Die 13. Linde: Schildbuergerstreich in Salzwedel?

Carl Landow – Einst war die Hansestadt Salzwedel Teil der Mark Brandenburg, und dort gibt es die seit dem 16. Jahrhundert durch einen Schwankroman berühmt und berüchtigt gewordene Stadt Schilda, die Vorlage für die Schwänke über die Schildbürger sein soll.

Um nicht von Königen und Kaiser verpflichtet zu werden, so heißt es, hatten sich die Bürger von Schilda, die als klug galten, eine List ausgedacht. Sie stellten sich dumm und interpretierten jede Metatapher wörtlich. Damit hatten sie nicht nur Erfolg. Mit der Zeit sollen sie sich so sehr ans Dummstellen gewöhnt haben, dass sie fortan nur noch dumm waren und durch allerlei Torheiten dumm auffielen und man sie „Schildbürger“ nannte.

In den wohl bekanntesten Schwänken über die Schildbürger geht es um deren Rathaus: Als sie sich ein neues Rathaus bauten, vergaßen sie die Fenster, und als sie merkten, dass es stockfinster darin war, versuchten sie mit Eimern das Sonnenlicht einzufangen und ins Innere des Gebäudes zu tragen, was misslingt. Und wahrscheinlich ist dann einer auf die Idee zu kommen, das Rathaus an einen lichteren Platz zu schieben. Aber wie verschiebt man ein Rathaus? Vor allem: Woran stellt man fest, dass man es verschoben hat? Einer der an der Rathausverschiebung beteiligten Schildbürger breitete, da ihm vom Schieben warm geworden war, seine Jacke neben dem Rathaus aus und erklärte den anderen Schildbürgern, seine Jacke diene nun als Markierung der Rathausverschiebung. Und so schoben und drückten sie am Rathaus und kriegten nicht mit, dass ein Landstreicher die Jacke mitnahm. Erschrocken stellten die Schildbürger fest, dass die Jacke fehlte und glaubten, das Rathaus zu weit verschoben zu haben.

Ein anderer Schwank handelt davon, wie die Schildbürger vor der Stadtmauer Bäume fällten und diese nicht durchs Stadttor kriegten. Sie hatten die Stämme nämlich quer vor sich her getragen. Deshalb schlugen sie in ihre Stadtmauer ein Loch, das ausreichend breit war, um die Stämme quer hindurch zu tragen. Nachdem sie die Stämme hindurch getragen hatten, stellten sie fest, es wäre einfacher gewesen die Stämme der Länge nach durchs Stadttor zu schleppen. Also schafften sie die Baumstämme wieder aus der Stadt, mauerten das Loch in der Stadtmauer wieder zu und trugen die Stämme der Länge nach durchs Stadttor.

Linden flachgelegt

Zwischen Schilda und Salzwedel liegen zwar ca. 300 Kilometer Wegstrecke, aber dennoch scheint die Nähe zu den Schildbürgern vorhanden zu sein.

Der Ex-Bürgermeister Norbert Hundt (SPD) hatte einen Antrag zur „Erneuerung der Bäume“ des Salzwedeler Heine-Platz gestellt. Dort standen etliche hochgewachsene Linden. Nach einem Ortstermin des Bauausschusses am 16. April 2007 hatte das Gremium Hundts Antrag zum Fällen von 12 Linden zugestimmt: Im „Sinne einer einheitlichen Gestaltung“ sollten beide Reihen Linden „komplett weggenommen“ werden. Die Bäume wurden abgesägt, und mit ihnen auch eine 13. Linde. Doch für diesen Baum habe es nie einen Stadtratsbeschluss gegeben, hatte Stadtratsvorsitzender Dr. Frank Heck der Salzwedeler Lokalpresse mitgeteilt, und die Rathausverwaltung verstrickte sich in Widersprüche.

Die Linde sei nicht mehr standsicher gewesen, der Stamm hohl, die Krone marode und das Wurzelwerk sei auch schadhaft gewesen, versuchte man die illegale Aktion zu verteidigen. Doch Lokalreporter, die am 8. Oktober 2007 das Fällen aller Bäume verfolgt hatten, wollen nichts nichts von den behaupteten Gründen gesehen haben, und keiner der an der im „Sinne einer einheitlichen Gestaltung“ beteiligten „Baumerneurer“ hatte sie dokumentiert. Dumm gelaufen.

Es kam, was kommen musste: Grünen/Pro Baum-Stadträtin Erika Schröder forderte Konsequenzen und Aufklärung. Aus dem Rathaus hatte man ihr die mutmaßlich fadenscheinigen Gründe, wie Beschädigungen an der Wurzel der 13. Linde durch Bauarbeiten, mitgeteilt. Doch das erboste Roman Galeiwa, dessen Unternehmen mit der Umgestaltung des Platzes beauftragt ist. Er soll es als „Unsinn“ bezeichnet haben: „Es gab keine Schäden.“ Natürlich nicht. Oder doch? Vielleicht auch nicht.

Und so bleibt nun alles (wieder einmal) an SPD-Mann Norbert Hundt hängen, der auf die nach einem Schildbürgerstreich anmutende Idee der „Baumerneuerung“ durch Absägen gekommen war. Er soll sich, wie in Salzwedel herum erzählt wird, damit verteidigt haben, immerhin sollten nun junge Linden gepflanzt werden und die hätten in zehn bis fünfzehn Jahren ein „einheitliches Aussehen“. Alteingesessene Anwohner indes befürchten schon, man werde sie demnächst aus ihren Wohnungen werfen und durch junge Mieter ersetzen…





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