Zement verhalten hätten. Das Material wurde zusammengedrückt und hat eine Konsistenz, als wäre es feucht.

Bald schon aber schienen die beiden Rover der NASA zu Sorgenkindern zu werden.

Die Missionen waren in Gefahr vorzeitig beendet zu sein. Software-Probleme hatten „Spirit“ aus dem Verkehr gezogen, und dann zeigten sich auch bei der Schwestersonde „Opportunity“ erste Schwächen. Ein Energieverlust machte dem Roboter zunehmend zu schaffen. Ursache war ein Heizelement, das sich nachts angeblich von allein einschaltete und Energie verbrauchte. Die Techniker rechneten mit mehreren Wochen, bis beide Rover wieder vollständig funktionierten, wenn es denn gelänge sie wieder flott zu machen.

Für „Spirit“ hatte kaum einer noch Hoffnung. Die genauen Ursachen für seine Probleme mit dem Flash-Speicher für Bilddaten waren nach wie vor unklar. Die zuständige NASA-Technikerin Jennifer Trosper erklärte, „Spirit“ habe auf seiner Reise zum Mars wohlmöglich zu viele Informationen in den Speicher geladen, die jetzt die gesamte Software blockierte.

Trosper räumte ein, dass das Dateisystem von „Spirit“ auf der Erde zwar getestet wurde, allerdings nur für einen Zeitraum von maximal neun Tagen. Bis der lädierte Rover wieder einsatzbereit sei, könnten mehrere Wochen vergehen. Möglich sei allerdings auch, dass „Spirit“ nie mehr seine volle Leistungsfähigkeit erreiche.

Doch zur Freude aller kam es anders. Bald schon rollten beide Rover munter über den Marsboden und entfernten sich immer mehr von ihren Landestellen, die, im Vergleich zu dem was ihnen noch begegnen sollte, fade wirkten. Sie machten viele Entdeckungen, bohrten Löcher in Felsen, analysierten deren Beschaffenheit und lieferten den Erdbewohnern atemberaubende Bilder.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Mannigfaltig hat sich die Erde verändert. Wir schreiben das Jahr 2032. Die Vereinigten Staaten von Amerika zerfielen in Größenwahn und Terror-Hysterie. CIA und NSA sowie die Homeland-Security existieren nur noch in billigen Horrorgeschichten. Die NASA ist aufgelöst. Nun gibt es die Free International Space Agency (FISA). Deren Astronauten pendeln zwischen Erde, Mond und Mars. Unweit des von der NASA ausgeschalteten Rovers „Spirit“ fanden sie vor drei Jahren am 18. Januar 2029 höheres Leben. Auf der Erde war die Überraschung groß gewesen, obwohl „Spirit“ schon 2004 die Viecher auf Fotos recht deutlich gezeigt hatte. Doch kein US-Wissenschaftler wollte sie als lebendig erkennen. Treu der Bush-Administration ergeben, waren sie erblindet. Über die Jahre hinweg hielten sie die Wesen für ordinäre staubige Felsbrocken.



Es sind für Menschen augenscheinlich ungefährliche, wenn auch reichlich dumme Tiere. Aber dennoch scheint von ihnen ein nicht länger zu leugnender Wandel auszugehen.
© 2008 Illustrationen zu „Die Schwobbler kommen“ von Teo Vadersen

Der aus Bern stammende FISA-Astronaut Frödi Burre, der die Mischwesen aus Fisch, Schnecke und Pfeilschwanzkrebs entdeckte, hatte aufgeregt zur Erde gefunkt: „Um mich herum schwobbelt und krobbelt es. Der ganze Boden lebt.“ Mediziner attestierten ihm daraufhin schwere Bewusstseinsstörungen, ausgelöst durch hochenergetische Sonnenstrahlung. Einige bescheinigten ihm pures Wunschdenken. Die kollektive Blindheit der finsteren Zeit des Globalismus steckte noch in den Köpfen.

Aber dann platzte die Bombe, als sich aus den von Frödi Burre auf dem Mars eingesammelten Sedimenten im Genfer Labor des Eidgenössischen Geologischen Institut (EGI) die „Schwobbler“, wie man die Viecher fortan nannte, entwickelten. Zunächst wirkten sie unter dem Mikroskop wie winzige Fliegenmaden und es gab Streit wegen einer Verunreinigung der kostbaren Fracht vom Mars mit irdischem Material. Ja, möglicherweise stammte der „Dreck“, wie die Medien argwöhnten, aus Burres bäuerlichem Privat-Garten in Wohlen. Der mit der Untersuchung betraute Genfer Wissenschaftler sah sich veranlasst, die Arbeiten abzubrechen, als Burre unter dem Druck der Öffentlichkeit zugab etwas Heimaterde als Glücksbringer zum Mars mitgenommen zu haben. Daraufhin machte der Genfer Wissenschaftler einen entscheidenden Fehler: Verärgert schüttete er die vermeintliche Wohler Gartenerde aus dem Fenster im 11. Stock des Instituts. Vom heißen Sommerwind auseinander gerissen verteilten sich die Partikel mit den Maden weitläufig in Genf, rieselten auf benachbarte glühend heiße Dächer und auf den nicht minder heißen Beton der Straße.

Das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Klimawandels auf der Erde hatte seit der Landung der Rover „Spirit“ und „Opportunity“ im Jahre 2004 auf dem Mars alle natürlichen Klimaschwankungen der letzten 1000 Jahre weit übertroffen. In der Gluthitze der Genfer Straßenschluchten entwickelten sich die Schwobbler vom Mars rasant. Aber auch auf den Dächern vermehrten sie sich prächtig und wuchsen zu erstaunlicher Größe heran. Alarmierte Kammerjäger gaben bald auf. Gegen die Schwobbler gab es kein Gift.

Doch es gab in Bern einen kleinen fettsträhnigen Hongkong-Chinesen, Tsien Lee Tschang, dem es mit Hilfe der Schwobbler und seiner raffinierten, wenn auch etwas abartig anmutenden Kochkunst gelang, die Viecher in schmackhafte Speisen zu verwandeln.

Eidgenossen labten sich daran und wurden bald so fett wie die deutschen Politiker. Wie schon erwähnt, schreiben wir jetzt das Jahr 2032. Tschangs Rezepte zur Zubereitung der Schwobbler sind längst Allgemeingut geworden und das Ernährungsproblem der Weltbevölkerung scheint gelöst. Dennoch vermehren sich die Schwobbler immer noch wie verrückt und werden größer und fetter als ihre auf dem Mars in eisiger Kälte lebenden Artgenossen, da sie auf der Erde alles vorfinden was sie zum Leben brauchen und das sind vor allem Sand und Wasser und Hitze.

Es sind für Menschen augenscheinlich ungefährliche, wenn auch reichlich dumme Tiere. Aber dennoch scheint von ihnen ein nicht länger zu leugnender Wandel auszugehen.



© 2008 Illustrationen zu „Die Schwobbler kommen“ von Teo Vadersen

Längst haben sie nämlich die Strände von Mallorca sowie der Kanarischen Inseln leer gefressen und vom Sand vollständig befreit. Überall schwabbeln die Schwobbler und fressen sich durch die Sedimente Europas, Afrikas, Amerikas und Asiens. Ausscheidungen haben sie offenbar keine. Keinem Wissenschaftler war es je gelungen die Schwobbler bei ihrem „Geschäft“ zu studieren. Doch wo sie auftauchten, gab es bald eine mysteriöse lehmähnliche Substanz. Die Schwobbler hatten alle rigoros enteignet, die Gesetze dem Wind anvertraut, schneller noch als es reformsüchtige Politiker je vermocht hätten.

Sie fressen, wachsen, vermehren sich und sterben und zerfallen zu ätzendem Staub, der dann wieder Mörtel und Beton von Gebäuden zersetzt und den darin befindlichen Sand freigibt, der von den lebenden Schwobblern wiederum vertilgt wird.

So verschwinden jetzt täglich ganze Städte. Von Bern existieren nur noch die Grundmauern des Bundeshauses, eine Parkuhr und das von den Schwobblern verschmähte Papier der eidgenössischen Bürokratie. Tausendfach flattern die mit Verordnungen und Erlassen, Anträgen und Abstimmungen bedruckten Blätter wie herbstliches Laub über die verbliebenen alten Straßenpflaster der nunmehr legendären Stadt an der Aare. Nun war sie endlich da, die erträumte Chancengleichheit der Schweizer.





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